Was ist PISA-E?
Das “Programme for International Student Assessment” (PISA) ist mit 180 000 teilnehmenden Schülern der bislang größte weltweite Schulleistungstest. Im ersten Durchgang aus dem Sommer 2000 schnitt Deutschland katastrophal schlecht ab. Unter 32 Nationen belegten die deutschen Schüler Rang 21. Siegernationen waren Finnland, Kanada und Neuseeland.
Bei der Ergänzungsstudie PISA-E wurden in Deutschland 50 000 Schüler der 9. Klasse (Alter 15 Jahre) an 1246 Schulen befragt. Zum einen wurden alle Schulformen gemeinsam getestet (ohne die Bundesländer Berlin und Hamburg, die nicht genügend Testbögen zurückschickten), zum anderen wurden die 15-jährigen Gymnasiasten gesondert erfasst. Testgegenstand waren Lesekompetenz und Textverständnis, mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung sowie Kommunikationsfähigkeit und Zusammenarbeit.
Bayern an der Spitze
Die Ergebnisse zeigen ein klares Nord-Süd-Gefälle: Bayern liegt bei der Auswertung aller Schulformen in den Hauptkriterien Lesekompetenz, Naturwissenschaften und Mathematik vorn, gefolgt von Baden-Württemberg und Sachsen, allesamt unionsregierte Länder. Betrachtet man die Gymnasien gesondert, führt Bayern in den Disziplinen Lesekompetenz und Mathematik, das SPD-regierte Schleswig-Holstein schneidet in Naturwissenschaften am besten ab und belegt Rang 2 bei Lesekompetenz und Mathematik.
Insgesamt bestes SPD-geführtes Bundesland ist Rheinland-Pfalz. Das bevölkerungsreichste Land Nordrhein-Westfalen, ebenfalls SPD-regiert, liegt im Mittelfeld. Die Schlusslichter bilden Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bremen.
Wo liegen die Gründe?
Bildungsforscher stellten schon früher erhebliche Differenzen zwischen den Bundesländern hinsichtlich der Zahl der Unterrichtsstunden fest. In Bayern, Thüringen und Sachsen erhalten die Schüler in den ersten neun Schuljahren 800 Schulstunden mehr als in Niedersachsen, NRW und Schleswig-Holstein. Das bedeutet insgesamt ein dreiviertel Jahr mehr Unterricht.
Auch sind die Ausgaben für Bildung in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Bayern gibt 4500 Euro pro Schüler und Jahr aus, Baden-Württemberg 4400 Euro, in NRW und im Saarland sind es dagegen nur 4100 bzw. 4000 Euro. Die Differenz zwischen Bayern und Saarland beträgt bei einer Klasse von 25 Kindern 12 500 Euro, “eine Viertel-Lehrerstelle, wenn man das Mehrgeld nur in Lehrer investieren würde”, meint Bildungswissenschaftler Prof. Klaus Klemm von der Universität Essen.
Ein Grund für das schlechte Abschneiden Bremens ist sicherlich, dass dort der höchste Anteil an Sozialhilfeempfängern in der Bevölkerung lebt. Und dass Deutschland Kinder aus unteren sozialen und bildungsfernen Schichten am schlechtesten fördert, belegte bereits der internationale PISA-Vergleich. Auch PISA-E liefert dafür wieder eindeutige Beweise. So stammen die im internationalen Vergleich wenigen Abiturienten in Bayern (lediglich 20% eines Jahrgangs, Bundessschnitt: 27%) überwiegend aus den oberen sozialen Schichten. Ein Kind dieser privilegierten Klasse hat in Bayern eine 10,5mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen, als der Sprössling einer Arbeiterfamilie.
Leistungsorientiert oder integrativ ?
