Der Ozean kommt außer Atem: Warum unser größter Klimapuffer schwächelt
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Der Ozean kommt außer Atem: Warum unser größter Klimapuffer schwächelt

Foto: Kranich17 / Pixabay

Stellen Sie sich vor, ein unsichtbarer Verbündeter hätte die letzten Jahrzehnte im Stillen dafür gesorgt, dass die Klimakrise nicht noch dramatischer ausfällt. Dieser Verbündete ist der Ozean – und er zeigt erste Ermüdungserscheinungen. Fast 30 Prozent des Kohlendioxids, das die Menschheit bisher in die Atmosphäre…

Stellen Sie sich vor, ein unsichtbarer Verbündeter hätte die letzten Jahrzehnte im Stillen dafür gesorgt, dass die Klimakrise nicht noch dramatischer ausfällt. Dieser Verbündete ist der Ozean – und er zeigt erste Ermüdungserscheinungen. Fast 30 Prozent des Kohlendioxids, das die Menschheit bisher in die Atmosphäre geblasen hat, verschwand im Meer. Dazu nahm es rund 90 Prozent der zusätzlichen Wärme auf, die durch den Treibhauseffekt entsteht. Ohne diese gewaltige Pufferwirkung wäre die Erderwärmung heute deutlich weiter fortgeschritten. Doch nun zeigt ein neuer Bericht der Vereinten Nationen: Der Ozean nimmt wegen des Klimawandels bereits rund sechs Prozent weniger Kohlenstoff auf, als er es ohne die Erwärmung könnte.

Der Climate Technology Progress Report 2026 des Copenhagen Climate Centre, der im Vorfeld der Weltklimakonferenz COP31 in Antalya erschienen ist, zeichnet ein alarmierendes Bild. Die Prozesse, die dem Ozean seine Klimafunktion verleihen, werden durch die Erderwärmung selbst beeinträchtigt – eine paradoxe Rückkopplung, die bisher kaum im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. „Ohne den Ozean wäre die Erderwärmung heute deutlich weiter fortgeschritten", sagt Judith Ziegler vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, eine der Leitautorinnen des Berichts. „Doch schon jetzt nimmt der Ozean wegen des Klimawandels rund sechs Prozent weniger Kohlenstoff auf, als er es sonst könnte."

Wie der Ozean CO2 verschluckt – und warum das schwieriger wird

Die Aufnahme von Kohlendioxid durch den Ozean funktioniert über mehrere Mechanismen. An der Meeresoberfläche löst sich CO2 aus der Atmosphäre im Wasser – ein rein chemischer Vorgang, ähnlich wie Kohlensäure in einer Sprudelflasche entsteht. Je kälter das Wasser, desto mehr Gas kann es aufnehmen. Gleichzeitig pumpen winzige Algen, das Phytoplankton, durch Photosynthese Kohlenstoff in die Tiefe: Sie binden CO2, sterben ab und sinken als organische Partikel in die Tiefsee, wo der Kohlenstoff für Jahrhunderte oder Jahrtausende gespeichert bleibt. Auch große Meeresströmungen spielen eine Rolle, indem sie kohlenstoffreiches Oberflächenwasser in die Tiefe transportieren.

Doch all diese Prozesse geraten unter Druck. Wärmeres Wasser löst weniger CO2. Die Ozeanzirkulation verändert sich, weil Schmelzwasser die Dichte des Meerwassers beeinflusst. Gleichzeitig versauert der Ozean durch die bereits aufgenommenen Mengen an Kohlendioxid – die chemische Pufferkapazität sinkt. „Wie viel CO2 der Ozean aufnimmt, hängt von komplexen physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen ab – und diese unterscheiden sich stark je nach Region und Zeitpunkt", erklärt Nadine Mengis, ebenfalls Leitautorin am GEOMAR.

Was der Bericht für Klimaziele und Kosten bedeutet

Die Schwächung der ozeanischen Kohlenstoffsenke hat weitreichende Konsequenzen. Wenn der Ozean weniger CO2 aufnimmt, verbleibt mehr davon in der Atmosphäre – und die Klimaziele werden schwerer und kostspieliger zu erreichen. Martin Krause, Leiter der Abteilung Klimawandel beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), formuliert es drastisch: „Der Ozean hat der Menschheit im Kampf gegen den Klimawandel Zeit verschafft. Wir können es uns nicht leisten, diese Rolle als selbstverständlich anzusehen."

