Einleitung
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass in alten Kulturen der Konsum von Rauschmitteln häufig eine ritualisierte Angelegenheit war, reserviert für bestimmte Anlässe und Personenkreise. Eine gewisse Beschränkung gab es immer, denn keine produktive Gesellschaft kann sich eine Bevölkerung von selig träumenden "Aussteigern" gönnen. Andersherum kann es vermutlich kein Mensch auf Dauer ertragen, ein stets effizientes, braves und gesundes Leben zu führen, ohne ab und zu, in welcher Form auch immer, über die Stränge zu schlagen.
Die "kleinen Fluchten" sind ein Bestandteil unseres Daseins, die es erträglicher machen: das Nutellabrot, die Kneipentour Samstag Abend. Wie so oft kommt es auf das rechte Maß an. Es gibt jedoch nicht wenige Fälle, bei denen die Grenze überschritten wird zu einer, wenn auch nicht immer körperlichen, so doch emotionalen Abhängigkeit von den kleinen Tröstern. Die Betroffenen sind überzeugt, nicht mehr ohne diese Hilfsmittel in Flaschen-, Pulver-, Kuchen-, Zigaretten- oder Tablettenform auszukommen.
Was kann die Gesellschaft gegen die Entstehung von Sucht tun? Soll man umfassendere Verbote von Suchtmitteln erlassen? Gourmets genießen ihr Gläschen Cognac nach dem Essen. Ihr Protest dürfte beträchtlich sein, sollte es eines Tages eine Prohibition geben. Viele Menschen verleben unterhaltsame Stunden in der Spielbank - soll man sie schließen, weil einige wenige von Spielsucht ergriffen werden? Und ist etwa die Pharmaforschung grundsätzlich "böse", weil sie gefährliche Substanzen herstellt? Unzählige Schmerzpatienten sind auf neue Medikamente angewiesen, um ihre Leiden zu verringern.
Gesetze üben eine wichtige Kontrollfunktion aus, wenn es um den Schutz der Allgemeinheit vor hochgiftigen Stoffen geht. Niemand kann ernstlich befürworten, dass Opiate im Supermarkt verkäuflich sein sollten. Aber Verbote von allem und jedem nutzen wenig. Nicht das Vorhandensein von potenziell süchtig machenden Substanzen ist das Grundübel, sondern die Veranlagung des Einzelnen, in ihnen einen Ausweg aus seinen Problemen zu sehen.
Die vielen Gesichter der Sucht
"Süchtig" kann man nach vielen Substanzen oder auch Verhaltensweisen werden, wie wir es auch manchmal salopp ausdrücken, indem wir sagen "nach Gummibärchen bin ich süchtig!" Übermäßiges Essen, Magersucht, Bulimie, Arbeitswut, Putzen, Glücksspiel, Sport, Videospiele, Chatten im Internet, Sex - all das kann ausarten in "zwanghaftes Verhalten", wie es die Psychologen nennen. Dieses Verhalten hat tatsächlich Ähnlichkeiten mit dem Konsum von Rauschmitteln.
Im Vordergrund steht die psychische Abhängigkeit von diesem Verhalten, das auch körperliche Veränderungen nach sich ziehen kann, aber nicht muss. Dagegen ist bei einer Heroin- oder Tablettensucht die körperliche Abhängigkeit das hervorstechende, weil unter Umständen akut lebensbedrohende Merkmal.
Trotzdem kann ein "Entzug" von zwanghaften Verhaltensweisen ein emotional ebenso belastender und langwieriger Prozess sein wie bei einem Drogensüchtigen oder Alkoholkranken. Unter Umständen bedarf sie ebenso einer therapeutischen Begleitung.
Zahlen und Fakten
Die Junkies, die auf Bahnhofstoiletten sterben, sind vielleicht die spektakulärsten Fälle von Sucht, aber viel näher am "normalen" bürgerlichen Umfeld leben die ca. 1,5 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland - definiert als jene Menschen, die ohne Alkohol ihren Alltag nicht bewältigen können.
