Mindestens vier Millionen Menschen leben in Deutschland mit der Diagnose Depression. Oft fängt die Erkrankung wie eine vermeintliche Lappalie an: Man fühlt sich müde, unkonzentriert und irgendwie schlecht drauf. So geht es doch jedem einmal, oder? Doch die Symptome halten an. Aus der trübseligen Stimmung wird ein Grundgefühl tiefer Herabgestimmtheit. Jeglicher Antrieb, aktiv zu werden oder nur zu reagieren, fehlt. Stattdessen machen sich Angst, Selbstzweifel und eine unerklärliche Leere breit.
Kein normales Stimmungstief
Eine solche Situation ist kein normales Stimmungstief mehr - sondern ein psychisches Leiden, aus dem sich die Betroffenen nicht mehr selbst befreien können. "Depressionen sind schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen", sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl. Die breite Öffentlichkeit hat das wohl spätestens seit dem Suizid des Fußballtorwarts Robert Enke erkannt.
Das traurige Schicksal des Sportlers ist leider kein Einzelfall: Neun von zehn Selbsttötungen geschehen in Deutschland vor dem Hintergrund einer psychiatrischen Erkrankung. In mehr als der Hälfte dieser Fälle handelt es sich um eine Depression. Das Tragische dabei: Die meisten depressionsbedingten Suizide hätten verhindert werden können - wenn die Erkrankung richtig behandelt worden wäre.
Pillen für die Psyche
Denn glücklicherweise kennt die Medizin inzwischen viele Möglichkeiten, depressiven Menschen den Weg zurück aus der Dunkelheit zu ebnen und ihnen neuen Lebensmut zu schenken. Die wichtigsten Grundpfeiler der Behandlung bilden dabei stets die Psychotherapie sowie die Behandlung mit Medikamenten. Während die psychotherapeutische Betreuung auf der Verhaltensebene ansetzt und unter anderem darauf abzielt, das Leben der Patienten aktiver zu gestalten und negative Denkmuster abzubauen, greift die Pharmakotherapie direkt in den Hirnstoffwechsel ein.
Die Antidepressiva sollen die Konzentration wichtiger Botenstoffe, die im Gehirn der Patienten häufig nicht mehr in den optimalen Mengen vorliegen, künstlich erhöhen. Sind Neurotransmitter wie Noradrenalin oder das Glückshormon Serotonin wieder in ausreichender Konzentration vorhanden, kehren sich die Gedanken und Gefühle der Betroffenen oftmals ins Positive.
Schlafentzug als Stimmungsaufheller
Auch Schlafentzug kann manchen Patienten das Lächeln zurückgeben - zumindest kurzfristig. Was drastisch klingt, hat sich unter dem Namen Wachtherapie unter Experten längst einen Namen gemacht. Die Forscher nehmen an, dass sich die Synapsen im Gehirn während einer Depression nicht mehr wie bei Gesunden vernetzen um neue Informationen zu verarbeiten. Erst der Schlafentzug versetzt das Gehirn der Theorie zufolge in einen Erregungszustand, in dem es seine Reaktionen hochfährt und sich die Nervenzellen angemessen neu vernetzen können.
Tatsächlich tritt bei rund 60 Prozent der des Schlafes beraubten Patienten eine schlagartige Besserung ein. "Sie hält allerdings nur bis zum nächsten Schlaf, meist bis zur folgenden Nacht, an", sagt Hegerl. "Dass die oft bereits seit Monaten bestehende Depression allein durch eine derartige Maßnahme durchbrochen werden kann, vermittelt jedoch oft Hoffnung." Außerdem können bestimmte Methoden, wie etwa das Verschieben von Schlafphasen oder gezielte Lichttherapie, den Rückfall hinauszögern oder gar verhindern.
Hoffnung Hirnstimulation
Die etablierten Therapiemaßnahmen bringen zwar bei den meisten, nicht aber bei allen Patienten den gewünschten Erfolg. Bei etwa zehn Prozent aller Betroffenen schlägt die standardmäßige Behandlung nicht an. Trotz eigentlich optimaler Therapie kommen diese Patienten über zwei Jahre lang nicht aus ihrer Depression heraus. Experten sprechen dann von einer therapieresistenten Depression. Doch auch für diese scheinbar hoffnungslosen Fälle entwickeln Wissenschaftler immer neue Behandlungsmethoden - mit vielversprechenden Erfolgen.
Eines von vielen Beispielen ist die sogenannte tiefe Hirnstimulation. Die Stimulation bestimmter Hirnregionen mit schwachen elektrischen Impulsen hat sich bereits bei Erkrankungen wie Parkinson bewährt und wird nun auch bei Depressionen getestet. Patienten werden dafür dünne Elektroden implantiert, über die ein Impulsgeber Signale an das Gehirn sendet. Das Prinzip ist ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher.
Erste klinische Studien zeigen unter anderem, dass die Stimulation eines Teils des Belohnungszentrums, dem Nucleus accumbens, die Symptome der Krankheit deutlich zu mildern vermag - und zwar dauerhaft. In diesem Bereich befinden sich unter anderem Rezeptoren für den Botenstoff Dopamin. Werden sie stimuliert, löst das die Erwartung eines Glücksgefühls aus. Noch befindet sich die Anwendung allerdings im experimentellen Stadium. Betroffene können daher in der Regel nur im Rahmen von Studien mit dem "Hirnschrittmacher" behandelt werden.
Unerkannt und unbehandelt
Trotz aller Fortschritte in Sachen Therapiemöglichkeiten bekommen viele Depressionspatienten nicht die Hilfe, die sie bräuchten. Wie kann das sein? Ein Problem ist, dass über die Hälfte aller Depressionen vom Hausarzt zunächst nicht als solche erkannt werden. Dass kann zum Beispiel passieren, wenn körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Schmerzen das Krankheitsbild dominieren - und die psychische Ursache dahinter verborgen bleibt.
Hinzu kommt: Einige Menschen haben offenbar Hemmungen, zu ihrem Leiden zu stehen und sich ärztliche Unterstützung zu suchen. Hier gilt es in Zukunft noch intensiver anzusetzen, betont Hegerl im Interview mit der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung, die den Weltgesundheitstag in Deutschland organisiert: "Wir müssen über Schulungen, Informationskampagnen und Entstigmatisierung dafür sorgen, dass die bestehenden guten Behandlungsmöglichkeiten von noch mehr Menschen konsequent genutzt werden."
Hilfe suchen
Professionelle Hilfe gibt es an vielen Stellen: Wer sich selbst verzweifelt fühlt, sollte versuchen, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Sowohl Allgemeinmediziner, Psychotherapeuten, als auch spezielle Kliniken können geeignete Anlaufstellen sein. Kostenfrei, anonym und rund um die Uhr hilft in scheinbar ausweglosen Lebenssituationen auch die Telefonseelsorge weiter. Sie ist für jeden unter den Telefonnummern 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar.




