HIV - die Krankheit mit dem Stigma
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HIV - die Krankheit mit dem Stigma

Bild: Foto: LeFagnard, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Kaffee, Wasser, Tee. Die Münchner Aids-Hilfe zeigt sich gastfreundlich. Ob ihr ehrenamtlicher Mitarbeiter Mike nervös ist, bleibt sein Geheimnis. Er gibt sich gelassen und scherzt über das Schneewetter und die Parkplatznot. Seit wie vielen Jahren er das Virus in sich trägt, weiß er nicht genau. Ein Vierteljahrhundert oder mehr vielleicht. Testen lassen hat er sich erst 1988 in München. Aber geahnt hatte er es wohl schon viele Jahre zuvor. Als das Ergebnis damals dann positiv, HIV-positiv, ausfiel, habe es ihn nicht wie ein Blitz vom Himmel getroffen, sagt der Engländer. "Dass es das Virus gab, das wusste man zu der Zeit bereits. In der Schwulenszene war es stark verbreitet. Ich musste damit rechnen." Womit er, der damals dreiundvierzig war, nicht gerechnet hat, war, fünfzig zu werden. Inzwischen ist er 65.

Das Virus seit einem Vierteljahrhundert im Blut

Kaffee, Wasser, Tee. Die Münchner Aids-Hilfe zeigt sich gastfreundlich. Ob ihr ehrenamtlicher Mitarbeiter Mike nervös ist, bleibt sein Geheimnis. Er gibt sich gelassen und scherzt über das Schneewetter und die Parkplatznot. Seit wie vielen Jahren er das Virus in sich trägt, weiß er nicht genau. Ein Vierteljahrhundert oder mehr vielleicht. Testen lassen hat er sich erst 1988 in München. Aber geahnt hatte er es wohl schon viele Jahre zuvor. Als das Ergebnis damals dann positiv, HIV-positiv, ausfiel, habe es ihn nicht wie ein Blitz vom Himmel getroffen, sagt der Engländer. "Dass es das Virus gab, das wusste man zu der Zeit bereits. In der Schwulenszene war es stark verbreitet. Ich musste damit rechnen." Womit er, der damals dreiundvierzig war, nicht gerechnet hat, war, fünfzig zu werden. Inzwischen ist er 65.

Sieben von zehn Freunden sind heute tot

Manchmal muss er an diesen Tag im Sommer 1983 denken. In München lief die Internationale Gartenschau, abends gab's ein großes Feuerwerk. Das haben sie sich zu zehnt auf dem Balkon angeschaut. Sieben dieser zehn Freunde leben nicht mehr. Sie sind an Aids gestorben. Nur zwei sind negativ geblieben. Mike ist der einzige, der sich infiziert hat, aber noch lebt. "Erst habe ich großes Pech gehabt und dann unglaubliches Glück", sagt er. Dass ihn positives Denken am Leben gehalten haben könnte, hält er für Blödsinn."Das würde ja heißen, alle meine Freunde hätten negativ gedacht. Dagegen wehre ich mich."

Vielmehr führt er seinen guten Gesundheitszustand auf die Fortschritte der Medizin zurück. Seit einigen Jahren liegt die Zahl seiner T-Helferzellen bei 800 pro Mikroliter Blut. Damit liegt Mike genau im Mittel gesunder Menschen. Diese weisen 500 bis 1200 pro Mikroliter auf. Die Helferzellen aus der Gruppe der weißen Blutkörperchen sind enorm wichtig für das menschliche Immunsystem, sie koordinieren und organisieren die meisten Immunreaktionen. Dockt jedoch der HI-Virus an sie an, schleust es genetische Informationen in ihren Zellkern ein und programmiert sie auf Virenproduktion um. Fortan produziert die befallene Helferzelle neue HI-Viren, bis sie stirbt und die Viren frei gibt. Diese greifen sofort weitere Helferzellen an.

Ein Leben mit Nebenwirkungen

Richtig Angst, mehr noch als vor dem Ergebnis des Aids-Tests habe er einige Zeit später gehabt, erzählt Mike. Da hatte ihn eine schwere Erkältung erwischt. Für Infizierte kann so eine an sich harmlose Erkrankung tödlich enden: Wenn die Zahl der Helferzellen auf 200 oder 300 abgesunken ist, ist der Körper schon zu geschwächt, um sich gegen Erreger wie Parasiten, Pilze und Viren zu währen. In diesem Moment ist die Krankheit Aids ausgebrochen. Mikes Wert lag damals knapp unter 500. Eine kritische Situation. Doch er hat sie überstanden.

