Allgemeine Volksbildung im Blick
Ohne Johann Heinrich Pestalozzi wäre die Pädagogik, wie wir sie heute kennen, nicht denkbar. Er war der Schöpfer der modernen Volksschule. Der Schweizer Pädagoge propagierte – ganz im Sinne der Aufklärung – die Idee der Bildung für alle, auch für Kinder aus den armen Schichten. Erstmals zeigte er Wege auf, wie Kinder verschiedenen Geschlechts sowie unterschiedlicher sozialer, religiöser und nationaler Herkunft gemeinsam erzogen werden konnten. Damit sollte jeder seiner Rolle als am Staatswesen tätig mitwirkender Bürger gerecht werden können.
“Kopf, Herz, Hand”
Den Schwerpunkt der Erziehung legte Pestalozzi auf die Ausbildung von sozialen Fähigkeiten. Recht von Unrecht unterscheiden zu können, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, dies waren und sind Hauptmerkmale der Pestalozzi-Pädagogik. Daneben wollte er seine Schüler in die Lage versetzen, ihr Leben zu meistern. Dazu dient ein ganzheitlicher Unterricht, der sowohl den Kopf (“das Geistige”), das Herz (“das Sittliche”) als auch die Hand (“das Werktätige”) anspricht. Herzensbildung war für den Schweizer eine der zentralen Voraussetzungen, das Miteinander in der Gesellschaft zu verbessern und humaner zu gestalten. Auch in der Gegenwart gewinnen diese so genannten sozialen Kompetenzen wieder verstärkt an Bedeutung. “Emotionale Intelligenz” etwa zählt heute zu den Schlüsselqualifikationen der Berufswelt des 21. Jahrhunderts.
Auffällig war Pestalozzis liebevolles sich Kümmern um jedes einzelne der Kinder. Ein Zeitgenosse und Landsmann, der Erzähler Jeremias Gotthelf sagte über Pestalozzi: “Die Liebe ist, was ihn so grosse macht, und nicht seine Methode [...] Erst wenn das arme Kind in der Wärme der Liebe aufgetaut ist, beginnen seine Kräfte sich zu regen, wird es lebendig in ihm; und dieses Entfalten des Lebens zu fördern und lenken, dass alle Tätigkeiten des Geistes angespannt und geschärft würden, das war der Sinn von Pestalozzis Methode, deren Eckstein aber die Liebe war [...].”
Gruppenarbeit und direkte Anschauung
Dass der zeitübliche Kathederunterricht nicht oder nur unzureichend zur Vermittlung von Lerninhalten taugt, war eine der grundlegenden Einsichten Pestalozzis. In seinen Instituten fand Erziehen und Lernen deshalb meist nicht als Frontalunterricht, sondern in Gruppenarbeit statt oder aber im eigenverantwortlichen Für-sich-Lernen. Auch machte sich Pestalozzi die Tatsache zunutze, dass Kinder von Ihresgleichen eher lernen als von Erwachsenen. Als Lernmodell setzte Pestalozzi auf die direkte Anschauung. Inspiriert von Ideen des französisch-schweizerischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau machte er Lerninhalte für die Kinder unmittelbar sichtbar und erfahrbar. Seine “experimentelle Schule”, die er 1799 erst in Burgdorf, dann in Münchenbuchsee und schließlich in Yverdon bis 1825 leitete, folgte diesem Prinzip. Sie könnte darüber hinaus als Vorläufer der heutigen integrierten Gesamtschule betrachtet werden: Schüler aller sozialen Schichten, zum Teil sehr lernbereit, zum Teil schwer erziehbar, wurden gemeinsam unterrichtet.
Praxisbezogene Lehrerausbildung
Yverdon erwarb sich einen Ruf, der weit über die Schweizer Grenzen hinausreichte. Aus allen europäischen Ländern kamen Pädagogen, um Pestalozzis Erziehungsmethoden zu studieren. Die Lehrerausbildung fand bei Pestalozzi möglichst praxisnah statt. Angehende Lehrer saßen wie die Schüler im Unterricht und beobachteten, wie der Lehrer agierte. Die pädagogischen Grundsätze Pestalozzis stießen in ganz Europa eine breite Bildungsdiskussion an. Die Forderung nach einer praxisbezogeneren Lehrerausbildung ist auch nach den für Deutschland desaströsen Ergebnissen der Pisa-Studie wieder en vogue.
Durchbruch mit Erziehungsroman
Die frühen Institute Pestalozzis, etwa die Armenanstalt Neuhof, scheiterten letztlich an Geldmangel. Erst der 1781 erschienene Roman “Lienhard und Gertrud”, dem er bis 1787 drei weitere Teile folgen ließ, brachte Pestalozzi fast über Nacht Berühmtheit ein. In diesen und zahlreichen weiteren Schriften legte er seine pädagogischen Grundsätze dar. So ließ er 1801 die Schrift “Wie Gertrud ihre Kinder erzieht” folgen. Der warme, herzliche “Volkston” seiner Werke machte ihre Beliebtheit in der Bevölkerung aus. 1798 wurde ihm die Leitung eines Waisenhauses in Stans angeboten wurde. Dies bestärkte ihn in dem Plan, Schulmeister zu werden und so gründete er seine experimentelle Schule 1799 zunächst in Burgdorf. Von Yverdon aus ging schließlich ab 1804 die Pestalozzi-Bewegung zur Erneuerung der Pädagogik aus, die europaweit wirkte.
Buch-Tipps
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Sigrid Tschöpe-Scheffler: Pestalozzi, Leben und Werk im Zeichen der Liebe
Max Liedtke: Johann Heinrich Pestalozzi
Gerhard Arnhardt, Gerd-Bodo Reinert & Peter Cornelius: Johann Heinrich Pestalozzi



