Die Verteilung der radioaktiven Strahlung nach dem Super-Gau
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Die Verteilung der radioaktiven Strahlung nach dem Super-Gau

Bild: Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Fallout nach Tschernobyl hat in den einzelnen Ländern zu einer sehr unterschiedlichen Strahlenbelastung geführt, insgesamt wurde eine Fläche von 200.000 Quadratkilometern verseucht. Starker Regen sorgte in Deutschland dafür, dass sich die Radionuklide besonders über dem Süden Deutschlands auswuschen. Mit Auswirkungen bis heute.

Wolken mit radioaktiver Strahlung

In den ersten zehn Tagen nach der Explosion in Tschernobyl fand die größte Freisetzung radioaktiver Stoffe statt. Außer den Edelgasen Xenon und Krypton, die völlig entwichen, gelangten die Radionuklide Jod, Cäsium und Tellur sowie die sog. schwerflüchtigen Nuklide Barium, Strontium, Plutonium usw. in die Luft. Aufgrund des im Reaktor herrschenden Graphitbrandes sowie der Nachwärme entstand ein Auftrieb, der die radioaktiven Stoffe bis zu 1700 m emporsteigen ließ. Sie wurden dort von der Höhenströmung erfasst und verteilten sich zunächst über weite Teile Europas und schließlich über die gesamte nördliche Halbkugel.

Die am 26. April freigesetzte radioaktive Strahlung gelangte wegen nordwestlicher Winde vorwiegend in den skandinavischen Raum. Die Emissionen vom Vormittag des 27. April zogen über Polen in Richtung Ostsee und wurden aufgrund eines Zwischenhochs in südwestliche Richtung umgelenkt: Nach Osteuropa, Süddeutschland, Italien und das damalige Jugoslawien. Zwischen dem 28. April und dem Mittag des 29. April wanderte die vom Reaktor abgegebene Radioaktivität in Richtung der Ukraine und in weiter östlich gelegene Gebiete der damaligen UdSSR. Eine vierte radioaktive Wolke bewegte sich vom Mittag des 29. April bis zum Abend des folgenden Tages in Richtung Westeuropa und zog über den Balkan und Norditalien hinweg.

Ab dem 1. Mai erfolgte die Ausbreitung zunehmend in südliche Richtungen wie dem Balkan und Vorderasien. Die ersten Meldungen über eine radioaktive Wolke stammten aus Finnland: Am Abend des 27. April wurden im Ort Kajaami erhöhte radioaktive Strahlung (zwischen 17 und 100 Mikroröntgen pro Stunde) gemessen. Die Radioaktivität lag bis zu zweieinhalbmal höher als üblich. Als am 28. April im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark, 100 km nördlich von Stockholm, gegen 11 Uhr extrem hohe Radioaktivitätswerte gemessen wurden, räumten die rund 800 Beschäftigten zunächst die Anlage, weil vermutet wurde, dass sich dort ein Störfall ereignet habe. Die Wissenschaftler des schwedischen Strahlenschutzinstituts analysierten die Nuklidzusammensetzung der Luft: Das ermittelte Verhältnis der Isotope Cäsium 134 (Halbwertzeit zwei Jahre) zu Cäsium 137 (Halbwertzeit 30 Jahre) deute darauf hin, dass es sich nicht um einen Kernwaffentest handeln könne. Am selben Abend wurde in Moskau der Unfall bestätigt.

Je nach regionalen Regenfällen wurde der Boden in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark verstrahlt. 70 Prozent der radioaktiv belasteten Gebiete durch flüchtige Nukliden und Brennstoffpartikel liegen in Russland, der Ukraine und Weißrussland. Mehr als die Hälfte der Gesamtmenge der flüchtigen Bestandteile und heißen Partikel wurde außerhalb dieser Länder abgelagert.

