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Essstörungen: Je dünner, je toller?
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Gesundheit

Essstörungen: Je dünner, je toller?

Ein paar Pfunde loswerden – das wünschen sich viele. Für manchen Jugendlichen, insbesondere für viele Mädchen, hängt allerdings an ein paar Kilo Körperspeck der ganze Traum von einem schöneren Leben. Aber wenn dann nach immer drastischeren Diäten schließlich sogar Kleidergröße XXS locker passt, ist das Glück noch…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
7 Minuten
Rubrik
Gesundheit
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Ein paar Pfunde loswerden – das wünschen sich viele. Für manchen Jugendlichen, insbesondere für viele Mädchen, hängt allerdings an ein paar Kilo Körperspeck der ganze Traum von einem schöneren Leben. Aber wenn dann nach immer drastischeren Diäten schließlich sogar Kleidergröße XXS locker passt, ist das Glück noch immer nicht da, stattdessen hat die Magersucht die Jugendlichen voll im Griff: Die Gedanken kreisen den ganzen Tag um Essen und Hungern, und anstelle eingefallener Wangen und hervorstehender Knochen sehen die Magersüchtigen beim Blick in den Spiegel trotz starkem Untergewicht noch immer vermeintlich unerträgliche Fettpolster. „Wer richtig tief in der Magersucht steckt, erreicht nie einen Punkt, an dem er sich gefällt. Deshalb gibt es ja auch immer wieder die schrecklichen Verläufe, die mit dem Tod enden“, erklärt Andreas Schnebel, Vorstand des Bundesverbandes Essstörungen e.V.

Nicht ganz so lebensbedrohlich, dafür aber umso verbreiteter ist die Bulimie, auf Deutsch Ess-Brechsucht genannt. Etwa dreimal häufiger als in die Magersucht geraten Jugendliche in den Bulimie-Teufelskreis aus Heißhungerattacken, Erbrechen und Scham. Weil das Gewicht der Bulimiker oft unauffällig ist, bleibt die Krankheit der Familie mitunter lange verborgen.

Obwohl sich Magersucht und Bulimie auf den ersten Blick unterscheiden – rigides Kalorienzählen auf der einen, ungezügeltes Essen auf der anderen Seite – haben die beiden Essstörungen doch einiges gemeinsam: Sie beginnen häufig in der Pubertät oder kurz darauf, gehen mit panischer Angst vor dem Dicksein einher, schädigen die Gesundheit erheblich und bringen einen hohen Leidensdruck mit sich. Außerdem ist bei beiden Krankheiten das gestörte Verhältnis zum Essen nur die Spitze des Eisbergs, die eigentlichen Probleme der Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen tiefer. Vor allem um das Selbstwertgefühl der Essgestörten ist es meist nicht gut bestellt.

Das Diktat der Schönheit

Vorschub erhalten die Essstörungen von dem strengen Schönheitsideal unserer Zeit. Denn schöne Menschen sind vor allem schlanke Menschen, die Botschaft der Hochglanzmagazine und Werbeplakate ist allgegenwärtig und unschwer zu entziffern. Wie empfänglich gerade Jugendliche für die Botschaften der Schönheitsindustrie sind, zeigt der ungebrochene Erfolg von Castingshows wie „Germany’s next Topmodel“, in denen ein gesundes Essverhalten definitiv nicht die Hauptrolle spielt.

Zwar hat es, als 2010 im amerikanischen Gegenstück des TV-Modelwettbewerbs die stark untergewichtige Ann Ward gewann, verstärkt Kritik gegeben, trotzdem hat es die 1,90 Meter große und nur 45 kg leichte Siegerin auf das Cover der Modezeitschrift Vogue geschafft und arbeitet weiter an ihrer Laufstegkarriere. In Israel allerdings hätte Ward schlechte Aussichten auf neue Aufträge. Angestoßen durch den Tod der magersüchtigen Hila Elmalich dürfen dort seit März 2012 nur noch Models arbeiten, deren Body-Mass-Index im von der Weltgesundheitsorganisation vorgegebenen Normbereich liegt, also bei mindestens 18,5.

Der Ruhm der Allerschlanksten allein ist es nicht, der pubertierende Mädchen in den Hungerwahn treibt, ebenso stark ist ihre Angst vor dem Dicksein – niemand möchte schließlich zu denjenigen gehören, die auf dem Schulhof unbarmherzig „fette Sau“ genannt werden. Diäten scheinen Abhilfe zu versprechen. Nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung versuchen 26 Prozent der 13- bis 16-Jährigen, Kalorien zu sparen, weil sie mit ihrem Gewicht unzufrieden sind. Doch das scheinbar harmlose Unterfangen, ein paar Pfunde zu verlieren, kann in einen langen Leidensweg münden.

„Ein typischer Verlauf – wenn auch nicht der einzige – sieht so aus, dass jemand in der Pubertät ein bisschen zunimmt, eine Diät beginnt, die sich dann verselbstständigt, und dann in der Magersucht hängenbleibt“, erklärt Schnebel, der seit fast 30 Jahren Essgestörte betreut. Er beobachtet auch, dass sich der Druck des Schönheitsideals in den letzten Jahren verstärkt hat: „Heute sind viel mehr Jungen und junge Männer von Essstörungen betroffen. Außerdem beginnt die Störung früher. Vor 30 Jahren haben sich noch keine 11- oder 12-Jährigen bei uns gemeldet. Heute gibt sogar schon Achtjährige, die eine richtige Magersucht oder Bulimie haben.“

Heilung von der Essstörung

Was tun gegen Magersucht und Bulimie? Gut gemeinte Aufforderungen wie „Iss doch!“ oder „Erbrich nicht mehr!“ erreichen selten ihr Ziel, es handelt sich buchstäblich um eine Sucht, über die die Kranken wenig Kontrolle haben. Hinzu kommt, dass die Essstörungen für die Betroffenen einen Zweck erfüllen, wenn auch nicht gerade den, sich zu Tode zu hungern oder durch das ständige Erbrechen die Zähne für immer zu schädigen. Aber der Erfolg beim Abnehmen, während Andere bei Diätvorhaben scheitern, das Gefühl der Kontrolle oder auch die Macht, die Magersüchtige durch ihre Essensverweigerung innerhalb der Familie ausüben, machen das Aufhören schwer.