Eine wesentliche und dauerhafte Verbesserung seines Gesundheitszustandes ist in den Jahren nach 1996 eingetreten, dem Jahr, in dem die antiretrovirale Therapie auf den Markt kamen. Die Medikamente können den Teufelskreis aus umprogrammierten Helferzellen und neuen HI-Viren zwar nicht durchbrechen, den Prozess aber deutlich verlangsamen. Anfangs mussten die Infizierten jeden Tag einen wahren Pillencocktail schlucken.

"Ich habe um die zehn Tabletten genommen", erzählt Mike, der sich Wasser nachschenkt gegen den trockenen Mund vom vielen Reden, "jetzt sind es nur noch zwei am Tag. Damals habe ich die Nebenwirkungen von HIV, den Nachtschweiß, den Durchfall, den Ausschlag auf der Kopfhaut, gegen die Nebenwirkungen der Medikamente eingetauscht." Zweimal hat er sich bereits die Fettwulst im Nacken, den so genannten Stiernacken, wegoperieren lassen. "Und hier", Mike piekst sich in die Wange, "diese eingefallenen Wangen, die Verlagerung des Körperfetts, das sind typische Nebenwirkungen." Die Neuropathie, die unaufhaltsame Schädigung der Nervenstränge in den Beinen, ist vielleicht die schlimmste Nebenwirkung, mit der Mike leben muss. Ja, manchmal, da verfluche er die Krankheit. Vor allem, weil sie ihm die Freunde genommen hat.

Ein Zaun der Isolation

Doch die Infektion hat ihm noch mehr genommen. Lange Jahre hat der gelernte Statistiker für große Unternehmen wie z.B.Siemens in der Software-Entwicklung gearbeitet, ist um die ganze Welt geflogen, hat gutes Geld verdient. Am Ende leitete er eine Abteilung. Doch die Krankheit und vor allem ihr Stigma belasteten Mike immer mehr. "Aids war damals ein totales Tabuthema. Ich habe so wenig Leuten wie möglich davon erzählt, einen richtigen Zaun um mich gezogen. Um es meinen Eltern erzählen zu können, habe ich fast fünf Jahre gebraucht. Und dadurch habe ich dann einen Zaun der Isolation um sie gezogen, denn automatisch fingen sie mit der Geheimhalterei an. Mich haben der psychische Stress, die Krankheit verstecken zu müssen, und ihre Symptome am Ende sehr geschwächt. Ich fühlte mich nicht mehr leistungsfähig."

"An die Zukunft zu denken, fällt mir schwer"

Erst gab Mike seinen Abteilungsleiterposten auf, später beantragte er einen Schwerbehindertenausweis, was ihm zu mehr Urlaubstagen verhalf. Seit einigen Jahren schon lebt er von einer Berufsunfähigkeitsrente. Der Übergang aus der Berufstätigkeit in den Ruhestand sei ihm überraschenderweise nicht schwer gefallen, blickt der 65-Jährige zurück. Er habe damals sein Engagement als ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei der Münchner Aidshilfe ausgebaut. Heute schult er neue ehrenamtliche Helfer und weist ihnen Aufgaben zu - am Infotelefon, im Café der Aidshilfe, aber auch in der Betreuung von Kranken, zum Beispiel im Gefängniskrankenhaus. Noch immer stießen er und seine Kollegen hin und wieder auf unverholene Abneigung der Gesunden. Die Toleranz gegenüber den Infizierten sei zwar mit der zunehmenden Aufklärung über Infektionswege und Schutz deutlich gestiegen. Doch das Image einer "schmutzigen Krankheit" halte sich noch immer. "Das belastet zum Teil mehr als die eigentliche Krankheit", weiß Mike.

"Ich bin gesund", sagt er von sich selbst, wenn man nach seinem Befinden fragt, und denkt dabei vielleicht an die 800 Helferzellen. Pläne für die Zukunft macht der alleinstehende Mann allerdings bis auf ein paar Reisen keine. "An die Zukunft zu denken, fällt mir am schwersten. Seit der Diagnose habe ich gedacht, mich gingen diese Dinge alle nichts an. Klimawandel? Altersheim? Ohne mich. Inzwischen muss ich wohl beginnen, ans Alter zu denken", sagt Mike und trinkt noch einen Schluck Wasser.

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