Suchen Politiker nach Gründen für Erfolg oder Misserfolg bei PISA-E, so können sie offensichtlich der Versuchung nicht widerstehen, den politischen Gegner abzuwatschen. Vielfach greift allerdings der Hinweis auf die jeweils im Bundesland regierende Partei und ihre bildungspolitischen Ansätze zu kurz.
Festzuhalten bleibt, dass die SPD-regierten Länder in der Vergangenheit generell mehr auf Breitenförderung gesetzt haben, während die Union eher auf das Prinzip von Spitzenleistung und Auslese gebaut hat.
Wenn das von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) formulierte Ziel, innerhalb von zehn Jahren einen Spitzenplatz unter den Top Five zu erreichen, Realität werden soll, würde es nicht ausreichen, einfach das bayerische Schulsystem auf andere Bundesländer zu übertragen. Bayern läge mit den erreichten Punktzahlen in einem internationalen Ranking etwa auf Rang neun zusammen mit Schweden und vor Österreich.
Beim Vergleich mit international führenden Nationen wird vielmehr deutlich, dass integrative Schulsysteme, die sich intensiv um schwächere Schüler kümmern, bei denen Sozialarbeiter und Psychologen die Lehrer unterstützen, auf Dauer besser abschneiden als eine auf Auslese und Leistung ausgerichtete Linie.
“Nicht wie Fußballtabelle lesen”
Der besonnene Teil der Bildungspolitiker und Wissenschaftler versuchte, die Wogen zu glätten und rief dazu auf, die Ergebnisse der Studie genau zu analysieren und differenziert zu beurteilen. Annette Schavan (CDU, Baden-Württemberg) warnte vor “übertriebenen Aufgeregtheiten” im Zusammenhang mit PISA-E, Doris Ahnen (SPD, Rheinland-Pfalz) wies darauf hin, man dürfe die Ergebnisse nicht “wie eine Fußball-Tabelle lesen”.
Hingegen wertete die Wirtschaft das überwiegend schlechte Abschneiden der deutschen Schüler als eine “Gefahr für den Standort Deutschland”. Schon jetzt reiche die Zahl der Abiturienten nicht aus, um den Bedarf an Akademikern in der Informationsgesellschaft zu decken.
Der Bundeselternrat rief die Elternschaft zu einer Verfassungsklage auf. Bei dem steilen Bildungsgefälle sei die Grundgesetz-Garantie gleicher Lebensverhältnisse in den Bundesländern nicht mehr erfüllt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht ein Scheitern der föderalistischen Bildungspolitik, bei der die Länder über ihre Schulsysteme entscheiden. Allen gemeinsam ist der Ruf nach einer schnellen und radikalen Bildungsreform.
Politik unter Handlungszwang
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) stimmt den Forderungen grundsätzlich zu und will generell die Rolle des Bundes in der deutschen Bildungspolitik stärken. Außerdem will sie eine Task Force “ZukunftBildung” einsetzen, die schnellstmöglich folgende Vorhaben realisieren soll:
4 Mrd Euro stellt der Bund 2003-2007 für die Einrichtung von 10 000 Ganztagsschulen bereit. 1800-2000 neue Ganztagsschulen sollen damit jährlich entstehen. Die Ganztagesschulen sollen dabei helfen, den Stoff anders, interessanter und leichter aufbereitet zu präsentieren, endlich wieder die Lust auf Bildung beim Schüler zu wecken, statt ihn durch stures Pauken abzuschrecken. Zudem könnten bei einer Ganztagsbetreuung Defizite der Elternhäuser ausgeglichen werden. Allerdings sind die Gelder an die Einhaltung von Mindeststandards hinsichtlich pädagogischem Konzept und Arbeitsbedingungen geknüpft, die mit den Bundesländern festgelegt werden sollen.
