"Auf Kosten unserer Seele"
wissen.de: Am 27. November 1961 hat die Firma Grünenthal das Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen. Zuvor hatten Tausende von Müttern in Deutschland schwer behinderte Kinder auf die Welt gebracht. Haben Sie Ihrer Mutter jemals einen Vorwurf gemacht, dass sie die Tabletten genommen hat?
Stefanie Ritzmann: Nein, nie. Sie konnte ja nicht wissen, was der Wirkstoff Thalidomid für Konsequenzen haben würde. Sie tat mir sogar irgendwie leid. Als damals vor 50 Jahren die contergangeschädigten Kinder auf die Welt kamen, gab es kaum Hilfen, kaum Unterstützung, wohin die Eltern sich hätten wenden können. Es gab ja noch gar keine Erfahrungswerte mit körperbehinderten Menschen in der Masse. Und so haben mich meine Eltern kurz nach der Geburt weggeben, obwohl ich ein Wunschkind war und sie sich sehr auf mich gefreut hatten.
wissen.de: Der Pharmakonzern Grünenthal hat die starke Körperbehinderung und gravierende organische Schäden bei Tausendenen von Menschen verursacht. Viele Babys sind gleich nach der Geburt gestorben, weil sie nicht lebensfähig waren. Einige erwachsene Contergangeschädigte haben Selbstmord begangen. Auch für Ihre starke körperliche Behinderung ist Grünenthal verantwortlich. Welche Haltung haben Sie gegenüber dem Konzern?
Ritzmann: Ich habe keine wirkliche Haltung dem Konzern gegenüber. Ich weiß, dass er der Erfinder von Contergan ist und dass wegen dieser Erfindung viele Menschen mit einer Körperbehinderung leben müssen. Aber vielleicht kann man die Frage aus Sicht einer Gläubigen - und ich habe einen starken christlichen Glauben - beantworten. Vielleicht sollten wir geboren werden, damit es nach uns geborene Behinderte leichter haben. Es wurde ja mit uns viel experimentiert, da wurden Prothesen probiert, auch unter Zwang und Schmerzen, und wieder weggeschmissen und wieder neue ausprobiert. Letztendlich wurden viele Erfahrungen gesammelt, wenn auch auf Kosten unserer Seele.




