Wovon hängt die gute Integration in den Schulen und Kindergärten ab?
Stanat: Gute Integration im Bildungssystem hängt zum einen von den Lernvoraussetzungen ab, die Kinder und Jugendliche mitbringen, und zum anderen von der Qualität der Förderung und Unterstützung, die sie in Kindergärten und Schulen erhalten. Zugewanderte Familien und ihre Kinder haben oft hohe Erwartungen – sie wollen im Aufnahmeland erfolgreich sein und sind entsprechend motiviert.
Je nachdem, wie alt die Heranwachsenden zum Zeitpunkt der Zuwanderung sind und wie anregungsreich ihr familiäres Umfeld ist, bringen sie zudem schulbezogenes Vorwissen mit, an das angeknüpft werden kann. Gute Integration setzt voraus, dass dieses motivationale und kognitive Potenzial vom Bildungssystem erkannt und aufgegriffen wird, was wiederum eine effektive und effiziente Sprachförderung erfordert.
Was nicht passieren darf ist, dass zugewanderte Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse scheitern. Dies würde Chancen ungenutzt lassen und Frustration auslösen – sowohl auf Seiten der Zugewanderten als auch auf Seiten der Aufnahmegesellschaft. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien oft traumatisiert sind. Erfolgreiche Integration setzt auch voraus, dass diese Kinder dabei unterstützt werden, ihre Erfahrungen zu verarbeiten.
Gibt es Erfahrungswerte, wie schnell Kinder und Jugendliche, die eine deutsche Schule oder einen Kindergarten besuchen, Deutsch lernen?
Stanat: Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Wie schnell die deutsche Sprache erworben wird, hängt unter anderem vom Lebensalter der Heranwachsenden ab – je jünger ein Kind zum Zeitpunkt der Zuwanderung ist, desto schneller wird es in der Regel Deutsch lernen. Aber auch das in der Muttersprache erreichte Niveau kann den Lernerfolg bei der Zweitsprache beeinflussen. Auch ob ein Kind oder ein Jugendlicher in seiner Muttersprache bereits lesen und schreiben kann wird einen Einfluss auf die Zweitsprachentwicklung haben.
Mit anderen Worten: Es hängt sehr stark vom Einzelfall ab, wie intensiv und wie lange ein Kind oder ein Jugendlicher sprachlich gefördert werden muss. Hinzu kommt, dass die sprachlichen Anforderungen mit fortschreitender Bildungslaufbahn ansteigen. In aller Regel wird es daher erforderlich sein, auch nach einer intensiven Anfangsförderung, etwa in sogenannten Willkommens- oder Vorbereitungsklassen, die bildungssprachliche Entwicklung weiterhin zu unterstützen.
Sind Schüler in Klassen mit Flüchtlingskindern benachteiligt? Lernen sie langsamer oder schlechter dadurch, dass sie gemeinsam mit Kindern ohne Deutschkenntnisse unterrichtet werden?
Stanat: Wir wissen aus einer ganzen Reihe von Studien, dass in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Zuwanderungshintergrund tendenziell geringere Leistungen erzielt werden. Dies lässt sich aber vollständig auf die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft zurückführen. Entscheidend ist also nicht, ob viele Kinder und deren Eltern zugewandert sind, sondern wie viele Kinder aus eher bildungsfernen Familien stammen.
Ich vermute, dass sich diese Ergebnisse auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation übertragen lassen. Viele der geflüchteten Familien sind bildungsorientiert und haben hohe Erwartungen für ihre Kinder, was sich sogar positiv auf die Lehr-Lernsituation in der Klasse auswirken sollte. Damit sich dieses Potenzial entfalten kann, müssen die Schülerinnen und Schüler allerdings effektiv dabei unterstützt werden, die sprachlichen Hürden, mit denen sie konfrontiert sind, zu überwinden.
Gibt es bereits didaktische Konzepte, die eingesetzt werden?
Stanat: In den Bundesländern werden verschiedene Modelle umgesetzt, die sich darin unterscheiden, inwieweit zugewanderte Kinder in getrennten Klassen unterrichtet werden oder am Regelunterricht teilnehmen. Insbesondere in der Sekundarstufe ist inzwischen die Praxis verbreitet, dass zunächst eine intensive Sprachförderung in separaten Klassen erfolgt, wobei für einzelne Fächer eine Teilnahme am Unterricht in der Regelklasse vorgesehen sein kann.
Auf diese Weise wird versucht, sowohl die sprachliche als auch die soziale Integration der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Wie die Kinder didaktisch gefördert werden, wird allerdings weitgehend den Lehrkräften überlassen. Zwar existieren theoretisch fundierte Vorstellungen darüber, wie eine Zweitsprachförderung angelegt sein sollte, um effektiv zu sein. Belastbare Befunde zur Frage, was tatsächlich wirksam ist, liegen bislang jedoch nicht vor.
Welche Rahmenbedingungen sollten Ihrer Ansicht nach geschaffen werden, damit ein gemeinsames Lernen erfolgreich ist?
Stanat: Letztlich hängt es von der Qualität des Unterrichts ab, inwieweit Schülerinnen und Schüler die angestrebten Leistungen erzielen. Angesichts der aktuellen Situation stellt sich die Frage, wie Unterricht gestaltet werden muss, damit Kinder und Jugendliche aus geflüchteten Familien erfolgreich lernen können.
Momentan wird viel über Oberflächenmerkmale diskutiert, etwa über die Frage, ob eine getrennte Beschulung dieser Gruppe von Heranwachsenden sinnvoll ist, wie lange diese andauern sollte und so weiter. Wichtig ist aber auch zu wissen, welche Förderansätze wirksam sind, was in der Praxis gegeben sein muss, damit ihre Umsetzung gelingt, und inwieweit die Ansätze dann auch tatsächlich effektiv sind.



