Ob ein Kind ein Leben lang gut oder schlecht sehen wird, entscheidet sich meist schon im frühen Babyalter. Sehstörungen und Augenfehler lassen sich fast immer korrigieren, wenn sie frühzeitig erkannt werden. Das gilt auch und ganz besonders für das Schielen. Denn kaum eine andere Fehlsichtigkeit führt so oft schon in der Kindheit zu einer verminderten Sehleistung, wie der so oft verharmloste Silberblick.
Nach Schätzungen von Ärzten leiden bei uns in Mitteleuropa zwischen fünf und gut sieben Prozent aller Kinder an einem behandlungsbedürftigen Schielen. Wird das Schielen jedoch rechtzeitig behandelt, stehen die Chancen überaus günstig: In mehr als 90 Prozent der Fälle wird das Schielen geheilt und damit auch vermieden, dass das schielende Auge seine Sehleistung verliert.
Wie entsteht das Schielen?
Die Bewegungen unserer Augen werden durch sechs Muskeln kontrolliert - vier gerade und zwei schräge). Diese Muskeln sind bereits bei der Geburt voll entwickelt, deshalb können schon Babys ihre Augen in alle Richtungen bewegen. In den ersten Lebenstagen geschieht das allerdings meist noch ruckartig und unkoordiniert.
Wenn die Synchronisation dieser sechs Muskeln durch falsche Gehirnimpulse gestört ist, richtet das Kind nur ein Auge auf den von ihm fixierten Gegenstand, während das andere Auge abweicht. Dieses Auge oder abwechselnd beide Augen wandern entweder nach innen - das kommt am Häufigsten vor - oder nach außen: Das Kind schielt.
Warum ist das ein Problem?
Schielen ist mehr als nur ein kosmetisches Problem. Denn es beeinträchtigt auch die Sehfähigkeit und das räumliche Sehen. Dieses dreidimensionale Sehen ist nur dann möglich, wenn die Bilder bei beiden Augen auf die Stelle des schärfsten Sehens fallen. Dann kann das Gehirn aus winzigen Unterschieden in der Perspektive beider Augen die räumliche Tiefe des Sehbilds berechnen.
Beim schielenden Auge ist das jedoch nicht der Fall. Das Gehirn kann dabei die Bilder aus den beiden Augen nicht zu einem einzigen dreidimensionalen Seheindruck verschmelzen. Als Folge entstehen irritierende Doppelbilder. Das Gehirn beginnt deshalb sehr schnell, das vom schielenden Auge übermittelte Bild dauerhaft zu unterdrücken, und schließt dieses Auge vom aktiven Sehen aus. Dadurch jedoch verlernt das "arbeitslose" Auge immer mehr das Sehen und der Betroffene ist praktisch einäugig. Wenn das Schielen nicht behandelt wird, bleibt das schielende Auge daher in mehr als 50 Prozent der Fälle mehr oder weniger schwachsichtig.
Probleme in der Schule und im Beruf
Weil das Schielen das 3D-Sehen beeinträchtigt ist, sind Menschen mit diesem Sehfehler von bestimmten Berufen ausgeschlossen, beispielsweise im Verkehr, bei der Bahn oder in der Luftfahrt. Nach aktuellen Untersuchungen kommen aber auch Verhaltensstörungen, Leistungsschwäche, Lese-Rechtschreib-Probleme und Legasthenie bei Kindern mit Schielen oder Sehschwäche häufiger vor.
Schielen kann sogar zu psychischen Problemen führen: Hinter dem erkennbaren „Anderssein“ vermuten viele Menschen fälschlicherweise einen wenig sympathischen Charakter oder halten das Schielen für den „bösen Blick“. So ergab eine Untersuchung in der Schweiz, dass schielende Kinder von Gleichaltrigen viel seltener zum Kindergeburtstag eingeladen werden. Für die Vermittler von Führungskräften gilt Schielen als ein schlimmerer Makel als Akne oder fehlende Frontzähne.
