Mut zur Lücke
Keine Kompromisse lautete die Devise von Basketball-Wunder Michael 'Air' Jordan nach seiner Chemotherapie Ende der 80er Jahre. Griff zum Rasiermesser, feierte ein Comeback sondergleichen und machte die Glatze zum Kult. Vorbei die Zeiten, in denen man einen so genannten Schummelscheitel zog und lichte Stellen mit Haarsträhnen kaschierte. Freilich kann man wie Ex-US-Vizepräsident Al Gore zur Spraydose greifen, sich wie Hollywood-Star Nicolas Cage schlechte Transplantate machen lassen oder zum Toupet greifen. Heldenhaft ist es nicht. Dann schon lieber wie Actionheld Bruce Willis oder Tennis-As André Agassi die Flucht nach vorn antreten und das noch vorhandene Resthaar auf ein Minimum kappen.
Im Club der Glatzen
Die größte Lobby haben Glatzköpfe in den Vereinigten Staaten, wo es eine regelrechte Bald Pride Bewegung gibt, die die Glatze zum Kult erklärt. Nach dem Vorbild afro-amerikanischer Vereinigungen und Slogans wie 'Black is Beautiful', organisieren sich die Kahlköpfigen und verkünden: 'Bald is Beautiful' (kahl ist schön), 'Bald is Bold' (wörtlich: kahl ist verwegen; auf deutsch würde man wohl sagen: kahl ist cool) und 'Skin is In' (Haut ist in).
Der vielleicht berühmteste Glatzen-Club Amerikas exisitiert seit 1974, nennt sich 'Bald-Headed Men of America' (BHMA) und residiert standesgemäß in Morehead City (Mehrkopf City), North Carolina, in einer Straße namens Bald Drive (Glatzenweg). Der Club hat - bzw. hatte - so legendäre Mitglieder wie Yul Brynner, Telly Savalas (Kojak) und den ehemaligen US-Präsidenten Gerald Ford. Eigentlich hatte BHMA-Gründer John Capp keinen Kummer mit seinem Kahlkopf, doch als er mit Mitte zwanzig einen Job nur deshalb nicht bekam, weil er zu alt aussah, schritt er zur Gegenwehr. Inzwischen hat sein Club weltweit über 30.000 Mitglieder, und alljährlich gibt es ein großes Glatzentreffen.
Alles kein Problem
Image-Probleme hat die Glatze vor allem bei Männern. Amerikanischen Umfragen zufolge finden nur 30 Prozent der befragten Frauen Glatzenträger unattraktiv, bei den Männern dagegen sind es 69 Prozent. Zwei Drittel aller Frauen sind der Meinung, Männer mit und ohne Haare seien gleichermaßen attraktiv, doch nur 36 Prozent der Männer teilen diese Ansicht. Und während keine einzige der befragten Frauen beim Anblick eines Kahlköpfigen 'Versagen' assoziiert, drängt sich dieser Begriff 10 Prozent der Männer auf.
Diese Ergebnisse sind keine Überraschung für Gersh Kuntzman, Autor des Buches 'Hair! Mankind's Historic Quest to End Baldness': "Männer sind darauf konditioniert, Haarausfall als Alterserscheinung zu interpretieren." Und altern heißt soviel wie an Männlichkeit einbüßen - trotz Viagra. Für Frauen gelten andere Gesetze. Sie sind - wenn überhaupt - erst sehr viel später im Leben von Haarausfall betroffen. In ihren Augen schließen Glatze und Sexappeal einander nicht aus.
Ursachen-Forschung
Der erste, der Kahlköpfigkeit und Manneskraft miteinander in Verbindung brachte, war der Begründer der modernen Medizin Hippokrates (ca. 460-370 v.Chr.). Für ihn stand fest: Kahlköpfige Männer haben "ein entflammbares Wesen; und die Wolllust versetzt das Blut in ihrem Kopf in heftige Wallungen und erhitzt es so sehr, dass, wenn es die Hautoberfläche erreicht, die Wurzeln der Haare verdorren und das Haar ausfällt."
Inzwischen weiß man, dass genetisch bedingte Kahlköpfigkeit durch das männliche Sexualhormon Testosteron ausgelöst wird. Genauer: durch Dihydrotestosteron (DHT). DHT entsteht, wenn Testosteron im Körper abgebaut wird. Es lagert sich in der Haarwurzel ab und schnürt sie über kurz oder lang von der lebenswichtigen Blutzufuhr ab. Ausschlaggebend bei diesem Prozess ist nicht die Höhe des Testosteron-Spiegels im Körper, sondern die Zahl der DHT-Rezeptoren an den Haarwurzeln.
Übrigens gibt es keinen Zusammenhang zwischen Testosteron-Spiegel einerseits und Potenz andererseits. Das Ganze sei nichts anderes als ein Ammenmärchen, wie der Androloge Wolfgang Schulze von der Hamburger Uniklinik erklärt: "Ein Auto mit 50 Litern Sprit im Tank fährt nicht schneller als eines mit 25 Litern."