Hinzu kommt, dass es viele Jahre dauern kann, bis sich bei den Betroffenen die Einsicht einstellt, dass sie nicht nur gern Abnehmen würden, sondern an einer Essstörung leiden. Dann aber wird es mit der Heilung immer schwieriger. „Je früher jemand eine Therapie beginnt, desto größer sind auch die Heilungschancen“, erklärt Schnebel. Im Idealfall normalisiere sich das Essverhalten nach einer Therapie wieder völlig – das sei bei etwa einem Drittel der Magersucht- und Bulimiepatienten der Fall. „Bei einem weiteren Drittel stabilisiert sich das Essverhalten, allerdings auf einem nicht ganz gesunden Niveau“, so Schnebel weiter. „Bei dem letzten Drittel wird die Essstörung chronisch – in diese Gruppe fallen bei der Magersucht die Fälle, die mit dem Tod enden.“

Deshalb rät der Psychologe, der zugleich die Münchner Beratung für Essstörungen ANAD e.V. leitet, möglichst frühzeitig fachkundigen Rat einzuholen. Um den Schritt zum Dialog möglichst einfach zu gestalten, bieten Verbände und Organisationen, die sich der Unterstützung Essgestörter verschrieben haben, in vielen Städten offene Sprechstunden an, und sogar Beratung per Telefon, Chat oder E-Mail ist möglich.

Kommt es zu einer Therapie, dann richtet sich deren Art und Dauer nach dem jeweiligen Einzelfall – je nach Schwere der Essstörung und nach der persönlichen Lebenssituation bietet sich zum Beispiel eine ambulante Verhaltenstherapie oder auch ein Klinikaufenthalt an. An dessen Anschluss können die Patientinnen unter Umständen auch einige Monate in einer Wohngruppe leben und sich dort langsam auf die Rückkehr in Familie und Alltag vorbereiten. Denn im gewohnten Umfeld droht die Gefahr des Rückfalls. Schnebel erzählt: „Es kommt häufig vor, dass sich die Jugendlichen fern von der Familie in der Therapie gut entwickeln, aber wenn sie dann zurückgehen, dann hat sich dort fast nichts geändert.“ Deshalb wünscht er sich mehr Therapien, die die ganze Familie einbeziehen – in der Realität käme das aber kaum vor, da die Krankenkassen die Kosten für Familientherapien nicht übernähmen.

Warum das familiäre Umfeld so wichtig ist, erklärt er mit dem systemischen Ansatz, mit dem Psychologen Konflikte und Störungen zu lösen versuchen: „Wir betrachten die Familie als ein System, in dem es verschiedene Personen mit verschiedenen Themen gibt. Jemand mit Magersucht ist dann beispielsweise der so genannte Symptomträger, er muss aber gar nicht unbedingt der gestörteste oder kränkste Teil der Familie sein.“

Was Essgestörten hilft – und was nicht

Je früher die Essstörung erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen, darüber sind sich Fachleute einig. Das Problem: Der Zeitpunkt, an der sich die Diät nicht mehr stoppen lässt, ist schwer zu bestimmen. Und Eltern, deren 12jährige Kinder unglücklich mit ihrem Gewicht sind, stehen oft ratlos da. Frühwarnsignale dafür, dass sich eine Essstörung entwickeln könnte, sieht Andreas Schnebel zum Beispiel, wenn sich der Nachwuchs extrem viel mit den Themen Essen und Gewicht beschäftigt oder sich gar immer restriktiver ernährt. „Erst lassen sie zum Beispiel alle Teigwaren weg, dann verzichten sie auch auf alle Saucen und so weiter.“

Schnebel gibt zu, dass Eltern häufig wenig Einfluss nehmen können, wenn der Nachwuchs das Essen verweigert. Trotzdem rät er Müttern und Vätern, ihre Kinder nicht zu stark zu konfrontieren – auch wenn das sehr, sehr schwer falle. „Sie sollten also nicht sagen ‚Ich habe bemerkt, dass du dich erbrochen hast’ oder gar Druck ausüben mit Sprüchen wie ‚Wenn du so dürr bist, findest du nie einen Mann!’“, erklärt der Psychologe. Hilfreicher sei es, einfach nur nach dem Befinden zu fragen: „Ich habe den Eindruck, dass es dir nicht so gut geht.“ Und dann auch gegebenenfalls zu akzeptieren, dass die Frage abgeblockt werde. Besorgten Eltern rät Schnebel außerdem, ihre Fragen in einer Beratungsstelle für Essstörungen zu besprechen – dort habe man nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für deren Angehörige ein offenes Ohr.

Den besten Schutz vor einer Essstörung allerdings können Eltern ihren Kindern schon lange vor der Pubertät mitgeben, nämlich ein starkes Selbstwertgefühl – eins, das auch einem zu runden Po oder anderen „Makeln“ standhält. „Schließlich sehen die wenigsten von uns ja so aus, wie sie es sich perfekt vorstellen“, resümiert Schnebel.

Linktipp: "Teste dein Essverhalten" der Essstörungsberatung ANAD e.V.

https://www.anad.de/hilfe-tipps-fuer/teste-dein-essverhalten/

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