2,4 Mio. Erwachsene konsumieren regelmäßig zuviel Alkohol (5% der 18-59jährigen), bei 7,8 Mio. wird der Konsum von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren als riskant eingestuft. Jährlich sterben in Deutschland etwa 42.000 Menschen an den direkten oder indirekten (z.B. durch Unfälle) Folgen von Alkoholmissbrauch. Der Konsum von reinem Alkohol lag 1999 pro Kopf im Durchschnitt bei 10,6 Liter. Bereits 65% der 14-24jährigen trinken regelmäßig Alkohol, so die Zeitschrift Sucht 1/2000.
Die immer noch am weitesten verbreitete Sucht ist die Tabakabhängigkeit, sprich das Rauchen. Der Trend war lange rückläufig, 1999 wurden jedoch in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 145 Milliarden Zigaretten geraucht, das sind 7 Milliarden mehr als im Vorjahr.
Die gesellschaftliche Akzeptanz ist dagegen deutlich gesunken, fast jeder ist der Meinung, Rauchen sei schädlich (was offensichtlich nicht heißt, dass er darauf verzichten kann). Experten hoffen auf die Verbreitung "rauchfreier Zonen" und das Verbot der Tabakwerbung, eine Mehrheit der Bevölkerung ist dafür.
Es rauchen mehr Männer als Frauen, insgesamt etwa 28,3% der Bevölkerung über 15 Jahre, der Anteil der Männer liegt bei 34,7% und der der Frauen bei 22,2%. Die meisten Raucher finden sich in der Gruppe der 35-40jährigen. Die Zahl der direkt auf Tabakmissbrauch zurückgeführten Todesfälle lag 1999 bei über 110.000 (Fachverband Sucht).
Etwas abnehmende Tendenz hat der Konsum von Schmerz-, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln, also Medikamenten, von denen man abhängig werden kann. Im Jahrbuch Sucht 2001 schätzt man, dass bis zu 1,5 Mio. Deutsche regelmäßig diese Tabletten mit Suchtpotential zu sich nehmen. Mindestens einmal die Woche sind 15,2% der Frauen und 9,4% der Männer dabei.
Diese geschlechtsspezifische Diskrepanz spiegelt sich in der Verschreibungspraxis: Frauen werden 3mal häufiger Psychopharmaka verschrieben als Männern bei gleichen Symptomen wie Überlastung, Stress, Schlaflosigkeit, Nervosität, Depressionen etc.
Einen Anstieg illegaler Drogen vermelden die neuen Bundesländer, besonders bei Cannabis-Produkten, die auch 50% der polizeilich registrierten "Rauschgiftdelikte" ausmachen.
Cannabis konsumieren 2,1 Mio. Bundesbürger, davon regelmäßig 270.000. Der Konsum von LSD, Heroin und Ecstasy nimmt ab, der von Amphetaminen und Kokain dagegen zu. Die so genannten harten Drogen konsumieren 250.000 bis 300.000, davon sind etwa die Hälfte Abhängige. 1999 wurden 22.656 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz gezählt; es gab 1.812 Rauschgift-Tote.
Unterschätzte Gefahren
"Keine Macht den Drogen" - diesen Slogan kennt eigentlich jeder. Und irgendwie weiß ja jeder, dass Drogen und Suchtmittel schädlich sind. Dass Aufklärungskampagnen gar nicht aufwändig genug sein können, beweist jedoch die Tatsache, dass viele Menschen kein ausreichendes Gespür für ihre individuelle Abgängigkeitssituation haben. Gerade Jugendliche neigen zu dem Irrglauben, sie seien unverwundbar, und die ganze Problematik beträfe sie nicht, weil sie nur am Wochenende mal zu viel saufen oder ein paar Tabletten einwerfen. Dazu kommt ein allgemein verbreitetes mangelndes Problembewusstsein über die Gefahren des "Mischkonsums". Immer mehr Suchtkranke mixen Designerdrogen mit Alkohol, Zigaretten, Haschisch, Halluzinogenen, Schmerzmitteln oder eben allem, was sie als Ersatz oder zur Verstärkung finden können - das kann neben anderen schweren Organschäden zu akutem Herz-Kreislaufversagen führen.
"Den" Süchtigen gibt es nicht
Es ist falsch zu glauben, ein Suchtkranker sei von Natur aus einem bestimmten Personenkreis zuzuordnen. Die Gründe, warum jemand die Schwelle vom Konsum zur Sucht überschreitet, sind genauso vielfältig wie die Formen der Sucht. Warum fängt jemand an, ein bestimmtes Suchtmittel zu konsumieren?
