Männer sehen blauer
Im Gegensatz zu manchen Tieren, die die Welt nur schwarzweiß sehen, nehmen wir unser Umwelt in tausenden von feinsten Farbabstufungen wahr. Je nachdem, wo wir leben und welcher Kultur angehören, fassen wir die Farbtöne dabei zu verschiedenen Hauptfarben zusammen. So gehört violett bei manchen zu Blau, bei anderen zu Rot, wieder andere sehen es als komplett eigene Farbe.
Aber nicht nur das: Es gibt auch klare Unterschiede in der Farbwahrnehmung – sogar zwischen den Geschlechtern. So sehen Männer ihre Umwelt in leicht bläulicherem Licht als Frauen. Und auch unsere Stimmung spielt eine Rolle: Wer traurig ist, nimmt Blau- und Gelbtöne anders wahr als ein fröhlicher Menschen, wie Forscher erst kürzlich in einem Experiment herausfanden. Menschen mit Depression können dagegen Kontraste weniger gut sehen. Deshalb erscheint ihnen die Welt eher Grau in Grau.
Überraschung beim reinen Gelb
Jetzt zeigt sich, dass auch die Jahreszeiten unsere Sicht der Welt beeinflussen. Und dieser Effekt betrifft ausgerechnet eine Farbe, die man bisher für die stabilste von allen hielt: das sogenannte einzigartige Gelb. Diese reine Primärfarbe galt bisher als diejenige, deren Wahrnehmung weder von Geschlecht, noch kulturellen oder emotionalen Aspekten beeinflusst wird.
Doch das stimmt nicht, wie die Psychologin Lauren Welbourne von der Universität York in England herausfand. In ihrem Experiment hatte sie 67 Frauen und Männer einmal im Januar und einmal im Juni zu einem Test in ihr Labor gebeten. Die Probanden saßen in einem dunklen Raum und durften solange an einer Art Farborgel herumspielen, bis sie ein ihrer Ansicht nach absolut reines Gelb ohne Grün- oder Rotstich eingestellt hatten.
Im Sommer ist unser Gelb grünlicher
Das Überraschende: Die Einstellung an der Farborgel veränderte sich zwischen Winter und Sommer deutlich – und das bei den gleichen Probanden. Offensichtlich sah das reine Gelb für sie je nach Jahreszeit etwas unterschiedlich aus – im Winter war es etwas rötlicher als im Sommer. "Das ist als wenn wir die Farbbalance in unserem Fernseher verstellen", erklärt Welbourne.
Woran aber liegt das? Und welchen Nutzen hat das? Die Psychologin sieht in dieser saisonalen Neukalibrierung unseres Farbsinns eine Anpassung an die sich verändernde Umwelt: Im Frühjahr und Sommer wimmelt es um uns herum nur so vor sprießenden Pflanzen. "Unser Sehsystem muss sich in dieser Zeit daran anpassen, dass wir viel mehr Grün um uns herum haben", so Welbourne. Als Folge verschiebt sich auch unserer interner Regler für das reine Gelb im Sommer ein wenig mehr in Richtung Grün.
Nützliche Manipulation
Jetzt, im Herbst mit seinen vorwiegend gelben, roten und braunen Farben, dominieren warme Farbtöne, grün ist eher Mangelware. Deshalb kalibriert unser Gehirn die Farbwahrnehmung um und gaukelt uns für das reine Gelb einen etwas wärmeren, rötlicheren Farbton vor. Wir sehen die Welt daher jetzt ein wenig wärmer als noch vor ein paar Monaten. Dies zeigt, wie subtil unser Gehirn unser Bild der Welt beeinflusst.
Nützlich könnte diese Kalibrierung unseres Farbensehens schon für unsere Vorfahren gewesen sein: Denn je nachdem, in welchem Lebensraum und Klima sie lebten, half ihnen das vielleicht dabei, subtile Farbtöne auch dann noch gut zu unterscheiden, wenn es davon unglaublich viele gab – wie bei uns das Grün im Sommer. Und auch heute noch kann das hilfreich sein: "Viele Orte auf der Welt verändern sich im Laufe eines Jahres", erklärt Welbourne. "Denken Sie beispielsweise an die Regenzeit beim Monsun in Indien oder an Winter und Sommer in der Arktis."

