Übergewicht und Haltungsschäden
„Toben macht schlau“, betont die Professorin für Sportpädagogik, Renate Zimmer. Ein Mensch kommt mit mehr als 100 Milliarden Nervenzellen zur Welt. Durch körperliche Aktivität werden sie miteinander verknüpft. Die Sinnesbahnen verkümmern jedoch, wenn sie nicht genug Reize erfahren. Deshalb braucht ein Kind wesentlich mehr Bewegung als ein Erwachsener, um sich optimal zu entwickeln - täglich zwei bis drei Stunden, fordert der Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung, Dieter Breithecker. Doch immer mehr Kinder erleben ihre Welt „aus zweiter Hand“.
55 Prozent aller Kinder gehen nicht regelmäßig zum Spielen nach draußen. Stattdessen verbringen sie einen Großteil ihrer Freizeit sitzend mit elektronischen Medien. Im Schnitt hat ein 14jähriger 19.000 Stunden Fernsehkonsum hinter sich. Intensiv bewegt sich die Cyber-Generation nur noch eine halbe Stunde am Tag.
Der Bewegungsmangel hat schwere Folgen: Jedes fünfte Kind ist zu dick, jedes dritte leidet unter Haltungsschäden, 40 Prozent aller Schulkinder haben Probleme mit der Körperkoordination. Bei einem Bewegungstest für 4- bis 6jährige, dem MOT 4-6, schneiden die Kinder heute rund 10 Prozent schlechter ab als vor 15 Jahren.
Gleichzeitig berichten Ärzte über Gesundheitsprobleme durch zu intensiven Medienkonsum. Durch einseitige Belastung am PC kann es zum Beispiel zum Maus-Arm kommen, eine Muskel- oder Sehnenentzündung ähnlich wie der Tennisarm. Bekannt ist auch der Joystick-Finger, eine Gelenkschädigung durch extremes Computerspielen.
Lebenswichtiges Training
Gründe für die neue Bewegungsarmut gibt es viele. Während früher die Umgebung auf eigene Faust erforscht wurde, können die Kinder in den Städten von heute nicht einfach auf offener Straße spielen. Es fehlen Freiräume, in denen sie sich und ihren Körper ausleben können. Außerdem sind viele Eltern - nicht zuletzt seit der Debatte um Pisa - emotional verunsichert. Weil sie ihr Kind optimal fördern wollen, verplanen sie seine Freizeit mit einer Vielzahl von Kursen.
Doch unter Fachleuten setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich Kinder selbst die Anregungen holen, die sie brauchen. Vorausgesetzt, sie haben dafür die geeignete Umgebung.
Denn wer hat nicht schon einmal über die Entschlossenheit gestaunt, mit der sich Kinder in ihr Spiel vertiefen. Sie schleppen unablässig schwere Steine, klettern auf steile Hügel, nur um sie gleich wieder hinunterzulaufen, oder türmen riesige Kissenberge auf. Damit tun die kleinen Energiebündel instinktiv das Richtige: Sie nehmen die Welt mit allen Sinnen in Besitz.
Und das spielerische Training ist aus vielen Gründen lebenswichtig:
- Bewegung verbessert die Knochendichte und fördert die Entwicklung der Muskulatur. Laut dem Berufsverband der Kinderärzte geben die Krankenkassen jährlich rund 17 Milliarden Euro zur Bekämpfung von Muskel- und Skeletterkrankungen aus. Ein Großteil dieser Krankheiten könnte nach Ansicht von Verbandspräsident Klaus Gritz durch Vorbeugung im Kindesalter vermieden werden.
- Beim Toben lernen Kinder ihren Körper kennen. Sie erfahren, was sie leisten können und was nicht. Das fördert die Selbsteinschätzung und das Selbstwertgefühl.
- Viele Eltern haben Angst, wenn sie ihr Kind bei waghalsigen Manövern beobachten. Doch gut trainierte Kinder leben nicht gefährlicher als andere. Im Gegenteil: Sie reagieren meist besser und fallen zum Beispiel bei Stürzen weniger auf den Kopf.
- Wer sich in seiner Freizeit austobt, kann in der Schule besser still sitzen und sich konzentrieren. Bewegung wirkt also positiv auf Gedächtnis und Intelligenz.
Intelligent durch Bewegung
„Durch Bewegung baut das Kind Intelligenz auf“, erkannte die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori schon vor einem Jahrhundert. Heute gilt der Zusammenhang zwischen Körper und Geist als nachgewiesen. Der Psychologe Jean Piaget sprach von der „sensomotorischen Entwicklung“ des Kindes: Durch körperliche Aktivität verknüpft das Kind die Nervenbahnen in seinem Gehirn. Es lernt, ankommende Reize zu empfangen, einzuordnen und darauf zu reagieren.
Je mehr solcher „Datenautobahnen“ im Körper angelegt sind, umso leichter fällt dem Kind die Verarbeitung von Informationen. Das gilt auch für Rechnen, Schreiben und Lesen. Kinder, die konkrete Erfahrungen mit Mengen, Größen, Entfernungen gemacht haben, finden sich auch im Zahlenraum besser zurecht. Und wer weiß, wo vorne, hinten, links, rechts, oben oder unten liegt, kann sich leichter abstrakte Zeichen auf dem Papier merken.
Bei Kindern mit Lernstörungen sind häufig die Nahsinne unterentwickelt - der Tastsinn, der Gleichgewichtssinn, der Stellungs- und Spannungssinn, der dem Kind sagt, wo sich sein Körper im Raum befindet. Hier können psychomotorische Übungen verblüffende Fortschritte bringen: Rückwärts Gehen bei Kindern, die nicht minus rechnen können. Oder Krabbeln bei Lese-Rechtschreibschwäche (weil durch die Überkreuzbewegung der Arme und Beine die rechte und die linke Gehirnhälfte stärker vernetzt werden.)
Tipps für Eltern
Eltern fördern ihr Kind also am besten, wenn sie es so oft wie möglich toben und spielen lassen. Dazu einige Tipps:
- Achten Sie auf eine anregende Umgebung. Spielplätze bieten häufig nur ein reduziertes Angebot an Bewegungsmustern wie Schaukeln, Rutschen, Wippen. Suchen Sie nach einem Abenteuerspielplatz oder gehen Sie öfter mal in den Wald.
- Das Kinderzimmer sollte zum Spielen und Turnen einladen. Geeignet sind Matratzen, Strickleitern, Klettergerüste oder ähnliches.
- Kleinkinder müssen noch keine bestimmte Sportart erlernen. Es reicht, wenn sie nach Herzenslaune sausen, klettern, springen, buddeln, matschen usw. dürfen.
- Elektronisches Spielzeug oder Fernsehen müssen nicht völlig tabu sein. Wichtig sind feste Zeitvorgaben und körperliches Abreagieren des Kindes im Anschluss.
- Denken Sie daran: Kinder brauchen nicht viel, um die Welt mit allen Sinnen erleben zu können. Eine Pfütze, ein Kletterbaum mit weitausladenden Ästen oder ein Gebüsch können sie stundenlang in ihren Bann ziehen!




