Emotionen als Motiv
Herr Dr. Rost, warum sind wir Menschen so emotional? Warum sind Emotionen wie es im Untertitel Ihres Buches "Emotionen" heißt die "Elixiere des Lebens"?
Weil der Mensch ursprünglich aus Emotionen entstanden ist. Wenn wir die Evolution die letzten vier bis fünf Millionen Jahre zurückverfolgen, dann muss man feststellen, dass die Gedanken, die Kognitionen der Neo Kortex eine relativ junge Erfindung der Evolution ist. Ob bei Menschenaffen oder überhaupt im Tierreich: alles funktioniert auch ohne Kognitionen. Egal, ob das Gesundheitswesen der Löwen, die Fellpflege bei den Affen oder die Wintervorsorge bei den Eichhörnchen: alles wird durch Emotionen gesteuert. Der Neo Kortex, die Gedanken sind erst später dazugekommen und sie sind eigentlich nur Mittel zum Zweck. Die Emotionen sind es, die unser Sinnen und Trachten bestimmen, während die Kognitionen uns letztlich nur bessere Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Unsere Gedanken sind das Werkzeug, die alles verfeinern oder vergröbern können. Aber die Motivation, die Motive sind in erster Linie Gefühle und Emotionen. Insofern müssen wir uns eigentlich fragen, wozu sind die Gedanken gut und nicht wozu sind Emotionen gut. Der Mensch ist per se ein emotionales Wesen.
Wann entstehen unsere Emotionen? Empfindet bereits das Embryo Zorn und Zuneigung?
Eindeutig ja. Die Ontogenese, also die Entwicklung eines kleinen Menschen zum Erwachsenen, ist ein Nachvollzug der Phylogenese, also ein Nachvollzug der Menschheitsentwicklung. Zuerst sind immer die Emotionen da. Kleine Kinder sind erst einmal zu 99 Prozent emotionale Wesen. Erst später werden die Kognitionen weiter ausgebildet und verfeinert. Das ist ein Grundgesetz der Biologie.
Ist beispielsweise die gegenseitige Liebe von Mutter und Kind per se vorhanden? Oder gibt es bestimmte Faktoren, die diese Form der Zuneigung verhindern können?
Sie ist per se vorhanden. Wobei das, was als Mutter wahrgenommen wird, durchaus variabel ist. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat das mit seinen Versuchen an Stockenten, die eben ihm selbst und nicht der Entenmutter gefolgt sind, sehr schön gezeigt. In einem bestimmten Alter und bei bestimmten Verhaltensweisen kommt es auf die Prägung als Mutter an. Insofern kann auch ein anderer Mensch dem Kind als Mutter gelten, wenn sich dieser bei ihm eben als "Mutter" eingeprägt hat. In jedem Fall braucht das Kind eine Mutter. Umgekehrt ist die Mutterliebe zu den Kindern anfälliger. Bei Schimpansen hat man beobachtet, dass es feindselige Mütter gibt. Die Jungschimpansen trugen dabei teilweise schwere Schäden davon. Das führte bis zur späteren Zeugungsunfähigkeit. Und auch bei Menschen können wir das beobachten. Wenn es etwa um Autismus geht oder viele anderen Störungen, die entstehen können, wenn die Mutterliebe nicht vorhanden ist. Kinder brauchen Mutterliebe unbedingt, aber noch mal: Es muss nicht unbedingt die der leiblichen Mutter sein.
Gefühle und Gedanken
Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass auch Gefühle eng an Strukturen und Vorgängen des Gehirns geknüpft sind. Heißt das, dass jedes Denken durch Emotionen bestimmt ist?
Ja. Alle Wahrnehmungen, egal ob es um äußere oder innere Reize geht, werden beim Menschen, um ein Bild zu gebrauchen, von zwei Computern bewertet. Der eine Computer, der ältere von beiden, ist das limbische System, da stecken die Emotionen und Gefühle drin. Und parallel dazu von einem neueren Computer, dem Neo Kortex, also dem kortikalen Strukturen, die erst relativ spät dazugekommen sind. Man muss sich das so vorstellen, dass beide Computer mit unterschiedlichen Betriebssystemen und einer unterschiedlichen Logik arbeiten. Der eine arbeitet allerdings immer schneller, dass ist der mit den Gefühlen. Der französische Hirnforscher LeDoux hat Anfang der Neunziger Jahre herausgefunden, dass es vom Thalamus, der die Wahrnehmungen sammelt, einen direkten Zugang zum Mandelkern gibt, wo die Gefühle sitzen. Das bedeutet: Alles, was wir wahrnehmen, wird direkt ins limbische System geschaltet, wird von dort bewertet und dann haben wir zunächst eine gefühlsmäßige Reaktion. Mit einer Verzögerung laufen die Wahrnehmungen schließlich auch über den Neo Kortex und erst dann haben wir eine gedankliche Bewertung der Wahrnehmung. Wenn beide Bewertungen übereinstimmen, dann leben wir sozusagen mit unseren Gefühlen im Einklang.
Wenn die Emotionen, wie sie sagen, zunächst auf die Gedanken wirken, inwieweit kann dann unser Denken unsere Gefühlen beeinflussen?
