30 Jahre Tschernobyl: Der größte Atomunfall der Geschichte
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30 Jahre Tschernobyl: Der größte Atomunfall der Geschichte

Bild: Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am 26. April 1986 ereignete sich der bisher größte Atomunfall der Geschichte: Im Atomkraftwerk von Tschernobyl explodiert ein ganzer Reaktorblock und schleudert Tonnen hochradioaktives Material in die Atmosphäre. Der radioaktive Fallout überzieht halb Europa. Noch heute, 30 Jahre nach dem GAU, geht von der Reaktorruine tödliche Strahlung aus.

Die Explosion

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl beruht auf einer Verkettung fataler Umstände – wie oft bei solchen Ereignissen. Schwachstellen im Reaktorkonzept, Sicherheitsverstöße der Bedienmannschaft und Fehleinschätzungen der Situation führen am 26. April 1986 dazu, dass ein Sicherheitstest am Reaktorblock 4 des Kraftwerks plötzlich außer Kontrolle gerät. Eigentlich wollen die Ingenieure nur testen, ob die Turbinen bei einem Stromausfall lange genug laufen, um die Kühlung so lange in Gang zu halten, bis die Diesel-Notstromgeneratoren starten.

Doch das Experiment geht fatal schief: Um 01:32 Uhr nachts ist der Reaktor so überhitzt, dass der Schichtleiter eine Notabschaltung veranlasst. Aber zu spät. Bevor die Steuerstäbe die Kettenreaktionen stoppen können, ereignen sich zwei schnell aufeinanderfolgende Explosionen aus. Ihre Wucht hebt die rund 3.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktors in die Höhe, zerstört das Dach des Gebäudes und schleudert mehrere Tonnen radioaktiven Kernbrennstoffs vermischt mit verseuchten Trümmern in die Umgebung.

Die Hitze entzündet nun das Graphit und der gesamte Reaktorblock beginnt zu brennen. Der uranhaltige Kernbrennstoff schmilzt und bildet eine glühende radioaktive Lava am Grund des Reaktors – die Kernschmelze ist eingetreten. Der Aufstrom heißer Luft aus dem Reaktor reißt radioaktive Partikel bis zu 2.000 Meter weit in die Höhe. Zehn Tage lang strömen dadurch Cäsium-137, Jod-31, Strontium-90 und 23 weitere Radionuklide nahezu ungehindert in die Atmosphäre.

Der Fallout

Trotz verzweifelter Versuche, die Brände und die Strahlung unter Kontrolle zu bekommen, dauert es zehn Tage, bis Kraftwerksarbeiter und Militär zumindest die weitere Freisetzung von radioaktivem Fallout halbwegs eindämmen können. Die Bilanz ist fatal: Insgesamt wird nach Schätzungen von Experten eine radioaktive Fracht von gut fünf Trillionen Becquerel freigesetzt. Allein vom radioaktiven Cäsium-137 und Iod-131 sind es die zehnfache Menge des Atomunfalls von Fukushima im März 2011.

Der vorherrschende Südostwind bläst den radioaktiven Fallout zunächst nach Nordwesten in Richtung Skandinavien, dann nach Mitteleuropa und auf den Balkan. Insgesamt werden 40 Prozent Europas allein durch Cäsium-137 mit mehr als 4.00 Becquerel pro Quadratmeter kontaminiert. In Süddeutschland erreichen die Werte stellenweise bis zu 75.000 Becquerel pro Quadratmeter. Die International Atomic Energy Agency (IAEA) stuft das Atomunglück von Tschernobyl als ersten Atomunfall überhaupt in die höchste Kategorie sieben ein - damit ist dieses Ereignis offiziell die größte Nuklearkatastrophe der Geschichte.

Die Atomruine

Heute ist der zerstörte Reaktorblock 4 von Tschernobyl von außen nicht mehr zu sehen: Innerhalb weniger Monate nach dem Atomunfall wurde die strahlende Ruine in einen wuchtigen Sarkophag aus Stahl und Beton eingeschlossen. 300.000 Arbeiter setzten sich bei diesen Arbeiten und beim Wegräumen kontaminierter Trümmer teilweise enormen Strahlendosen aus.

Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Denn es lagern mindestens 150 Tonnen des hochradioaktiven Kernbrennstoffs, verschmolzen mit Graphit und Beton, in der Ruine. 40 Prozent des Gebäudes sind so stark verstrahlt und von Trümmern verbaut, dass niemand weiß, wie es dort aussieht. Durch Lücken und Ritzen im Sarkophag gelangt zudem ständig radioaktiver Staub nach außen, umgekehrt dringt Regenwasser in die Ruine ein. Als Folge sammelt sich im Untergeschoss des Reaktors eine hochradioaktive Brühe an und droht, das Grundwasser zu kontaminieren.

Um diese Gefahr einzudämmen, ist man in Tschernobyl bereits dabei, eine neue Schutzhülle zu bauen. Eine 109 Meter hohe und 162 Meter lange Konstruktion aus Stahlträgern und speziellen Platten aus Verbundmaterial wird abseits des Reaktors gebaut und soll dann im November 2017 über den alten Sarkophag geschoben werden. Die insgesamt gut 35.000 Tonnen schwere Konstruktion wird dabei mit Hilfe hydraulischer Hebe- und Gleitsysteme in Bewegung gesetzt – sie ist damit das größte bewegliche Gebäude der Welt. Diese neue Schutzhülle soll die strahlende Ruine von Tschernobyl mindestens 100 Jahre dicht einschließen – und damit die Umwelt vor der noch immer im Inneren lauernden Gefahr schützen.

Die Folgen

Noch immer ist ein rund 2.200 Quadratkilometer großer Bereich rund um die Reaktorruine von Tschernobyl eine Sperrzone. Wegen der noch immer hohen Strahlenbelastung darf niemand in dieser Chernobyl Exclusion Zone wohnen. Die ehemals regen Orte Prypjat und Tschernobyl sind heute ausgestorben, halbverfallene Geisterstädte.

Die Bewohner dieses Gebiets bekamen schon wenige Jahre nach dem Atomunfall und ihrer Evakuierung die Folgen zu spüren: Schon in den ersten Jahren danach registrierten Ärzte einen starken Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen. Die Häufigkeit dieser normalerweise unter Kindern seltenen Krebsart schnellte plötzlich auf das bis zu Zehnfache an, rund 5.000 Fälle sind bisher bekannt. Der Grund: Viele von ihnen hatten in den Stunden und Tagen vor ihrer Evakuierung mit radioaktivem Iod verseuchte Milch getrunken.

In Bezug auf andere Krebsarten sind die Daten jedoch bisher weit weniger eindeutig. Auch zu den Gesundheitsfolgen für Teile Europas, die in den Tagen nach dem Atomunfall durch den radioaktiven Fallout kontaminiert wurden, gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse. Einer der Gründe: Viele Krebsarten manifestieren sich erst mit mehreren Jahrzehnten Verzögerung.

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