Gemeinsamer europäischer Hochschulraum dank Bachelor und Master
Eines der wichtigsten Ziele der Bildungsvertreter, die vor fast zehn Jahren in Europas ältester Universitätsstadt Bologna zusammenkamen, war ein länderübergreifendes einheitliches Studiensystem mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen. Dieser europäische Hochschulraum sollte nicht zuletzt die Mobilität und die Beschäftigungschancen der Absolventen erhöhen sowie den drohenden Fachkräftemangel abmildern.
Die neuen Abschlüsse heißen Bachelor (B.A.) und Master (M.A) und haben Stand heute die alten Diplom- und Magisterstudiengänge größtenteils abgelöst. Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums waren zum Wintersemester 2008/2009 75 Prozent aller Studiengänge in Deutschland (9.200 von insgesamt 12.300) auf das neue System umgestellt.
Hardliner fordern Reform der Reform
Für die Studenten ist die fortgeschrittene Umsetzung der Bologna-Reform allerdings keinesfalls eine positive Botschaft. Sie fordern die Reform der Reform. Hardliner wünschen sich gar die Abschaffung des BA/MA-Modells. Die Studenten kritisieren, die neuen Studiengänge seien völlig überfrachtet, viel zu verschult und ließen keinerlei Freiraum, um neben dem straffen, von zahllosen Prüfungen durchzogenen Pflichtprogramm auch einmal in andere Bereiche zu schnuppern oder sich gar persönlich weiter zu entwickeln.
Die in den alten Bundesländern inzwischen flächendeckend eingeführten Studiengebühren verstärkten den Zeit- und Leistungsdruck noch. Praktika oder Auslandssemester seien in den sechs Semestern, in denen ein Bachelor abgeschlossen sein soll, illusorisch.
Studiengänge völlig durchreglementiert und überfrachtet
Unterstützung bekommen die Studierenden vom DSW, dem Deutschen Studentenwerk. DSW-Sprecher Stefan Grob erklärt: "Die Bologna-Reform war von Anfang an nicht auf die wirtschafliche und soziale Situation der Studenten ausgerichtet. Besonders die Einführung von Bachelor und Master hat man völlig vermurkst. Anstatt mal ins europäische Ausland zu schauen, wie die es so machen, haben wir typisch deutsch jeden Studiengang viel zu sehr durchreglementiert."
Nach Ansicht des DSW hätten die deutschen Hochschulen nicht beachtet, dass der Bachelor ein ganz neuartiger Studiengang sei. Stattdessen habe man einfach den gesamten Inhalt der viel längeren Diplom- und Magisterstudiengänge in die sechs B.A.-Semester gepresst. Das führe zu einer chronischen Überlastung der Studierenden, die zu 63 Prozent auf einen Nebenjob angewiesen seien. Jeder vierte Student sei deshalb bereits 2006 auf eine 50-Stunden-Woche gekommen.
Viele Arbeitgeber kennen den Bachelor immer noch nicht
Dabei war der Bachelor ursprünglich als ein erster berufsqualifizierender Abschluss gedacht, der vor allem die Methodenkompetenz der Studenten ausbilden sollte - also die Fähigkeit, sich in Neues schnell hineinzuarbeiten, Zusammenhänge zu verstehen, selbstständig zu arbeiten. Dies sollte den Studenten einen früheren Berufseinstieg ermöglichen - gerade im europäischen Kontext ein wichtiger Punkt. Erst im viersemestrigen Master sollten sie sich fachlich spezialisieren - direkt im Anscluss an den B.A. oder erst nach ein paar Jahren Berufserfahrung.
In der Realität ringt der Bachelor allerdings immer noch um Anerkennung bei den Arbeitgebern. Große Konzerne stellten zwar vermehrt Bachelor-Absolventen ein, mittelständischen Betrieben, die 90 Prozent des Arbeitsmarktes ausmachten, sei dieser Abschluss auch neun Jahre nach seiner Einführung weitgehend unbekannt, kritisiert Grob, "hier liegt ein großes Kommunikationsproblem vor."
Nicht gewappnet für den Arbeitsmarkt
Doch auch die Bachelor-Absolventen fühlen sich selten schon gewappnet für den Arbeitsmarkt. Nach nur sechs - verschulten - Semestern hat kaum einer der Studenten das Gefühl, das inhaltliche und persönliche Rüstzeug für einen ersten festen Job mitzubringen. Deshalb fordern die Studenten eine Verlängerung der B.A.-Regelstudienzeit auf mindestens acht Semester - und ein Anrecht auf einen anschließenden Masterstudiengang.
Denn auch ein weiteres Ziel der Bologna-Reform, das Studiensystem durchlässiger und kompatibler zu machen, sei gründlich verfehlt worden, schimpfen die Kritiker. Es sei jetzt schon abzusehen, dass den Absolventen viel zu wenig Masterstudiengänge angeboten würden. Für das Wintersemester 2007/2008 hatte das Statistische Bundesamt 70.599 Masterstudenten ermittelt - und weit über 500.000 Bachelorstudenten. Da scheint es tatsächlich recht unwahrscheinlich, dass den kommenden Bachelor-Absolventen ausreichend Master-Plätze angeboten werden können.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Absicht der Bologna-Väter, die Mobilität der Studenten zu erhöhen. Erreichen wollte man dies durch Uni-Kooperationen und das EU-weit geltende Anrechnungssystem von Studienleistungen durch so genannte Credit Points. Genau das Gegenteil habe man erreicht. Die Einführung hoch spezialisierter Studiengänge, die nicht nur von Land zu Land, von Bundesland zu Bundesland, nein, sogar von Hochschule zu Hochschule variierten, mache einen Studienort-Wechsel oder ein Auslandssemester beinah unmöglich. Aber fürs Ausland haben sie ja sowieso keine Zeit, klagen die Streikenden lakonisch.



