In die Geschichte der Venusdurchgänge ist der französische Astronom Le Gentil als der größte Pechvogel aller Zeiten eingegangen. Seine Geschichte soll hier kurz erzählt werden.
Guillaume-Joseph-Hyacinthe-Jean-Baptiste Le Gentil de la Galaziere (1725 - 1792) hatte sich bereits als Assistent des berühmten Cassini in Paris einen Namen als Astronom gemacht, als er sich im März 1760 in Brest einschiffte, um den Venusdurchgang am 6. Juni 1761 in Pondicherry, der Hauptstadt von Französisch-Indien, zu beobachten. Niemand sollte ihm vorwerfen, dass er zu wenig Zeit für die Reise und die Vorbereitungen eingeplant hätte. Er war bereits unterwegs als die britische Royal Society noch darüber debattierte, ob sie in diesen unsicheren Zeiten überhaupt eine Expedition unternehmen sollte. Damit war er der erste, der aufbrach. Er konnte nicht wissen, dass er der letzte sein würde, der zurückkam.
Von den Briten belagert
Ohne Zwischenfälle erreicht Le Gentil die französische Kolonie Mauritius. Dann beginnt seine Pechsträhne: Er erfährt, dass Pondicherry von den Engländern belagert wird. Doch noch ist viel Zeit. Le Gentil will warten, bis eine französische Flotte Pondicherry von der Belagerung befreien wird. Doch diese Flotte geht im Sturm verloren.
Ein zweites Flottenkommando bricht von Mauritius auf. Diesmal ist Le Gentil dabei, denn seine Zeit wird jetzt knapp. Flaute setzt ein. Le Gentil wird nervös. Fünf Wochen dümpeln die französischen Schiffe im Indischen Ozean. Kurz vor dem 6. Juni erreichen sie endlich Pondicherry. Alles kann noch gut werden. Doch inzwischen haben die britischen Belagerer die Stadt erobert. Le Gentil kann nicht an Land. Im Gegenteil - die Schiffe müssen umkehren.
Den 6. Juni erlebt Le Gentil auf hoher See. Wie zum Hohn ist es sonnenklar und Le Gentil kann die Venus vor der Sonnenscheibe sehen. Aber auf dem schwankenden Schiff ist eine Messung unmöglich. Geschlagen und mit leeren Händen kommt Le Gentil wieder in Mauritius an. So will er nicht nach Hause zurückkehren. Der nächste Venustransit findet am 3. Juni 1769, in acht Jahren statt. Le Gentil beschließt zu warten. Vom Astronomen wandelt er sich zum Geographen. Er erforscht die Ostküste von Madagaskar und die Flora und Fauna der Inseln des Indischen Ozeans.
Manila - der optimale Beobachtungsort
Doch er vergisst seine Aufgabe nie. Berechnungen zeigen ihm, dass Manila ein besserer Beobachtungsort als Pondicherry wäre. Er schreibt diesen Vorschlag nach Frankreich ohne die Antwort abzuwarten.
Wieder schifft er sich frühzeitig ein und ist bereits zwei Jahre vor dem Termin in Manila. Doch die Philippinen sind spanisches Territorium und der spanische Gouverneur ist ein unfreundlicher Mensch, der in dem Franzosen einen Spion vermutet. Außerdem erhält Le Gentil endlich (nach einem Jahr) einen Antwortbrief von der französischen Akademie: Inzwischen sei der Krieg zu Ende, Pondicherry sei wieder französisch und so solle er als Franzose seine Messungen auch gefälligst auf französischem Boden durchführen.
Zurück nach Pondicherry
Le Gentil gehorcht. Wieder besteigt er ein Schiff, verlässt Manila und erreicht nach abenteuerlicher Reise am 27. März 1768 endlich sein Ziel.
Mehr als ein Jahr hat er nun Zeit die Messung vorzubereiten: Er baut ein Observatorium, bestimmt seine geographischen Koordinaten, trainiert die Messung. Die Tage vor dem 3. Juni sind ruhig und klar. Alles deutet auf eine perfekte Beobachtung hin.
In der Nacht vor dem Venustransit wacht Le Gentil auf. Wind ist aufgekommen, er hört das Meer rauschen. Le Gentil tritt vor die Tür und kann nicht glauben, was er sieht: Das Wetter ist umgeschlagen und der Himmel völlig mit Wolken bedeckt. Le Gentil macht bis zum Sonnenaufgang kein Auge mehr zu. Um 7 Uhr morgens ist es immer noch völlig bewölkt. Fassungslos erlebt Le Gentil wie die Zeit des Venusdurchgangs vergeht. Um 9 Uhr, als alles vorüber ist, klart es auf und bleibt den Rest des Tages sonnig. Le Gentil ist geschlagen. Kaum findet er die Kraft, seine Erlebnisse ins Expeditionsprotokoll einzutragen. Später erfährt er, dass der Venustransit in Manila perfekt beobachtet werden konnte.
Totgeglaubt
Le Gentil hat nur noch einen Wunsch: Er will nach Hause. Er schlägt sich nach Mauritius durch. Doch Krankheiten und verpasste Schiffspassagen verzögern seine Heimreise. Endlich kann er Mauritius verlassen.
Aber das Schiff gerät in einen Sturm und muss wieder nach Mauritius zurückkehren. „Ich kann den Anblick dieser Insel nicht mehr ertragen!“ schreibt Le Gentil in sein Tagebuch. Schließlich findet er ein spanisches Schiff, das ihn zurück nach Europa bringt. Le Gentil schreibt am 8. Oktober 1771: „Endlich, morgens um neun Uhr, nach elf Jahren, sechs Monaten und dreizehn Tagen, betrat ich wieder französischen Boden!“
Noch war seine Pechsträhne nicht zu Ende. Jahrelang hatte man in Paris nichts mehr von ihm gehört. So hatten ihn seine Verwandten für tot erklärt und sein Vermögen unter sich aufgeteilt. Ein langes Prozessieren begann, bis Le Gentil den Beweis dafür erbracht hatte, dass er noch lebte. Auch seinen Sitz in der Académie Royale hatte man inzwischen einem Nachfolger übertragen und er erhielt ihn erst nach einer persönlichen Intervention des Königs zurück. Le Gentil - der große Pechvogel der Astronomie - lebte noch 21 Jahre als Ehemann und Vater einer Tochter und schrieb seine Erlebnisse in einem Buch („Eine Reise in den Indischen Ozean“) nieder. Le Gentil hat nie wieder eine Seereise unternommen.