Das Nachdenken kann im Nachhinein die Gefühle modifizieren. Es kann zum Beispiel Weinen oder Wut unterdrücken. Aber die Hirnforschung hat vor kurzem entdeckt, dass es sogar zu einer Umbewertung führen kann. Allein durch das Denken können andere Gefühle entstehen. Das heißt: Beide Computer, der mit den Gefühlen und der mit den Gedanken, sind eng miteinander vernetzt. Ein einfaches Beispiel dafür ist BSE-Krise. Viele Menschen haben eine panische Angst vor BSE gehabt. Als Reiz dafür reichten die Berichte in den Medien, dass die Rinder damit infiziert seien und es im schlimmsten Fall beim Menschen zur Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung kommen kann. Dieser Reiz lief also nicht über das limbische System. Dafür haben wir keine Antennen. Er lief allein über die Sprache und Gedanken, also über den Neo Kortex. Das bedeutet: Eine solche Angst ist eine gedanklich erzeugte Angst, keine direkte emotionale.
Zivilisation voller Angst
Apropos Angst: Laut einer aktuellen Studie geben viele Amerikaner an, nach dem 11. September 2001 ängstlicher geworden zu sein. Und auch in Deutschland, liest man, hat die Angst vor Attentaten zugenommen. Warum ist Angst im Gegensatz zum Beispiel zu Freude ein so mächtiges und anhaltendes Gefühl?
Man kann nicht sagen, das Angst mächtiger ist als Freude. Als beispielsweise die Kriegsgefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrten, sind manche von ihnen in den Armen ihrer Frauen vor Freude gestorben. Insofern ist auch Freude ein sehr starkes Gefühl. Aber es ist schon so, dass sich unsere Gesellschaft mehr und mehr in Richtung Depression verschiebt. Da bin ich Kulturpessimist. Die zivilisierten, vor allem urbanen Menschen werden immer depressiver. Die Anlässe für Freude nehmen ab, so dass wir manchmal gar nicht mehr wissen, wie stark das Gefühl der Freude sein kann, wogegen uns Gefühle wie Angst sehr vertraut sind. Depressive sind permanent von Ängsten umgeben und da braucht es nur einen kleinen Auslöser und dann werden diese Ängste freigelegt und potenziert und können sich wie nach dem 11. September zu regelrechten Epidemien ausweiten. Wir haben ein sehr großes Angstpotenzial heutzutage. Unser Freudepotenzial dagegen verkümmert zunehmend. Das ist traurig, aber die Wahrheit.
Tragen die Medien eine Mitschuld an unseren Ängsten?
Die Angstwellen und -epidemien können nur durch die Medien derart geschürt werden. Insofern haben die Medien einen erheblichen Anteil an unseren Ängsten.
Gibt es Methoden, sich von diesen Ängsten zu befreien?
Man muss unterscheiden zwischen realistischen Ängsten und pathologisch-krankhaften Ängsten. Gegen realistische Ängste kann man wenig tun, außer den Menschen zu sagen, sie sollen sich den Ängste stellen und sich schützen. Bei krankhaft übersteigerten Ängsten sollte man eine Therapie machen. Bei den meisten Ängsten greifen zwei Therapien. Das ist einmal die sogenannte Angstvorweg-Verarbeitung, zum anderen die Reizüberflutung. Nehmen wir beispielsweise eine Prüfungsangst. Die hat einen realistischen Kern, ist aber im allgemeinen eine übersteigerte Angst. Sicher: Von einer Prüfung hängt die Zukunft ab. Eine gewissen Angst muss der Mensch daher haben, sonst wird er krank. Aber im Großen und Ganzen ist diese Angst übersteigert. Bei solchen krankhaften Ängsten verstärke ich in meiner Praxis beim Patienten die Angstvorweg-Verarbeitung. Der Hintergrund ist, dass es an sich gut ist, vor einem Angstereignis, also etwa einer Prüfung, viel Angst zu haben. Ein Herr Epstein hat in den Achtziger Jahren Untersuchungen mit Fallschirmspringern durchgeführt, die allerdings in der Psychologie kaum bekannt geworden sind. Dabei hat er bei Fallschirmspringern vor dem ersten Absprung Messungen und Befragungen durchgeführt und festgestellt, dass diejenigen, die vor dem Absprung die meiste Angst hatten, im Sprung die sichersten waren. Die anderen, die den Sprung auf die leichte Schulter genommen hatten, haben nicht selten im Sprung einen Blackout gekriegt und Panik bekommen. Diese Ergebnisse kann ich aus meiner eigenen Praxis mit Hunderten von Prüfungspatienten bestätigen.
Können Sie das näher erläutern?