Der Bericht, der sich an Regierungen, Planer und Entwicklungsorganisationen richtet, fordert deshalb verstärkte Investitionen in das, was die Autoren „Ocean Carbon Intelligence" nennen: ein systematisches Zusammenspiel von Ozeanbeobachtung, Datenauswertung, Modellierung und internationaler Zusammenarbeit. Bisher verhindern erhebliche Lücken bei Messnetzen, Datensystemen und dem wissenschaftlichen Verständnis, dass Regierungen und Investoren Klimarisiken realistisch einschätzen und fundierte Entscheidungen treffen können.

„Zusätzliche Beobachtungen entlang des gesamten Kohlenstoffkreislaufs würden helfen, die Kohlenstoffsenke des Ozeans besser zu verstehen und regionale und globale Modelle verbessern", sagt Nadine Mengis. „Dafür braucht es langfristige internationale Zusammenarbeit und verlässliche Ressourcen für Beobachtungsnetzwerke im Ozean." Derzeit basiert die jährliche Abschätzung der CO2-Aufnahme des Ozeans auf dem Global Carbon Budget, koordiniert unter anderem von Judith Hauck vom Alfred-Wegener-Institut. Doch die regionalen Unterschiede sind enorm – und noch längst nicht überall verstanden.

Technologien als Ergänzung, nicht als Ersatz

Der Bericht widmet sich auch sogenannten ozeanbasierten Klimaschutzansätzen. Das Interesse an solchen Technologien wächst: Wiederherstellung von Blue-Carbon-Ökosystemen wie Seegraswiesen und Mangrovenwäldern, die Kohlenstoff speichern, oder marine Ansätze zur gezielten Kohlendioxidentnahme. Bryce van Dam vom Helmholtz-Zentrum Hereon und Christopher Pearce vom britischen National Oceanography Centre verantworteten das entsprechende Kapitel.

Doch die Botschaft ist klar: Solche Technologien können nur ergänzend wirken und stellen keinen Ersatz für schnelle und anhaltende Emissionsminderungen dar. Voraussetzung seien eine starke wissenschaftliche Grundlage, Transparenz, Umweltstandards und wirksame Governance. Die Autoren warnen vor der Versuchung, technische Lösungen als Ausweg aus der Pflicht zu drastischen Emissionskürzungen zu betrachten.

Gerechtigkeit und Zugang

Ein zentrales Anliegen des Berichts ist Gerechtigkeit. Gerechter Zugang zu Finanzierung, Technologie, Daten und Kapazitätsaufbau – insbesondere für Küstenstaaten und kleine Inselstaaten – sei entscheidend, damit ozeanbasierte Klimamaßnahmen wirksam und fair umgesetzt werden können. Gerade jene Länder, die am stärksten vom steigenden Meeresspiegel und veränderten Meeresströmungen betroffen sind, verfügen oft nicht über die Mittel, um die Veränderungen vor ihrer Küste zu beobachten und zu verstehen.

Auf der Weltklimakonferenz COP31 in Antalya wird Judith Ziegler den Bericht im Rahmen einer UNEP-Veranstaltung vorstellen. Der Climate Technology Progress Report erscheint seit Jahren traditionell im Vorfeld der Weltklimakonferenz und setzt jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt. Die Ausgabe 2026 widmet sich erstmals umfassend der Rolle des Ozeans im Erdklima und den Veränderungen durch den Klimawandel. Erstellt wird der Bericht vom Copenhagen Climate Centre des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in Zusammenarbeit mit dem Climate Technology Centre and Network und dem Technology Executive Committee des Klimarahmens der Vereinten Nationen, unterstützt vom dänischen Außenministerium.

Ein stiller Kipppunkt

Was den Befund so brisant macht: Der Ozean gibt keine unmittelbar sichtbaren Warnsignale. Während schmelzende Gletscher oder Waldbrände in den Schlagzeilen landen, vollzieht sich die Schwächung der ozeanischen Kohlenstoffsenke unsichtbar. Doch die Konsequenz ist konkret: Jedes Prozent weniger Aufnahmekapazität bedeutet mehr CO2 in der Luft, höhere Temperaturen, teurere Klimaschutzmaßnahmen.

„Wenn wir diese wichtige Klimaleistung erhalten wollen, ist es entscheidend, die Emissionen schnell und deutlich zu senken", sagt Judith Ziegler. Der Ozean hat uns Zeit gekauft – doch diese Zeit läuft ab. Die Frage ist, ob wir sie genutzt haben.

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