Turbo-Abi adé?
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Turbo-Abi adé?

Bild: Foto: Lorenzheide, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Für den gleichen Abschluss ein Jahr weniger die Schulbank drücken – so lautete die Devise der G8-Reform kurz nach der Jahrtausendwende. Nach und nach wurde die Gymnasialzeit dabei in fast allen Bundesländern in Deutschland um ein Jahr verkürzt. Das Abitur sollten Schüler nun nach acht Jahren auf dem Gymnasium ablegen – anstatt, wie zuvor in den meisten Ländern üblich, nach neun Jahren.

Für den gleichen Abschluss ein Jahr weniger die Schulbank drücken – so lautete die Devise der G8-Reform kurz nach der Jahrtausendwende. Nach und nach wurde die Gymnasialzeit dabei in fast allen Bundesländern in Deutschland um ein Jahr verkürzt. Das Abitur sollten Schüler nun nach acht Jahren auf dem Gymnasium ablegen – anstatt, wie zuvor in den meisten Ländern üblich, nach neun Jahren.

Die Hoffnung der Initiatoren: Durch die Umstellung sollte die Wirtschaft schneller mit Hochschulabsolventen versorgt werden und auf diese Weise der Fachkräftenachschub gesichert werden. Zum anderen sollten Schüler die Möglichkeit erhalten, jünger in den Arbeitsmarkt einzusteigen und damit auch im internationalen Wettbewerb bessere Chancen zu haben. Denn fast überall in Europa wird das Abi nach dem zwölften Schuljahr abgelegt – G8 sollte also zu internationaler Vergleichbarkeit führen.

Mehr Stress, weniger Kind-Sein

Doch die Abwendung vom bewährten G9-Modell hat in großen Teilen der Bundesrepublik zu heftigen Kontroversen geführt. Kritiker bemängeln die hohe Belastung für die Schüler – bedeutet die verkürzte Schulzeit doch unter anderem mehr Nachmittagsunterricht und weniger Zeit für Freunde, Hobbies oder ehrenamtliches Engagement. Auch die Zeit für Klassenfahrten, Praktika oder Exkursionen ist durch das verlorene Jahr rar geworden. Die Schule könne nun nur noch reine Wissensvermittlung leisten, obwohl sie doch eigentlich darüber hinaus pädagogische und erzieherische Aufgaben erfüllen solle, so die Gegner. Durch das straffe Lehrprogramm fielen zudem insbesondere lernschwache Schüler schneller durchs Raster.

Zugespitzt formuliert verpassen Schüler demnach dank G8 ihre Kindheit, sind nach dem Abschluss geistig womöglich noch gar nicht reif für die Uni oder müssen doch ein neuntes Jahr am Gymnasium dranhängen, weil sie überfordert waren und sitzen geblieben sind.

Thüringen und Sachsen sind dagegen die besten Beispiele dafür, dass das Modell sehr wohl funktionieren kann: Im Osten Deutschlands wurde bereits zu DDR-Zeiten das Abitur nach der zwölften Klasse gemacht. Erst nach der Wiedervereinigung schlossen sich die meisten neuen Bundesländer aufgrund der hohen Wochenstundenvorgaben der Kultusministerkonferenz dem 13-stufigen Schulmodell der Bundesrepublik an. Sachsen und Thüringen sind jedoch bis heute beim Abitur nach 12 Jahren geblieben – und das ohne Probleme: weder verzeichnen die beiden Ländern signifikant höhere Abbrecherquoten, noch erbringen ihre Abiturienten schlechtere Leistungen.

Bewertungsgrundlage fehlt

Doch wer in der Debatte um das Turbo-Abi wirklich Recht hat, ist kaum zu beurteilen. Die jüngsten Studien zu G8 liefern ebenso Argumente für Befürworter wie für Gegner. So hat eine Untersuchung vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gezeigt, dass mit G8 mehr Schüler eine Ehrenrunde drehen. Der Anteil der Sitzenbleiber stieg um gut drei Prozent – von 14,5 Prozent (G9) auf 17,8 Prozent (G8). Wider erwarten scheitern die meisten Schüler dabei aber schon in der Mittel- und nicht in der Oberstufe, wo die Belastung durch G8 eigentlich zunimmt. Außerdem wurde deutlich: Im Schnitt sind die Abiturienten tatsächlich jünger und auch die Abiturientenquote ist trotz verkürzter Schulzeit konstant geblieben.

In einer anderen Studie haben Tübinger Forscher Schüler aus den doppelten Abiturjahrgängen in Baden-Württemberg miteinander verglichen. Das Ergebnis: In Fächern wie Mathematik, Physik und Biologie waren die Schüler ähnlich gut. In Englisch schnitten die G9-Schüler jedoch bedeutend besser ab – vielleicht weil sie außerhalb der Schule mehr Zeit hatten, sich etwa mithilfe von Büchern oder Filmen intensiver mit der Fremdsprache auseinanderzusetzen, so die Vermutung. Eine Sorge konnten die Wissenschaftler zumindest für die baden-württembergischen Schüler jedoch entkräften: Die Kinder fühlten sich offensichtlich nicht gestresster und verbrachten ähnlich viel Zeit mit Hobbies wie die G9-Schüler. Allerdings blieb ihnen weniger Zeit für Freunde und Fernsehen.

Insgesamt ist es Wissenschaftlern zufolge aber noch zu früh, um die Reform abschließend zu beurteilen. Dafür fehlt es schlicht an zuverlässigen Daten. Zum Beispiel ist nicht klar, wie sich G8 konkret auf das Leben außerhalb der Schule auswirkt – und auch nicht, ob die jüngeren Abiturienten tatsächlich früher in den Arbeitsmarkt eintreten oder das gewonnene Jahr anderweitig nutzen.

Reformierte Reform

Trotzdem haben die meisten Länder ob zahlreicher Proteste von Eltern, Schülern und Lehrern bereits reagiert: Ab 2013 wurde die Reform wenige Jahre nach ihrer Einführung teilweise wieder zurückgenommen. In vielen Bundesländern gibt es mittlerweile die Möglichkeit, zwischen G8 und G9 zu wählen. So kann das Abitur nach 13 Schuljahren vielerorts zum Beispiel an sogenannten Modell-Gymnasien abgelegt werden, die G9 im Rahmen eines Schulversuchs wieder eingeführt haben. Auch integrierte Schulformen wie Gesamtschulen bieten oft das Abi nach 13 Jahren an.

Niedersachsen verabschiedet sich dagegen zum Schuljahr 2015/ 2016 grundsätzlich vom Turbo-Abi. Für besonders leistungsstarke Schüler soll eine Option auf G8 jedoch erhalten bleiben. Grundlegende Änderungen nach den Sommerferien gibt es auch in NRW. Hier wird zwar an G8 festgehalten, das Turbo-Abi zum kommenden Schuljahr aber deutlich entschlackt. So wird es künftig weniger Nachmittagsunterricht und weniger Hausaufgaben geben. Gleichzeitig soll mehr Raum für individuelle Förderung entstehen: in Form von sogenannten Ergänzungsstunden, die nicht für alle Schüler verpflichtend sind.

Das einzige westliche Bundesland, in dem derzeit nicht umständlich rereformiert und angepasst wird, ist wohl Rheinland-Pfalz. Das Land hat sich damals als einziges G8 verweigert und ist bei der regulären Gymnasialzeit geblieben. Das Turbo-Abi findet dort nur an ausgewählten Gymnasien mit Ganztagsbetreuung statt, an denen dies ausdrücklich von Eltern und Schulleitung gewünscht wird.

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