Mit denen, die bereits Wochen vor einer Prüfung panische Angst haben, braucht man im allgemeinen gar keine Therapie machen. Da genügen zumeist Durchhalteparolen. Die zweite Gruppe dieser Klienten kommt nach der Prüfung. Wenn man bei diesen fragt, was sie am Prüfungstag zum Frühstück gegessen haben, dann wissen sie das noch ganz genau. Meistens schlafen sie auch sehr gut vor Prüfungen. Selbst wenn sie sagen, sie haben Angst gehabt, dann kann man von außen sagen: Es war viel zu wenig Angst. Diese zweite Gruppe sind die sogenannten Represser oder Angstverdränger. Bei denen besteht die Therapie eigentlich darin, ihnen Angst zu machen. Natürlich nicht wirklich zu machen, sondern sie dahin zu trainieren, die Angst die sie haben, aber verdrängen, zuzulassen. Sie müssen lernen, Angst zu erleben. Damit hat bei mir bisher jeder den nächste Anlauf geschafft. Eine weitere Methode ist die Reizüberflutung. Auch hier wendet man zunächst die Angstvorweg-Verarbeitung an, verstärkt das aber noch, indem sie mehrere Tage hintereinander dem Angstreiz ausgesetzt werden. Wenn Menschen Angst vor Hunden haben, bereitet man sie entsprechend auf die Situationen vor und setzt sie dann in kurzer Zeit mehrfach ihrem Angstreiz aus. Angst ist eine lebensnotwendige Emotion. Ohne Angst, auch ohne Wut oder Trauer wären wir alle schon tot.
Wie ist es mit dem Weinen?
Das Weinen ist sozusagen ein "seelischer Stuhlgang". In den Tränen ist ein Stresshormon enthalten, das bei heftigen Emotionen zu stark freigesetzt wird. Dieses Hormon ist ein unspezifisches. Wir können ja vor Freude weinen, vor Wut oder vor Trauer. Auf jeden Fall muss es mit der Tränenflüssigkeit ausgeschwemmt werden. Dann erleben wir diesen seelischen Stuhlgang. Aber wer kann heute noch weinen? Die Trauer ist inklusive des Weinens eine wahnsinnig wichtige Emotion, sonst würden wir wahrscheinlich den Tod eines nahen Verwandten gar nicht überleben.
Jede Menge Chemie
Liebe macht blind, heißt es. Und: Für Liebende schlägt keine Stunde. Warum scheinen wir, wenn wir verliebt sind, so unheimlich verändert?
Ursprünglich stand die Liebe im Zeichen der Fortpflanzung. Im Tierreich und bei den Pflanzen ist ja die Fortpflanzung mit das Wichtigste. Es gibt Tiere, die sterben für die Fortpflanzung, die essen und schlafen nicht mehr. In unserer Kultur ist das dagegen etwas abhanden gekommen. Wir haben Verhütungsmittel und ohnehin keine Lust, uns fortzupflanzen. Manchmal ist unsere Gesellschaft regelrecht kinderfeindlich. Wir bringen es mittlerweile auf nur noch 1,3 Kinder pro Familie. Damit sind die zivilisierten Länder am Aussterben. Wir brauchen 2,3 Kinder, damit sich unsere Gesellschaft erhält. In der gesunden Natur ist die Fortpflanzung in der Größenordnung mit Essen, Trinken und Atmen anzusiedeln. Das sind die wichtigsten Bedürfnisse, die wir haben und auf die wir programmiert sind. Von daher spielt auch die Partnerwahl in der Evolution eine immens wichtige Rolle. Die Evolution ist ja nur vorangekommen durch wahllose Mutation einerseits und eben durch die selektive Partnerwahl andererseits. Dafür hat die Natur jede Menge Chemie bereit gestellt, die uns beim Verliebtsein in einen anderen Geisteszustand versetzen kann. Wir sind dann nur noch auf diese eine Person fixiert und sehen nichts mehr. Alles andere spielt keine Rolle. Wegen der Wichtigkeit der Partnerwahl als Vorstufe zur Fortpflanzung ist ein solches Verhalten nicht nur verständlich, sondern auch äußerst sinnvoll.
Welche Kriterien spielen eine Rolle, wenn wir uns verlieben? Hilft uns da die Forschung weiter?
Da gibt es einerseits die individuelle Chemie, die durch eigene Vorlieben bestimmt ist. Diese individuelle Chemie hat man noch nicht ganz erforscht. Es gibt noch kein Raster, mit dem sich feststellen ließe: Wenn er so ist, und sie so, dann passen sie zusammen. In diesem Zusammenhang wird allerdings viel geforscht. "Interpersonal Attraction" nennt sich das in der Sozialpsychologie. Aber bisher ist noch nicht sehr viel dabei herausgekommen. In meinem Buch "Emotionen" gibt es ein entsprechendes Kapitel dazu: "Werbung" und "Auswahl". Und hier habe ich einiges zitiert, worauf Männer bei Frauen und worauf Frauen bei Männern achten. Es gibt einige generelle Kriterien, die anscheinend relativ weit verbreitet sind, und dann natürlich auch die individuellen. Entgegen allen Äußerungen etwa in Kontaktanzeigen ist bei den Forschungen der letzten Jahre eines immer wieder herausgekommen: Das Äußere ist das Hauptkriterium. In erster Linie gehen wir doch nach äußeren Merkmalen, nach dem Aussehen, wie immer das dann später zusammenpasst.
Herr Dr. Rost, vielen Dank für das Gespräch.
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