Als im August 1967 ein schwerkranker Patient in die Marburger Universitätsklinik gebracht wird, vermuten die Ärzte zunächst eine heftige Sommergrippe. Doch die Symptome werden immer schlimmer: Das Fieber steigt, der Patient bekommt Durchfall und schließlich starke innere Blutungen, die vor allem den Magen-Darm-Trakt und die Lungen angreifen. Und er ist nicht der Einzige mit solchen Beschwerden - der nächste Kranke kommt, dann noch einer, dann noch einer. Bis zum Ende des Monats lagern 19 Patienten auf der Isolierstation.
Spätestens jetzt ist den Medizinern klar: Sie haben es mit einer gefährlichen Krankheit zu tun. Als Verursacher im Verdacht steht zunächst das Gelbfieber-Virus - doch diese Vermutung entpuppt sich als falsch. Auch andere mögliche Krankheiterreger können im Laufe der Untersuchungen ausgeschlossen werden. Schließlich bleibt als einzige Erklärung: Hier muss ein bisher unbekannter Feind am Werk sein.
Fadenförmiges Virus
Während die Patienten im Krankenhaus um ihr Leben kämpfen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Der Erreger muss so schnell wie möglich identifiziert werden. Im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) reisen Spezialisten für exotische Tropenkrankheiten ins beschauliche Marburg. Doch nicht nur am Ausbruchsort selbst wird nach dem Unbekannten gefahndet. Insgesamt untersuchen acht Laboratorien weltweit Blut- und Gewebeproben der Kranken und führen Tierversuche durch.
Auf die Schliche kommen Wissenschaftler dem Erreger schließlich dann doch dort, wo er ausgebrochen ist. Werner Slenczka vom Institut für Virologie in Marburg und seinen Kollegen gelingt es, den Übeltäter aus Blutproben im Labor infizierter Meerschweinchen zu isolieren und inaktiv zu machen. Diese Proben schicken sie an das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Dort zeigt sich am 20. November, knapp drei Monate nach Beginn des Ausbruchs, ein großes, fadenförmiges Virus unter dem Mikroskop: Es bekommt den Namen Marburg-Virus.
Aus Afrika eingeschleppt
In der Zwischenzeit sind nicht nur Menschen in Marburg erkrankt - auch in Frankfurt und Belgrad ringen im Jahr 1967 Patienten ums Überleben. Von den 31 Infizierten sterben schließlich sieben. Doch wie haben sie sich mit dem tödlichen Virus angesteckt? Auffällig ist, dass fast alle Patienten Wissenschaftler sind, die mit Affen arbeiten - und zwar Tieren, die nicht aus Deutschland stammen.
Sämtliche in Marburg Erkrankte etwa sind Angestellte eines pharmazeutischen Unternehmens, das eine große Anzahl grüner Meerkatzen für die Herstellung von Impfstoffen benötigt und dafür Tiere aus Uganda importiert hat. Es stellt sich heraus: Die Affen haben den Erreger aus ihrer Heimat mitgebracht und dann die Menschen, die mit ihnen in Kontakt waren, angesteckt. Es ist das erste Mal, dass ein Virus aus Afrika nach Deutschland eingeschleppt wird und hier Todesopfer fordert.
Tierisches Reservoir
Heute weiß man mehr über den damals unbekannten Exoten: Er kann durch direkten Kontakt zu infizierten Menschen oder Tieren übertragen werden und hat seinen Ursprung mit ziemlicher Sicherheit in Äquatorialafrika. Dort infiziert er normalerweise tierische Wirte, in denen er sich erfolgreich vermehren kann. Die Identität seines natürlichen Reservoirs ist zwar noch nicht zweifelsfrei geklärt. Infrage kommen aber neben Affen vor allem Flughunde.
Auf den Menschen springt das Marburg-Virus dagegen bisher nur durch Zufall über. Nach 1967 ist das in Südafrika, Kenia, dem Kongo und Uganda passiert. Der bisher größte Ausbruch fand im Jahr 2004 in Angola statt: Damals erkrankten 163 Personen, von denen nur dreizehn überlebten. Eine von einer Uganda-Reise zurückgekehrte Touristin hat den Erreger 2008 zudem erneut nach Europa, in die Niederlande gebracht. Sie steckte aber keine weiteren Menschen an.
Ein Verwandter von Ebola
Solche Infektionen sind für das Virus im Prinzip sinnlos. Denn eine große Zahl der Infizierten stirbt und das relativ schnell. Eine derartige Schädigung seines Wirtes bis hin zu seinem Tod ist für den Erreger kein vorteilhafter Effekt: Schließlich ist er für die eigene Vermehrung auf einen lebenden Wirt angewiesen.
Das Marburg-Virus scheint demnach noch nicht an den Menschen angepasst zu sein - ebenso wie sein enger Verwandter, das Ebola-Virus, das vor drei Jahren in Westafrika mehr als zehntausend Todesopfer forderte. Beide Erreger gehören zur Familie der sogenannten Filoviren. Und für beide Viren ist bisher trotz intensiver Forschung kein standardmäßiges Medikament oder ein ausgereifter Impfstoff verfügbar.
Über Kontinentgrenzen hinweg
Was 1967 in Marburg noch ein Novum war, wird heute zunehmend häufiger: Immer öfter werden exotische Krankheitserreger aus dem Tierreich auch dem Menschen gefährlich. Denn mit dem raschen Bevölkerungswachstum dringen Menschen auf der ganzen Welt immer mehr in einst unberührte Natur vor - und rücken damit Wildtieren und deren Erregern gefährlich nahe.
Weil wir gleichzeitig immer mobiler werden, verbreiten sich einmal vom Menschen eingefangene oder in von ihm transportierten Tieren versteckte Viren rasend schnell über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg. Zudem ermöglicht der Klimawandel eingeschleppten Exoten mitunter sogar die Ansiedlung in der neuen Heimat.
Erreger von morgen
Wissenschaftler haben längst erkannt, dass solche sogenannten Zoonosen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Nicht nur in Marburg wird heute daher intensiv an Erregern wie Marburg- und Ebola-Viren geforscht. Außerdem versuchen Wissenschaftler neuen Erregern immer einen Schritt voraus zu sein: Sie fahnden systematisch nach möglichen Übeltätern von morgen - noch unbekannten tierischen Erregern, die durch eine zufällige Begegnung auf den Menschen überspringen könnten. Anders als 1967 in Marburg wollen sie im Falle des Falles so gut wie möglich vorbereitet sein.




