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Leben mit Gesichtsblindheit
Bildquelle nicht angegeben
Gesundheit

Leben mit Gesichtsblindheit

Sabine Holicki bekam erst kurz vor ihrem 30. Geburtstag eine unerwartete Erklärung dafür, warum sie sich Gesichter einfach nicht merken konnte – immer wieder hatte das auch Rückwirkungen auf ihre sozialen Beziehungen gehabt. "Ich hatte bis zu diesem Moment geglaubt, ich wäre im Umgang mit meinen Mitmenschen einfach…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Gesundheit
Artikelbild

iStock.com, PeopleImages

Sabine Holicki bekam erst kurz vor ihrem 30. Geburtstag eine unerwartete Erklärung dafür, warum sie sich Gesichter einfach nicht merken konnte – immer wieder hatte das auch Rückwirkungen auf ihre sozialen Beziehungen gehabt. "Ich hatte bis zu diesem Moment geglaubt, ich wäre im Umgang mit meinen Mitmenschen einfach nur nicht aufmerksam genug", berichtet die Kommunikationsexpertin.

"Mein Gehirn kann nicht anders"

Bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit zum Thema Bildverarbeitung im Gehirn stieß sie eher zufällig darauf, dass es sich stattdessen um eine anerkannte Wahrnehmungsstörung handeln könnte. "Ich bin fast an die Decke geschossen – ich bin nicht schuld, mein Gehirn kann es nur nicht anders", erkannte sie.

Gesichtsblindheit war offenbar schon den alten Griechen bekannt. Doch erst 1947 wurde das Phänomen wissenschaftlich beschrieben. Seitdem versuchen Wissenschaftler den Geheimnissen dieses Wahrnehmungsproblems auf die Spur zu kommen. Neuesten Studien zufolge sind rund eine von 40 Personen von Prosopagnosie betroffen. "Das sind zwei bis drei Prozent der Bevölkerung", sagt Ingo Kennerknecht vom Universitätsklinikum Münster.

Artikelbild

thinkstock.com, Bowie15

Es liegt in der Familie

Der Mediziner hat in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen, dass die Gesichtsblindheit nur in seltenen Fällen durch Hirntraumata oder andere Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns erworben wird. Bei den meisten Betroffenen wird die Störung dagegen genetisch vererbt. Welche Gene allerdings konkret dafür verantwortlich sein könnten, ist bislang unklar.

Auch in der Familie von Sabine Holicki liegt die Prosopagnosie in der Familie: Ihr jüngerer Bruder ist ebenfalls betroffen. "Als wir uns als Geschäftsreisende auf dem Frankfurter Flughafen einmal zufällig auf der Rolltreppe begegnet sind, hat es bei uns beiden sehr lange gedauert, bis der Aha-Effekt eintrat. Ich kannte meinen Bruder einfach nicht im Anzug", berichtet Holicki.

Irritierende Begegnungen

Weil Holicki Gesichter nicht wie andere ganzheitlich speichern und schnell abrufen kann, versucht sie, ihre Kontakte möglichst mit deren persönlichen Eigenarten im Gedächtnis zu verknüpfen: Statur, Frisur, Kleidungsstil, Stimme, Gangart, Gestik oder auch auffällige Muttermale können das Erinnern zumindest unterstützen.

"Schwierig wird es dagegen, wenn jemand seine Frisur oder die Haarfarbe verändert oder wir uns an einem unerwarteten Ort begegnen", sagt Holicki. "Dadurch ist es schon zu so einigen Verwicklungen gekommen. Denn natürlich ist es für Bekannte oder Geschäftspartner irritierend, wenn jede Begegnung wie die erste ist."

Kognitives Störungsbild

Die Prosopagnosie ist per Definition keine Erkrankung, sondern ein kognitives Störungsbild. "Am ehesten kann man das Phänomen vielleicht mit einer Wahrnehmungsstörung wie einer ausgeprägten Namensschwäche vergleichen", sagt Kennerknecht. "Man findet sie häufiger mit ADHS oder eventuell einer Autismusspektrumstörung assoziiert." Studien legen zudem nahe, dass Prosopagnosie eventuell mit Hochbegabung zusammenhängt. Demnach ist Gesichtsblindheit unter Hochbegabten überdurchschnittlich häufig vertreten.

Heilen lässt sich die Prosopagnosie bislang nicht. "Es gibt jedoch effektive Kompensationsstrategien", erklärt Kennerknecht. Sabine Holicki hat mit den Jahren gelernt, mit ihrer Gesichtsblindheit umzugehen. Sie braucht ungefähr zehn Treffen, um ein Gesicht "auswendig zu lernen".

"Ich bin nicht defizitär"

Während Sabine Holickis Freunde natürlich über diese Besonderheit Bescheid wissen, ist es für die Beraterin und Trainerin insbesondere im Job schwieriger. "Gerade am Anfang rede ich meine Kunden nicht mit Namen an, um Verwechslungen auszuschließen. Auf gar keinen Fall weihe ich sie direkt in mein Problem ein – im Beruf schreckt das Menschen eher ab als dass es Vertrauen fördert."

Dass es bisher keine Therapiemöglichkeiten gibt, stört die Sechzigjährige nicht: "Ich bin privat und beruflich bisher gut durchs Leben gekommen. Nur weil ich einen Speicherdefekt im Gehirn habe und bei mir die Prozesse eben anders ablaufen als bei anderen, heißt das nicht, dass ich defizitär bin."

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