Wie wird in Deutschland gelehrt?

Der Volksmund sagt, nur bittere Medizin helfe wirklich. Es konnte nicht verwundern, dass die guten alten Mythen konservativer Schulpolitik nach PISA eine Renaissance erlebten. Im Prinzip, so die Argumentation, ist das deutsche Schulsystem bestens, nur wird es eben zu lasch gehandhabt. Gefordert wird: mehr Konkurrenz, verschärfte Auslese, Elitenförderung, “D-Zug-Klassen”. Der Schlüssel zum Problem, so geben viele Politiker zu verstehen, sei mangelnde Leistungsbereitschaft – sei es seitens der Lehrer oder der Schüler.
Alles nur eine Frage des Willens? Die meisten Bildungsexperten sind anderer Ansicht. Zu den auffälligsten Befunden dürfte zählen, dass bemerkenswert viele Jugendliche erhebliche Schwierigkeiten haben, Kausalverhältnisse zu erkennen und aus ihnen praktische Schlüsse zu ziehen. Deskriptiv könnte man sagen: es mangelt ihnen an praktischem Lebenssinn und an gesundem Menschenverstand. Die zweite Überraschung: ausgerechnet der Sozialstaat Deutschland hat in sozialer Segregation selbst noch die viel gescholtenen Vereinigten Staaten überholt.
Insbesondere der letzte Punkt betrifft die Strukturen des deutschen Bildungssystems. Die Aufteilung der Kinder nach dem 4. Schuljahr ist weltweit nahezu einmalig, im europäischen und angloamerikanischen Bereich gibt es sie nirgendwo. In den erfolgreichen Ländern bleiben die Kinder neun, zehn oder, wie in Kanada, sogar 12 Jahre in einem Klassenverband. Fast überall gibt es ein flächendeckendes Ganztagsangebot. Schon im vorschulischen Bereich wird die Integration fremdsprachiger und sozial schwacher Kinder gezielt und erfolgreich gefördert.
Der andere Punkt betrifft die Arbeit in den Klassenräumen. Das vorherrschende Modell – der Lehrer fragt, der Schüler antwortet – ist für alle Beteiligten psychisch extrem anstrengend, außerdem von geringem Erkenntniswert. Allein den Lehrern in die Schuhe schieben kann man das nicht. Die deutschen Lehrpläne sind die vollsten der Welt und begünstigen schon deshalb den Frontalunterricht. Auch hier werden die Strukturen des Bildungssystems berührt: Handlungsorientiertes und dialogisches Lernen sind in den engen Zeitplänen der Curricula nicht vorgesehen.




