Ohrsteine melden Lage ans Gehirn
Haben Sie schon mal einen zweibeinigen Tisch gesehen? Natürlich nicht – der wäre auch unpraktisch, weil er umfallen würde. Möbel brauchen mindestens drei Stützen, sonst sind sie nicht standfest. Menschen jedoch können auf zwei Beinen stehen. Denn sie besitzen – wie fast alle Lebewesen auf diesem Planeten – ein Gleichgewichtsorgan, das sie in der gewünschten Position hält.
Der Gleichgewichtsapparat ist eine ganz alte Erfindung der Natur: Nicht nur Quallen, Fische und Lurche wissen, wo oben und wo unten ist. Sogar Pflanzen haben einen Sinn für den richtigen Stand: Knickt ein Halm um, merkt er das. Denn er besitzt kleine Klumpen in seinen Zellen, die immer nach unten sinken – wie Zucker im Tee, der sich gerne am Boden absetzt, so gehorchen auch sie der Schwerkraft. Wird der Pflanzenstängel platt auf den Boden gedrückt, verrutschen die Zellpartikel innerhalb von wenigen Sekunden in eine neue Lage und signalisieren so der Pflanze, dass etwas nicht stimmt.
Die Idee mit den herumrutschenden Klumpen hat die Natur auch beim Menschen beibehalten: Wir haben kleine Steinchen im Ohr, die bei Bewegungen hin- und her wackeln. Die Ohrsteine (“Oto-Lithen”) bestehen aus Kalziumcarbonat-Kristallen und lagern im Innenohr. Dort, ziemlich weit im Schädelinnern, sitzt ein Gebilde aus drei Bogengängen und zwei Säcken. Die Schlaufen-ähnlichen Bogen und die Säcke bilden das Gleichgewichtsorgan, den so genannten Vestibularapparat.
Die Ohrsteine liegen in den zwei Säcken (“Utriculus” und “Sacculus”). Dort rieseln sie aber nicht hin und her wie bei den Pflanzen, sondern pappen in einer Gallert-Masse fest. In dieses Gel ragen kleine Haarzellen hinein.
Wenn wir uns abends ins Bett legen, rauscht unser Kopf in etwa drei Sekunden auf's Kopfkissen. Die Ohrsteinchen fallen natürlich mit. Allerdings verhalten sich die Kristalle etwas träge, weil sie schwer sind – immerhin dreimal schwerer als Wasser: Deshalb bummeln sie der Kopfbewegung ein wenig hinterher und zerren so an der Gallertmasse, in der sie kleben. Dadurch verzieht sich die zähe Masse und verbiegt die darin sitzenden feinen Haarzellen. Diese Zellen leiten dann – entsprechend der Stärke der Krümmung – einen elektrischen Impuls über den Gleichgewichtsnerv ins Gehirn: Uns wird bewusst, dass sich unsere Lage geändert hat.
Wenn wir still liegen bleiben, merken wir nichts mehr. Denn dann ruhen die Otolithen wieder bequem und unbewegt in ihrem Gelkissen: Dadurch wird kein Impuls ausgelöst. Erst bei der nächsten Bewegung kommen auch wieder die Steinchen ins Rutschen.
In den Bogengängen gluckert eine Flüssigkeit, die Endolymphe. Auch sie ist träge wie die Ohrsteinchen: Drehen wir unseren Kopf, so braucht sie wenige Tausendstel Sekunden, um dem Kopfschlackern hinterher zu eilen. In diesem Zeitraum der Verzögerung schwappt das Ohrwasser nach hinten in eine der unteren Ausstülpungen der Bogengänge (“Ampulla”). In dieser Verdickung sitzt die so genannte Cupula wie eine bewegliche Zunge in einem Schlauch. Weil die Endolymphe nach hinten drückt, wird die Zunge aus ihrer aufrechten Lage in eine Schieflage gezwungen.
Auch die Cupula besteht aus einer Gallertschicht, in der feine Haarzellen sitzen. Bei einer Schieflage verbiegen sich diese Zellen: Ein elektrischer Impuls wird ausgelöst und über verschiedene Zwischenstationen ans Großhirn weitergeleitet. Uns wird in diesem Moment bewusst, dass wir uns gedreht haben. Wie bei den Ohrsteinchen meldet uns der Drehsinn aus den Bogengängen nur dann etwas, wenn sich unsere Lage verändert hat, nicht aber, wenn wir unbewegt stehen, sitzen oder liegen.