Radioaktive Strahlung in Deutschland

Schwere Gewitterregen in Bayern und Teilen Österreichs am Nachmittag des 30. April wuschen einen Großteil der radioaktiven Partikel aus der Luft aus. Die Radioaktivität in München erreichte einen Wert von 150 Becquerel, was dem 15-fachen des Normalwerts entspricht. In den folgenden Tagen erhöhte sich die radioaktive Strahlung in der ganzen Bundesrepublik. Die Belastung in Regensburg war z.B. am 6. Mai 39-mal höher als normal. Noch heute sind in den südlichen Regionen Deutschlands Pilze, Wildtiere und Waldbeeren kontaminiert.

Am 2. Mai warnte die Bundesregierung erstmals vor dem Genuss von Frischmilch und Blattgemüse, später auch anderen Gemüsearten, und riet, frisches Obst und Gemüse gründlich zu waschen. Am 3. Mai wurde für Produkte aus frischer Milch ein Verkaufsverbot erlassen, sofern sie den Grenzwert von 500 Becquerel je Liter überschritten, für Blattgemüse wurde der Grenzwert auf 250 Becquerel je Kilogramm festgelegt. Die Bauern wurden veranlasst, ihre Kühe nicht mehr auf die Weide zu lassen. Am 21. Mai beschloss das Bundeskabinett eine finanzielle Soforthilfe in Höhe von 200 Mio. DM für Landwirte, die sich an die Empfehlungen gehalten und dadurch finanzielle Nachteile erlitten hatten. Für frische Nahrungsmittel aus dem Ostblock galt ab 1./2. Mai ein Importstopp. Von der Einnahme von Jodtabletten wurde – ebenso wie in der Schweiz – ausdrücklich abgeraten. In einzelnen Bundesländern wurden teilweise strengere Grenzwerte angelegt und weitere Vorsorgemaßnahmen getroffen, z.B. die Schließung von Spielplätzen und die Empfehlung, die Kinder nicht mehr bei Regen ins Freie zu lassen. Dies galt auch für Österreich und die Schweiz, während in Frankreich – das nicht von der radioaktiven Wolke betroffen war – sowie in Irland, Norwegen, Luxemburg und Spanien Maßnahmen ausblieben.

Besondere Befürchtungen galten hinsichtlich der Aufnahme von Radioaktivität bei Kindern und Schwangeren. Besonders bedrohlich war eine Anreicherung von Strontium 90 – das allerdings nur in sehr geringen Mengen nachgewiesen wurde – in den Knochen, weil der Körper Strontium (das eine physikalische Halbwertzeit von 28 Jahren aufweist) mit Kalzium verwechselt. Und Kinder einen hohen Kalziumbedarf haben.

In der deutschen Öffentlichkeit wurde monatelang über das Ausmaß der Katastrophe diskutiert. Ein Großteil der Bevölkerung forderte den Ausstieg aus der Atomenergie. Wie auch nach den jüngsten Ereignissen in Fukushima, wurden die Kernkraftwerke der Bundesrepublik Deutschland einer Sicherheitsprüfung unterzogen.

In der damaligen DDR wurde das wahre Ausmaß von Tschernobyl heruntergespielt, dennoch formierten sich auch dort Umweltgruppen.

In einigen Ländern gelten noch immer Restriktionen bei der Freigabe von Lebensmitteln, die durch den radioaktiven Niederschlag belastet sind. So sind auch einige Regionen Großbritanniens, Skandinaviens sowie im Alpenraum teilweise noch hohen Cäsium-Kontaminationen ausgesetzt. Die Messungen und zuässigen Grenzwerte sind in den einzelnen europäischen Ländern allerdings nicht einheitlich geregelt. In Deutschland wird das Fleisch von Wildschweinen schon bei einer radioaktiven Belastung von mehr als 600 Becquerel pro Kilogramm vernicht. In Großbritannien darf das Fleisch dagegen bei bis zu 1000 Becquerel pro Kilogramm verkauft werden.

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