Darüber hinaus will Bulmahn bundesweit einheitliche Leistungsstandards vereinbaren, die Dauer der Schulpflicht, den Fächerkanon, Abschlüsse, Unterrichtsmaterialien sowie die Lehrerausbildung bundesweit angleichen. Eine unabhängige Kontrollinstanz soll die Einhaltung der Standards regelmäßig überprüfen. Ein unabhängiger Rat der Bildungsweisen erarbeitet alle zwei Jahre einen Bericht über das Bildungswesen in Deutschland. Dem öffnen sich die Länder nur bedingt. Zwar befürworten sie gemeinsame Ziele, Lernstandards und regelmäßige Kontrollen, bestehen aber auf ihre Hoheit in der Bildungspolitik.
Ansatz bereits im Vorschulalter
Allgemeiner Konsens besteht darüber, dass Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter besser gefördert werden müssen, damit sie bei Grundschuleintritt die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schullaufbahn mitbringen. Dazu gehört vor allem die sprachliche Förderung von nicht oder wenig Deutsch sprechenden Kindern.
Auch ein zentrales Abitur, wie Niedersachsen es als Reaktion auf PISA-E einführen will, wird als Methode zur Qualitätssteigerung erwogen. Bildungsforscher wiesen jedoch darauf hin, dass frühere Untersuchungen keine erkennbar positive Auswirkung auf das Bildungsniveau ergaben.
Frage-Beispiele aus PISA-E
Im Bereich Lesekompetenz und Textverständnis sahen sich die Schüler u.a. mit einem Dramenauszug konfrontiert: Amanda fragt den Prinzen: “Können Sie mir den Weg zum Meer zeigen?” Der Prinz antwortet: “Die zweite Straße links.” Er verbeugt sich, steigt auf sein Rad und fährt davon. Die Schüler sollten nicht nur den Inhalt erfassen, sondern mit Hilfe der Regieanweisungen die Aufgaben des Bühnenbildners auflisten und auf einer Skizze den Standort der Schauspieler markieren.
In der Mathematik mussten sie u.a. die Aufgabe lösen, wie sich die Zahl der auf einem quadratischen Feld angebauten Apfelbäume ändert, wenn der Bauer die Anbaufläche vergrößert – durch Abzählen oder mathematische Strategie.
Vergleich aller Schulformen nach PISA-E
Lesekompetenz
| 1. | Bayern (510 Punkte) |
| 2. | Baden-Württemberg (500) |
| 3. | Sachsen (491) |
| 4. | Rheinland-Pfalz (486) |
| 5. | Saarland (484) |
| 6. | Thüringen und Nordrhein-Westfalen (482) |
| 8. | Schleswig- Holstein (478) |
| 9. | Hessen (476) |
| 10. | Niedersachsen (474) |
| 11. | Mecklenburg-Vorpommern (467) |
| 12. | Brandenburg (459) |
| 13. | Sachsen-Anhalt (455) |
| 14. | Bremen (448) |
Deutscher Durchschnitt in der internationalen Skala: 484 Punkte
Mathematik
| 1. | Bayern (516 Punkte) |
| 2. | Baden-Württemberg (512) |
| 3. | Sachsen (501) |
| 4. | Thüringen (493) |
| 5. | Schleswig-Holstein (490) |
| 6. | Rheinland-Pfalz (488) |
| 7. | Saarland (487) |
| 8. | Hessen (486) |
| 9. | Mecklenburg-Vorpommern (484) |
| 10. | Nordrhein-Westfalen (480) |
| 11. | Niedersachsen (478) |
| 12. | Sachsen-Anhalt (477) |
| 13. | Brandenburg (472) |
| 14. | Bremen (452) |
Deutscher Durchschnitt in der internationalen Skala: 490 Punkte.
