"Sanfte" Medizin - Heilpraktiker-Beruf im Zwielicht
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"Sanfte" Medizin - Heilpraktiker-Beruf im Zwielicht

Bild: Foto: Denis Barthel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wer in Deutschland als Arzt arbeitet, hat ein aufwendiges Studium abgeschlossen. Für eine Kassenzulassung kommt noch die mehrjährige Spezialisierung als Facharzt hinzu - und die Verpflichtung, sich regelmäßig fortzubilden. Wer in Deutschland als Heilpraktiker arbeitet, hat in einer einzigen Prüfung unter Beweis gestellt, dass er mit der Ausübung seiner Heilkunde keine Gefahr für seine Patienten darstellt. Nach dieser Prüfung gilt er als "staatlich anerkannt".

Wer in Deutschland als Arzt arbeitet, hat ein aufwendiges Studium abgeschlossen. Für eine Kassenzulassung kommt noch die mehrjährige Spezialisierung als Facharzt hinzu - und die Verpflichtung, sich regelmäßig fortzubilden. Wer in Deutschland als Heilpraktiker arbeitet, hat in einer einzigen Prüfung unter Beweis gestellt, dass er mit der Ausübung seiner Heilkunde keine Gefahr für seine Patienten darstellt. Nach dieser Prüfung gilt er als "staatlich anerkannt".

Eine verbindliche Berufsordnung gibt es nicht. Eine Ausbildung brauchen Heilpraktiker nicht, zumindest nicht zwangsläufig. Trotz dieser überschaubaren Qualifizierungsleistung dürfen Heilpraktiker hierzulande über nahezu alle Fachgebiete hinweg Therapien anbieten und zum Beispiel auch Injektionen setzen. Oftmals vertrauen sie dabei auf Methoden der Naturheilkunde und der Alternativmedizin: Da wird geschröpft, akupunktiert und mit homöopathischen Mittelchen behandelt - mitunter jenseits aller wissenschaftlichen Evidenz.

Heilsame Wirkung?

Der fehlende Wirksamkeitsnachweis tut der Beliebtheit heilpraktischer Behandlungsangebote keinen Abbruch. Bei vielen Menschen kommt das Walten der Heilpraktiker gut an: "Schulmediziner sind häufig sehr kurz angebunden. Naturheilkundlich ausgerichtete Mediziner nehmen sich mehr Zeit, haben mehr Empathie, bauen eine bessere Patienten-Beziehung auf. Das ist sozusagen eine Art Psychotherapie, die da wirksam ist", äußerte sich Edzard Ernst, damaliger Leiter der Komplementärmedizin an der University of Exeter vor einigen Jahren im Magazin "Technology Review" zu diesem Phänomen.

Ein Besuch beim Heilpraktiker kann demnach tatsächlich heilsame Wirkung entfalten. Er kann aber auch das genaue Gegenteil herbeiführen: Nämlich dann, wenn schwerkranken Patienten dadurch wirksamere, schulmedizinische Therapien vorenthalten werden. Oder wenn der Heilpraktiker eine möglicherweise gefährliche Substanz verabreicht.

Skandal um verstorbene Patienten

So hat es sich jüngst bei dem Fall des Heilpraktikers Klaus Ross zugetragen, der bundesweit durch die Medien ging. Der Alternativmediziner hatte im Sommer 2016 Patienten in seiner Krebspraxis mit einem experimentellen Wirkstoff behandelt - ein Wirkstoff, über dessen Wirkung am Menschen keine aussagekräftigen Studien existieren.

Drei Menschen starben innerhalb von vier Tagen nach der Behandlung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seitdem wegen fahrlässiger Tötung. Ob Anklage erhoben werden kann, ist aber nach wie vor ungewiss. Denn: Heilpraktiker dürfen ihren Patienten zwar keine verschreibungspflichtigen Arzneimittel geben. Bei Substanzen, die nicht den Status einer Arznei haben, haben sie im Prinzip jedoch freie Hand.

Gleichwertige Alternative?

Als Reaktion auf diesen Fall hatte die Bundesregierung bereits damals erklärt, die Zulassungsregeln für Heilpraktiker überprüfen zu wollen. Im Mai sprach sich der Deutsche Ärztetag dafür aus, dass Heilpraktiker keine invasiven Maßnahmen vornehmen und keine Krebserkrankungen behandeln sollen. Vor wenigen Wochen nun hat eine Expertengruppe um die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Diskussion um die Profession des Heilpraktikers erneut entfacht - und stellt den Beruf dabei sogar ganz grundsätzlich in Frage.

Die Experten warnen, dass das Etikett der staatlich geschützten Berufsbezeichnung bei Patienten den falschen Eindruck erwecken könne, es handle sich bei Ärzten und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen: "Gerade wegen der in Deutschland in nahezu allen Bereichen üblichen und erwartbar hohen Qualitätsstandards gehen Menschen hierzulande davon aus, dass solche Standards alle wichtigen Lebensbereiche regulieren - also auch die Gesundheitsversorgung durch Heilpraktiker."

Harsche Kritik

Umso größer sei die Gefährdung. Als zugespitzten Vergleich schreibt die Gruppe: "Es wäre undenkbar, jemandem die Steuerung eines Flugzeugs anzuvertrauen, dessen ganze Kompetenz in einem erfolgreich absolvierten Workshop über die Sage des Ikarus besteht." Zwar bringen auch die Kritiker Verständnis für Menschen auf, die sich an Heilpraktiker wenden und sich dort besser aufgehoben fühlen als in so mancher Praxis von Schulmedizinern: "Unbestritten schenken viele Heilpraktiker ihren Patienten wohltuende Aufmerksamkeit, die diese in der auf Effizienz getrimmten wissenschaftsorientierten Medizin sehr oft nicht finden."

Angesichts der niedrigen Anforderungen für die Berufszulassung kommen sie dennoch zu einem drastischen Schluss: Entweder sollen an Stelle des bisherigen Heilpraktikers verschiedene Fachheilpraktiker eingeführt werden. Diese Qualifizierungen kann dann nur erwerben, wer vorher bereits einen Heilberuf wie Ergotherapeut, Krankenpfleger oder Logopäde erlernt hat. Oder: Der Beruf des Heilpraktikers wird komplett abgeschafft.

"Vertrauen nicht zerstören"

Die Heilpraktiker selbst fühlen sich angesichts solcher Forderungen zur Gegenwehr verpflichtet. Der Bund Deutscher Heilpraktiker spricht in einer Erklärung von einer undifferenzierten Generalkritik. "Wir wehren uns gegen diese einseitige Meinungsäußerung sogenannter Experten. Wir lassen uns unser Vertrauensverhältnis zu Patienten nicht zerstören", konstatiert der Präsident des Bunds, Ulrich Sümper in einer Mitteilung.

Wie gut das gelingt, bleibt abzuwarten. Denn klar ist: Der Fall des Heilpraktikers Klaus Ross hat die vermeintlich sanft und natürlich agierende Heilpraktikerbranche so sehr ins Zwielicht gerückt wie kein Skandal zuvor. Doch er ist nicht der erste Fall. Im Jahr 2009 starben Patienten eines Arztes und seiner Frau, einer Heilpraktikerin, weil ihnen Drogen verabreicht worden waren. Und Ende 2015 vergiftete sich eine Gruppe Heilpraktiker lebensgefährlich bei einem Selbstversuch.

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