Indonesien kämpft 2026 mit den schwersten Waldbränden seit mehr als einem Jahrzehnt. Besonders betroffen ist die Insel Borneo, wo Torfmoore in West-, Zentral- und Südkalimantan unterirdisch schwelen und große Mengen Rauch freisetzen. Bereits rund 30 Prozent des Tuanan-Untersuchungsgebiets sind laut Schätzungen zerstört – doppelt so viel wie bei den verheerenden Bränden 2015. Doch die eigentliche Katastrophe beginnt erst, wenn die Flammen erloschen sind: Langzeitbeobachtungen an der Tuanan-Orang-Utan-Forschungsstation dokumentieren, dass die Folgen für die bedrohten Menschenaffen Jahre andauern können. Die Tiere leiden unter Atemwegsproblemen, verlieren Gewicht, müssen auf minderwertige Nahrung ausweichen – und die Fortpflanzung kommt komplett zum Erliegen.
Was passierte 2015 – und was zeigen die Langzeitdaten?
Maria van Noordwijk, Max-Planck-Forschungsstipendiatin und Mitaufbauerin der Tuanan-Forschungsstation, erlebte die Brände von 2015 vor Ort. Fast hundert Tage lang hielt sich der Rauch an der Station. Die Orang-Utans zeigten unmittelbare Symptome: „Man hörte sie husten", berichtet van Noordwijk. Doch die akuten Atemwegsprobleme waren nur der Anfang. In den folgenden Jahren dokumentierten die Forschenden, wie sich die Tiere an ihren veränderten Lebensraum anpassen mussten – und welchen Preis sie dafür zahlten.
Die Pflanzen des Regenwaldes bildeten noch zweieinhalb Jahre nach den Bränden deutlich weniger Früchte. Die Forschenden vermuten, dass der Smog die Fotosynthese einschränkte und Bestäubern wie Vögeln und Insekten schadete. Da ihre Hauptnahrung – energiereiche Früchte – knapp war, schalteten die Orang-Utan-Weibchen in einen Energiesparmodus: Sie zogen weniger umher, ruhten sich häufiger aus und griffen auf minderwertigere Ersatznahrung zurück. Untersuchungen zeigten zudem Gewichtsverlust bei den Tieren, ein Hinweis darauf, dass sie ihre körpereigenen Reserven anzapfen mussten.
Wenn das Zuhause abbrennt: Soziale Strukturen unter Druck
Rund 15 Prozent des Waldes von Tuanan wurden durch die Brände von 2015 zerstört. Dieser Verlust hatte weitreichende soziale Konsequenzen für die Orang-Utans. Einige Tiere verloren ihre angestammten Reviere und mussten in bereits besetzte Gebiete vordringen. Der Wettbewerb um die ohnehin knappen Ressourcen verschärfte sich dramatisch. „Tiere, die ihre Heimat verloren hatten, mussten umziehen. Alle anderen mussten ihre Reviere mit den Flüchtlingen teilen. Letztlich waren also alle von den Bränden betroffen", erklärt van Noordwijk.
Die sozialen Beziehungen begannen zu bröckeln. Erwachsene Weibchen – die bei Orang-Utans normalerweise in lockeren Netzwerken mit Verwandten nach Nahrung suchen – verbrachten weniger Zeit mit weiblichen Verwandten und sogar mit ihren eigenen, bereits selbstständigen Jungtieren. Unter nicht verwandten Weibchen stieg die Aggression. Der Kampf ums Überleben ließ keinen Raum mehr für Toleranz.
Keine Geburten, drei verschwundene Weibchen
Die gravierendsten Folgen zeigten sich bei der Fortpflanzung. In den zweieinhalb Jahren nach den Bränden wurden bei den Weibchen keine Schwangerschaften verzeichnet – ein vollständiger Ausfall der Reproduktion. Zudem verschwanden bis Ende 2017 drei der ältesten Weibchen der Studie. Ob die Brände direkt für ihr Verschwinden verantwortlich waren, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch der zeitliche Zusammenhang ist auffällig. „Nach den Bränden haben wir drei ältere Weibchen verloren – weit mehr als aufgrund der extrem hohen Überlebensraten erwachsener Orang-Utan-Weibchen, die im Rahmen der Langzeitstudie festgestellt wurden, zu erwarten war", sagt van Noordwijk.
Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass die Kombination aus Nahrungsmangel, erhöhtem Stress und sozialen Spannungen besonders ältere, möglicherweise bereits geschwächte Tiere an ihre Grenzen brachte.
2026: Doppelt so viel Wald zerstört – schlimmere Folgen zu erwarten?
Die Brände von 2026 haben bislang schätzungsweise 30 Prozent des Untersuchungsgebiets zerstört. Die unmittelbaren Gefahren durch Flammen und Rauch sind nur ein Teil der Geschichte: Der Waldverlust kann die Nahrungsverfügbarkeit verringern, soziale Beziehungen stören und Orang-Utans dazu zwingen, Energie für die Anpassung an eine veränderte Umwelt aufzuwenden. „Brände wirken sich also noch Monate oder sogar Jahre nach dem Erlöschen der Flammen auf die Tiere aus", betont van Noordwijk.
Aufgrund des deutlich größeren Waldverlusts im Vergleich zu 2015 rechnet die Forscherin mit noch gravierenderen Konsequenzen. „Dieser Verlust wird zu vielen der gleichen Belastungen führen, die nach den Bränden von 2015 dokumentiert wurden", sagt van Noordwijk. „Gleichzeitig befürchte ich, dass die Folgen schlimmer sein werden als beim letzten Mal."
Warum Langzeitforschung so wertvoll ist
Im Oktober erreichte die Bedrohung durch die diesjährigen Brände ihren Höhepunkt. Einsatzkräfte in Tuanan waren Tag und Nacht damit beschäftigt, Brandschneisen anzulegen und Wasser auf die aktiven Brände zu pumpen. In dieser kritischen Phase konnten keine Orang-Utans beobachtet werden – zu gefährlich war die Situation.
Doch genau hier zeigt sich der Wert von Langzeitbeobachtungsstandorten wie Tuanan. Die Station liefert Aufzeichnungen darüber, wie der Wald und seine Orang-Utans vor Ausbruch der Brände aussahen. Durch die fortgesetzte Beobachtung des Bestands können Wissenschaftler die Folgen der aktuellen Brände mit ihren Beobachtungen von vor einem Jahrzehnt vergleichen. „Nur dank Forschungsstationen wie Tuanan können wir herausfinden, welche Auswirkungen Brände haben und wie lange die Orang-Utans brauchen werden, um sich zu erholen", sagt Meg Crofoot, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Tierverhalten.
Was die Brände über den Zustand des Regenwalds aussagen
Die Waldbrände auf Borneo werden durch El Niño angefacht – ein natürliches Klimaphänomen, das zu Trockenperioden in der Region führt. Doch die Intensität und das Ausmaß der Brände sind keine reine Naturkatastrophe mehr. Torfmoore, die unterirdisch schwelen, setzen nicht nur große Mengen Rauch frei, sondern auch erhebliche Mengen an Treibhausgasen. Die Zerstörung dieser Wälder hat damit Auswirkungen weit über Borneo hinaus.
Für die Orang-Utans, die bereits durch Lebensraumverlust und Wilderei bedroht sind, könnten wiederholte, immer schwerere Brände den Unterschied zwischen Überleben und Aussterben bedeuten. Die Erkenntnisse aus Tuanan zeigen: Es geht nicht nur um die unmittelbare Gefahr durch Flammen. Es geht um ein komplexes Zusammenspiel aus Nahrungsverfügbarkeit, sozialen Strukturen und physiologischer Belastbarkeit – und um die Frage, wie oft und wie schnell sich eine Population von solchen Schocks erholen kann.
Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob die Orang-Utans von Tuanan die Brände von 2026 überstehen – und zu welchem Preis.