Naturwissenschaften
| 1. | Bayern (508 Punkte) |
| 2. | Baden-Württemberg (505) |
| 3. | Sachsen (499) |
| 4. | Thüringen ( 495) |
| 5. | Rheinland-Pfalz (489) |
| 6. | Schleswig-Holstein (486) |
| 7. | Saarland (485) |
| 8. | Hessen (481) |
| 9. | Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen (478) |
| 11. | Niedersachsen (476) |
| 12. | Sachsen-Anhalt (471) |
| 13. | Brandenburg (470) |
| 14. | Bremen (461) |
Deutscher Durchschnitt in der intern. Skala: 487 Punkte
Vergleich Gymnasien (9. Klasse) nach PISA-E
Lesekompetenz
| 1. | Bayern (593 Punkte) |
| 2. und 3. | Schleswig-Holstein und Niedersachsen (je 584) |
| 4. bis 6. | Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen (je 582) |
| 7. | Nordrhein-Westfalen (581) |
| 8. | Thüringen (571) |
| 9. | Saarland (570) |
| 10. und 11. | Hessen und Berlin (je 568) |
| 12. | Mecklenburg-Vorpommern (566) |
| 13. | Hamburg (563) |
| 14. | Sachsen-Anhalt (553) |
| 15. | Brandenburg (552) |
| 16. | Bremen (547) |
Mathematik
| 1. | Bayern (599 Punkte) |
| 2. | Schleswig-Holstein (590) |
| 3. | Mecklenburg-Vorpommern (577) |
| 4. und 5. | Baden-Württemberg und Sachsen (je 576) |
| 6. | Niedersachsen (575) |
| 7. | Thüringen (574) |
| 8. | Saarland (572) |
| 9. | Rheinland-Pfalz (570) |
| 10. | Hessen (568) |
| 11. | Nordrhein-Westfalen (567) |
| 12. | Berlin (565) |
| 13. | Sachsen-Anhalt (561) |
| 14. | Hamburg (552) |
| 15. | Brandenburg (550) |
| 16. | Bremen (547) |
Naturwissenschaften
| 1. | Schleswig-Holstein (595) |
| 2. | Baden-Württemberg (588) |
| 3. | Bayern (587) |
| 4. | Sachsen (582) |
| 5. und 6. | Niedersachsen und Thüringen (je 579) |
| 7. | Mecklenburg-Vorpommern (577) |
| 8. | Berlin (574) |
| 9. | Rheinland-Pfalz (573) |
| 10. | Saarland (572) |
| 11. | Nordrhein-Westfalen (569) |
| 12. | Hessen (561) |
| 13. | Hamburg (559) |
| 14. | Brandenburg (554) |
| 15. und 16. | Bremen und Sachsen-Anhalt (je 551) |
PISA : Hier stehen die Bundesländer im internationalen Vergleich
| 1. | Finnland (546 Punkte) |
| 2. | Kanada |
| 3. | Neuseeland |
| 4. | Australien |
| 5. | Irland |
| 6. | Südkorea |
| 7. | Großbritannien |
| 8. | Japan |
| 9. | Schweden |
| 10. | Bayern (510) |
| 11. | Österreich, Belgien, Island |
| 12. | Norwegen, Frankreich |
| 13. | USA |
| 14. | Baden-Württemberg (500) |
| 15. | Dänemark |
| 16. | Schweiz |
| 17. | Spanien |
| 18. | Tschechische Republik |
| 19. | Sachsen (491) |
| 20. | Italien |
| 21. | Rheinland-Pfalz (486) |
| 22. | Saarland, Deutschland (484) |
| 23. | Liechtenstein |
| 24. | Thüringen, Nordrhein-Westfalen (482) |
| 25. | Ungarn |
| 26. | Polen |
| 27. | Schleswig-Holstein (478) |
| 28. | Hessen (476) |
| 29. | Niedersachsen, Griechenland (474) |
| 30. | Portugal |
| 31. | Mecklenburg-Vorpommern (467) |
| 32. | Russland |
| 33. | Brandenburg (459) |
| 34. | Lettland |
| 35. | Sachsen-Anhalt (455) |
| 36. | Bremen (448) |
| 37. | Luxemburg |
| 38. | Mexiko |
| 39. | Brasilien (396) |