Täuschung der Sinne beim Reisen
Es gibt allerdings Momente, in denen unser Gleichgewichtssinn durchdreht: Auf Schiffen oder in Flugzeugen zum Beispiel. Dort wird uns schnell schwindelig und damit schlecht. Der Grund liegt in unserem Gehirn, das verzweifelt versucht, die Lage zu verstehen. Denn der Vestibular-Apparat ist über bestimmte Nerven-Bahnen mit anderen Sinnen verknüpft: mit den Augen sowie mit dem Tast- und Fühl-Sinn. Normalerweise stimmen die Meldungen aller drei Sinne überein. Wenn der visuelle Sinn und die Körper-Sinne aber etwas anderes wahrnehmen als unser Gleichgewichtssinn, dann gerät das Hirn in die Zwickmühle.
Im Flugzeug sagen uns die Augen und der Tastsinn, dass wir uns nicht bewegen. Schliesslich sitzen wir ruhig im Sessel und schauen in eine Zeitung oder auf den Nachbarn vor uns. Doch ein Flugzeug fliegt nicht immer konstant: Es gibt Luftlöcher, Schwankungen und Neigungen. Die bekommt der Vestibularapparat sehr wohl mit. Nun hat das Hirn ein Problem: Zwei Sinne signalisieren Ruhe, einer aber Bewegung. Und es schlussfolgert fälschlicherweise, dass wir unter Schwindel leiden.
Ähnlich verhält es sich bei einer Bootsfahrt. Auch hier werden die Ohrsteinchen und die Endolymphe durch die Roll- und Schwankbewegungen des Schiffes ganz schön auf Trab gehalten. Unsere Augen sehen aber ein konstantes Bild: Das Meer, den Stewart, das Deck. Die Signale passen nicht zusammen, uns wird schwindelig und wir müssen zur Tüte greifen.
Anders herum verhält es sich in einem stehenden Zug. Wir sitzen am Fenster und schauen hinaus. Da fährt plötzlich der Zug am Nebengleis ab: Fenster und Menschen gleiten an unseren Augen vorbei. Unser Gehirn schlussfolgert: Aha - wir fahren. Aber unser Vestibular-Apparat signalisiert weiterhin Ruhe. Uns wird ein wenig komisch. Erst wenn der Zug neben uns verschwunden ist, merken wir wieder, dass wir immer noch im Bahnhof warten. Das komische Gefühl in der Magengegend verschwindet prompt.
Auch Betrunkene haben ein Problem mit dem Gleichgewichtsinn. Der typische, schwankende Alkoholgang entsteht durch die gestörte Bewegungskoordination, weil das Kleinhirn, das solche komplexen Abläufe steuert, durch das Bier oder den Wein benebelt ist. Zudem beeinträchtigen die vielen Getränke auch die korrekte Raumwahrnehmung durch den Sehsinn.
Besonders schlimm wirkt ein Saufgelage aber auf die Bogengänge. Denn der Alkohol verteilt sich nicht gleichmäßig im Vestibularapparat, sondern zieht nach zwei bis drei Stunden bevorzugt in die Cupula. Weil der Alkohol leichter ist als die Endolymph-Flüssigkeit, schwimmt die Cupula dort wie ein wackelnder Korken hin und her. Deshalb meldet sie ständig irgendwelche Drehbewegungen, die gar nicht stattgefunden haben. Dies tut die Cupula sogar dann, wenn wir betrunken im Bett liegen: Vor unseren Augen scheint sich die Decke zu drehen und uns wird schwindelig.
Schwindel-Gefühle können aber auch aus anderen Gründen entstehen. Zum Beispiel, wenn der Vestibular-Apparat defekt ist wie beim Morbus Menière, wenn es Probleme mit der Halswirbelsäule gibt oder wenn der Kreislauf nicht stabil ist. Dies alles können Neurologen, HNO-Ärzte, Orthopäden oder Herzspezialisten diagnostizieren. Das Schwindelgefühl selbst, das unser Gehirn erzeugt, kann ein Arzt jedoch nicht feststellen – wenn wir krank feiern wollen, können wir damit schwindeln, ohne dass uns gleich schlecht wird.
Annette Bolz
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