Besonders dramatische Folgen gibt es, wenn im späteren Leben das "gute" Auge durch Unfall oder durch eine Erkrankung geschädigt wird. In diesem Fall muss das schwachsichtige Auge die Hauptfunktion übernehmen. Sein Sehvermögen beträgt meist jedoch höchstens zehn Prozent der normalen Sehleistung, was zu erheblichen Sehproblemen führen kann.
Was sind die Ursachen?
Die Ursache des Schielens lässt sich fast nie eindeutig herausfinden. Viele Faktoren können eine Rolle spielen. Am häufigsten ist eine Weitsichtigkeit: Dabei sind die Augen des Kindes um ein winziges Stück zu kurz geraten. Das Gehirn veranlasst deshalb die Augenmuskeln, die Augenlinse stärker zu krümmen, wenn sie scharf sehen soll. Diese Krümmung bewirkt jedoch, dass sich beide Augen nach innen drehen.
Auch Virusinfektionen vor und nach der Geburt und Entwicklungsstörungen in diesem Zeitraum können eine Rolle spielen. Deshalb sollten Frühgeborene und andere Risikobabys, bei denen der Verdacht auf eine Entwicklungsverzögerung oder eine Bewegungsstörung besteht, auch auf Schielen und andere Sehstörungen untersucht werden. Denn bei jedem zweiten dieser Babys ist auch mit Augenstörungen zu rechnen.
Schon vor 2.400 Jahren meinte Hippokrates, der Urvater aller Ärzte: „Wenn von Blauäugigen Blauäugige gezeugt werden, was hindert da, dass von Schielenden wiederum Schielende gezeugt werden?“ Recht hatte er: Wenn beide Eltern schielen, beträgt die Wahrscheinlichkeit über 50 Prozent, dass ihre Kinder ebenfalls schielen. Sie liegt bei über 20 Prozent, wenn ein Geschwister schielt, und verdoppelt sich bei zusätzlichem Schielen eines Elternteiles.
Was kann man tun?
Je frühzeitiger ein Schielen behandelt wird, desto geringer sind die Folgen. Alle Babys, bei denen der Verdacht auf Schielen besteht, oder in deren Familien Schielen vorkommt, sollten daher schon mit sechs bis zwölf Monaten beim Augenarzt vorgestellt werden. Besteht bei einem Baby nach dem dritten Lebensmonat immer noch eine ständige einseitige Fehlstellung, so sollte eine Frühbehandlung eingeleitet werden.
"Diese Behandlung ist völlig schmerzlos und belastet das Baby in einem wesentlich geringeren Maße, als es manchen Eltern erscheinen mag", erklärt Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Das Ziel der Behandlung ist es, abwechselnd beide Augen zum Sehen zu zwingen. Dafür wird das gesunde Auge entweder mit Hilfe von Tropfen zeitweilig geschwächt oder stundenweise mit einem Pflaster abgedeckt. Ergänzt wird diese Behandlung durch die Verschreibung einer Brille, um den mit dem Schielen meist gekoppelten Sehfehler – in der Regel eine Weitsichtigkeit – auszugleichen.
In vielen Fällen reichen diese Maßnahmen allein schon aus, um das Schielen vollständig zu beseitigen und ein stereoskopisches Sehen zu erreichen. Bei einigen Schielkindern ist jedoch eine Operation erforderlich, um das Schielen zu beseitigen. Entgegen vielen Schauermärchen wird bei der Operation weder das Auge herausgenommen, noch der Augapfel aufgeschnitten. Der Arzt öffnet lediglich die Bindehaut, die auf dem Augapfel liegt. Die darunter liegenden Augenmuskeln werden verkürzt oder so versetzt, dass beide Augen möglichst gerade stehen. Danach wird die Bindehaut mit einer hauchfeinen Naht wieder verschlossen.
Über den richtigen Zeitpunkt dieses Eingriffs gibt es unterschiedliche Ansichten unter den Augenärzten: Während die einen für eine operative Korrektur bereits im Alter von zwei bis zweieinhalb Jahren plädieren, halten die anderen einen Operationstermin zwischen dem dritten und fünften Geburtstag noch für ausreichend. In Deutschland wird die Operation üblicherweise im Jahr vor der Einschulung durchgeführt. So lässt sich vermeiden, dass das Schielen den Schulerfolg behindert.