Die Motive bei Jugendlichen können z.B. sein:
- Es ist aufregend, toll, vermittelt einen Kick, Glücksgefühl
- Abenteuerlust, Neugier
- Ausprobieren wollen von veränderter Wahrnehmung, sich aufputschen wollen
- Flucht aus dem Alltag
- Zu einer coolen Gruppe gehören, Nachahmung
- Gebunden an eine bestimmte Situation oder Szene (Party, Disco, Rave)
- Rebellion gegen Eltern, Autoritätspersonen, alles Langweilige und Spießige
- Zu geringes Problembewusstsein ("davon wird man doch nicht süchtig", "so viel nehme ich doch gar nicht" etc.)
Bei Erwachsenen:
- Flucht aus dem Alltag, vor unangenehmen Situationen
- Suche nach Glücksgefühl, Gefühl von Leichtigkeit und Unbeschwertheit
- Versuch, sich aufzuputschen oder die Leistungsfähigkeit zu steigern
- Betäuben von (unangenehmen) Gefühlen wie Einsamkeit, Ängsten
- Gruppenzwang, Nachahmung und soziale Akzeptanz von Rauschmitteln (Alkohol)
Die Schwelle zur Sucht
Was zur Sucht führt, ist eigentlich klar:
Eine einmal erlebte Befriedigung, Zufriedenheit oder ein seelisches Hochgefühl, das durch eine bestimmte Substanz oder ein bestimmtes Verhalten ausgelöst wurde, soll ständig wiederholt werden. Sobald eine Gewöhnung eintritt und der erwünschte Effekt schwächer wird, muss die Dosis gesteigert werden. Nach dem Absetzen des Suchtmittels entstehen Depressionen oder je nach Stoff körperliche Symptome wie Übelkeit, Muskelkrämpfe, Kreislaufstörungen, um nur die harmlosen zu nennen.
Klare Kennzeichen einer Sucht sind:
- Abstinenzunfähigkeit = Unfähigkeit, ohne das Mittel auszukommen
- Kontrollverlust = Verlangen nach dem Mittel, Menge und Häufigkeit des Konsums können nicht mehr willentlich gesteuert werden, der Betroffene hat keinen freien Willen mehr
- Entzugserscheinungen entstehen, wenn das Mittel nicht zur Hand ist (körperliche, weil der Stoffwechsel sich darauf eingestellt hatte, oder/und psychische: Depressionen)
- Beschaffung des Mittels beherrscht zunehmend das Denken
Und die Folgen sind:
- Verleugnen und Verstecken des tabuisierten oder unter Umständen illegalen Konsums isoliert zunehmend vom sozialen Umfeld
- Fähigkeit zum effizienten Arbeiten oder konzentrierten Lernen nimmt ab
- Aggressionen oder/und Depressionen nehmen zu, Freunde /Familie distanzieren sich
- Eventuell: Finanzielle Lage wird angespannt, Verlust von Arbeitsplatz oder Lehrstelle, Absturz in die Kriminalität
Warnsignale:
Jeder kann sich fragen, ob er bereits an der Schwelle zu einer Sucht steht. Das ist der Fall, wenn Sie die folgenden Fragen bejahen müssen (nennen wir das Suchtmittel dabei XX):
- Ich kann nicht mehr länger als ein paar Stunden/einen Tag auf XX verzichten
- Ich bin so an XX gewöhnt, dass ich mir ein Leben ohne das nicht mehr vorstellen kann
- Ich nehme/tue XX, um mich abzulenken/um mich gut zu fühlen/um mich zu entspannen/ um mich aufzuputschen
- Ich nehme/tue XX, weil meine Freunde/Kollegen es auch tun
- Ich habe schon versucht, aufzuhören, aber schaffe es nicht
- Ich werde unruhig/nervös/zittrig/mir wird schlecht, wenn ich XX nicht kriege
- Ich weiß, dass XX schlecht ist, mir schadet oder mich für andere Aktivitäten blockiert, und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich es nehme/tue
- Ich habe versucht, XX nicht so oft zu nehmen/zu tun, aber das gelingt mir nicht
Buch-Tipps
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Poppelreuter, Stefan. Gross, Werner: Nicht nur Drogen machen süchtig




