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Die Zwerge der Inseln – das Nanismus-Phänomen
Bildquelle nicht angegeben
Natur & Umwelt

Die Zwerge der Inseln – das Nanismus-Phänomen

Manchmal kommt es vor, dass sich im Tierreich eine Gruppe von Individuen von ihrer Population trennt. So können beispielsweise mehrere Mäuse einer Population auf einem Stück Holz aufs Meer hinaustreiben und schließlich auf einer Insel stranden. Wenn sie sich auf neuem Boden befinden, sind sie auch neuen…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Natur & Umwelt
Artikelbild

Sebastian Werner / CC BY 2.0

Manchmal kommt es vor, dass sich im Tierreich eine Gruppe von Individuen von ihrer Population trennt. So können beispielsweise mehrere Mäuse einer Population auf einem Stück Holz aufs Meer hinaustreiben und schließlich auf einer Insel stranden. Wenn sie sich auf neuem Boden befinden, sind sie auch neuen Umweltbedingungen ausgesetzt. Besitzen sie keine entsprechenden Anpassungen, überleben die Tiere nicht. Durch vorteilhafte Mutationen kann aber auch eine neu angepasste Population entstehen, die sich im Laufe der Evolution immer mehr von ihrer Ursprungspopulation unterscheidet.

Vom Vorteil klein zu sein

Aber was macht das Leben auf Inseln so anders? Ein wichtiger Faktor ist die Verfügbarkeit von Nahrung. Auf dem knappen Raum einer Insel entsteht unter den Tieren schnell Konkurrenz um Futter und geeignete Lebensräume. Das gilt nicht nur für Pflanzenfresser, sondern auch für Raubtiere. Sie sind oft die ersten, die aussterben, wenn ihre Beute mangels Nachschub knapp wird. Wer mit weniger auskommt, ist daher im Vorteil. Die wenigen Raubtiere, die auf Inseln überleben, weisen deshalb meist eine reduzierte Körpergröße auf.

Artikelbild

National Park Service, US Department of Interior / Gemeinfrei

Und für viele Pflanzenfresser gilt auf Inseln: Angesichts des Mangels an Fressfeinden stellt sich eine imposante Körpergröße zur Abwehr nicht mehr als evolutiv vorteilhaft heraus – sie ist energetisch zu teuer. Klein sein hingegen entwickelt sich zu einer Anpassung an das geringe Nahrungs- und Wasserangebot. Ein kleinerer Körper benötigt weniger Kalorien, um seinen Stoffwechsel aufrechtzuerhalten – also zum Beispiel zu atmen und Nahrung zu verdauen. Auf Inseln setzen sich diese Überlebensvorteile bei der Fortpflanzung vergleichsweise schnell durch.

So kann beispielsweise eine Mutation, die für Zwergwuchs sorgt, ein Vorteil für das Überleben eines Elefanten auf einer Insel werden. Gibt es auf der Insel nur karge Böden und wenig Pflanzennahrung statt großer Grasflächen wie auf dem Festland, haben Elefanten, die mit weniger oder energieärmerer Kost satt werden, eine größere Chance zu überleben. Folglich kann sich dieser Elefant häufiger fortpflanzen und die Mutation an seine Nachkommen weitergeben. Da auf Inseln meist wenige Individuen einer Art leben, steigt sogar die Wahrscheinlichkeit, dass sich die genetische Information des Kleinwuchses weiter verbreitet. Der Zwergwuchs wird so ein Merkmal der dort lebenden Population.

Ein Phänomen aller Zeiten

Heute lässt sich dieses Phänomen bei manchen Schlangen, Waschbären, Kaninchen, Schweinen und Rotwild feststellen. Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Spitzbergen-Rentiere auf der norwegischen Insel Spitzbergen: Ihre Schulterhöhe ist auffällig klein, denn sie beträgt nur 65 Zentimeter - während Rentiere auf dem Festland eine durchschnittliche Schulterhöhe von etwa 110 Zentimetern haben.

Artikelbild

Gary Bembridge from London, UK / CC BY 2.0

Und auch bei den Elefanten gibt es heute eine verzwergte Unterart: Der Borneo-Zwergelefant kommt nur im Nordosten der indonesischen Insel Borneo in einer Population von etwa 1.000 Individuen vor. Er ist mit zwei Meter Schulterhöhe kleiner als alle anderen Asiatischen Elefanten, deren Männchen drei Meter Schulterhöhe erreichen können.

Und der Zwergwuchs ist keine Erfindung der Neuzeit: Ein spektakulärer Fund von Fossilien aus der Eiszeit zeugt davon, dass auf einigen Mittelmeerinseln - wie Sizilien und Malta - einst verschiedene, heute ausgestorbene Zwergelefantenarten gelebt haben. Auch Zwergformen des Mammuts kamen auf einigen Inseln vor. Das kleinste Mammut der Welt lebte demnach auf Kreta – es wurde nur 1,13 Meter groß. Knochen weiterer Zwergmammuts wurden auch auf Sardinien entdeckt.

Artikelbild

Zde / CC BY-SA 4.0

Ein menschenähnlicher Zwerg?

Noch heute ist ungeklärt, ob es auch menschlichen Zwergwuchs gibt. Ein Hinweis darauf brachte 2003 der Fund 18.000 Jahre alter Fossilien auf der indonesischen Insel Flores in der Höhle Liang Bua. Diese deuteten auf die Existenz eines besonders kleinwüchsigen Frühmenschen hin. Bei dem Fund handelte es sich um eine etwa ein Meter große Frau mit einem Gehirn von der Größe eines Schimpansengehirns. Nach ihrem Fundort wurde dieser neuentdeckte zwergwüchsige Menschentyp Homo floresiensis getauft.

Genetische Untersuchungen heute dort lebender Menschen ergaben, dass sich der Flores-Hobbit offenbar durch die Umweltbedingungen auf der Insel von seinen Artverwandten unterschied – eine völlig andere Spezies als alle Zeitgenossen muss er hingegen nicht gewesen sein. Spekulationen zufolge stammt er vom Homo erectus ab.

Artikelbild

Cicero Moraes et alii / CC-BY 4.0

Seit der Entdeckung wurden etliche weitere Theorien über die Hintergründe dieser Kleinwüchsigkeit aufgestellt: Paläoanthropologen wie zum Beispiel Alfred Czarnetzki und Carsten Pusch von der Universität Tübingen vermuteten, dass es sich um ein Mikrozephalieleiden - eine Hirnerkrankung, bei der der Kopf und Körper zu keiner üblichen Größe heranwachsen -  handeln könnte. Unter anderem verglichen sie 2005 die Gehirngröße des Homo floresiensis mit Gehirnen von modernen Menschen, die an Mikrozephalie litten. Aufgrund fehlender DNA-Proben konnten sie und auch andere Forscher diese Hypothese allerdings bislang nicht untermauern.

2008 stellten Forscher der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg die Vermutung auf, dass sich der Zwergwuchs auf Flores durch einen Gendefekt entwickelt haben könnte, der für den kleinwüchsigen Körper- und Knochenbau verantwortlich war. Auch hierfür fehlten wissenschaftliche Beweise.

Seither ist weder der Zwergwuchs eindeutig geklärt, noch die Abstammung des menschenähnlichen Fossils. Denn wann die Insel Flores erstmals besiedelt wurde und ob sie jemals mit dem Festland verbunden war, ist unbekannt.

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