Das Umweltbundesamt hat 2015 circa 150 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe nachgewiesen, die in Oberflächengewässern, aber auch im Grundwasser und im Boden gefunden wurden. Wie genau sich dieser chemische Cocktail auf unsere Gesundheit oder die Lebewesen auswirkt, ist bisher noch weitgehend unbekannt. Klar ist jedoch: Die Medikamente entfalten ihre Wirkung auch im Wasser und sie beeinflussen die geistige und körperliche Entwicklung der Lebewesen, die sie aufnehmen. Und auch für den Menschen hat die Medizin im Wasser Folgen.
Langlebige Medizin
Viele Menschen nehmen regelmäßig Medikamente. Das kann die Pille sein, ein Mittel gegen Bluthochdruck oder Antidepressiva. Damit die Medizin ihre Wirkung auch am richtigen Ort im Körper entfaltet, ist sie meistens sehr stabil. Denn in unserem Körper muss sie die Passage durch den Magen unbeschadet überstehen. Daraus folgt allerdings auch, dass viele Wirkstoffe oder deren Abbauprodukte vom Menschen wieder ausgeschieden werden und sich auch in unserer Umwelt schlecht abbauen.
Mit dem Abwasser gelangen diese Arzneien dann in unsere Kläranlagen. Dort können die meisten dieser chemischen Verunreinigungen jedoch nicht herausgefiltert werden, so dass die stabilen Verbindungen in unseren Wasserkreislauf gelangen. Auch Tierarzneimittel landen unbeabsichtigt in Boden und Gewässern. Sie finden ihren Weg in die Umwelt durch die Verteilung von Gülle und Mist auf den Feldern.
Antibiotika begünstigen die Entwicklung multiresistenter Keime
Die Konzentrationen der Arzneimittelrückstände im Wasser sind oft nur sehr gering, doch Untersuchungen zeigen, dass dies ausreichen kann, um Auswirkungen auf die Umwelt zu haben. Ein Beispiel dafür sind Antibiotikarückstände in unseren Gewässern, die zu vermehrten Resistenzen bei Bakterien führen können.
Das Problem daran: Die meist harmlosen Bakterien im Wasser oder Boden können ihre Resistenzen auch auf Krankheitserreger übertragen. Und wenn diese uns dann infizieren, wirken die wichtigsten Gegenmittel nicht mehr: Die Erreger sind gegen Antibiotika immun. Besonders in Fließgewässern in der Nähe von Kläranlagenabläufen wurden schon mehrmals multiresistente Mikroorganismen entdeckt. Antibiotikarückstände im Wasser führen außerdem dazu, dass das Algenwachstum reduziert wird
Verweiblichte Frösche und asoziale Fische
Auch Wassertiere nehmen die biologisch hochaktiven Substanzen gezwungenermaßen auf. Manche Tiere ändern dadurch ihr Verhalten oder entwickeln Fehlbildungen. 2013 entdeckten Forscher, dass das Beruhigungsmittel Oxazepam bei Fischen dazu führt, dass die Tiere gefräßiger werden und ein asozialeres Verhalten zeigen. Für die Veränderung der Verhaltensmuster reichte eine Medikamentendosis, die in Seen und Flüssen schon nachgewiesen wurde.
Bei Fröschen und Kröten zeigte eine Studie, dass Hormon-Rückstände das Geschlechterverhältnis verändern. Die Wirkstoffe der Anti-Baby-Pille, aber auch andere hormonell wirksame Substanzen führten dazu, dass genetische Männchen weibliche Merkmale entwickelten. Auch diese Veränderungen zeigten sich schon bei geringen Konzentrationen, die in Oberflächengewässern bereits gemessen wurden. Solche Veränderungen könnten zum Artensterben beitragen, weil die Fortpflanzung der Tiere beeinträchtigen. Noch kaum erforscht ist zudem, was passiert, wenn Wasserorganismen gleich mehreren Arzneimittelrückständen auf einmal ausgesetzt sind.
Ist die vierte Klärstufe die Lösung?
Viele Experten suchen inzwischen nach Möglichkeiten, um den Medikamenteneintrag zu verringern.
Ein Ansatz wäre es, die Rückstände vollständiger aus dem Abwasser zu entfernen. Inzwischen gibt es schon verschiedene Techniken, mit deren Hilfe auch Spurenstoffe in den Anlagen herausgefiltert werden können, zum Beispiel durch den Einsatz von Aktivkohle. Durch die Einrichtung einer solchen vierten Klärstufe könnten Rückstände von Medikamenten und anderen Chemikalien im Wasser daher deutlich reduziert werden.
Der flächendeckende Einsatz einer vierten Klärstufe ist jedoch auch mit hohen Kosten verbunden, weil die Technik mehr Energie und Platz benötigt. Die Mehrkosten für die kommunale Abwasserreinigung würden bei uns wahrscheinlich auf die Haushalte umgelegt werden. Doch in weniger entwickelten Ländern würde dies nicht viel ändern – dort fehlt meist das Geld für diese Maßnahmen.
Richtig entsorgen
Eine Alternative könnte deswegen die Entwicklung von Medikamenten sein, die besser und schneller biologisch abbaubar sind. Verschiedene Forscher arbeiten bereits an Arzneimitteln, die sich innerhalb weniger Wochen im Wasser zersetzen. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Chemikalien von Wasserorganismen aufgenommen werden.
Wir selbst können aber ebenfalls zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Denn Medikamente werden häufig falsch entsorgt. Die letzten Pillen aus der Packung oder der Rest Hustensaft werden einfach in den Abfluss gekippt und belasten dadurch unnötig unsere Gewässer. Stattdessen sollte man die Medikamente einfach in den Restmüll werfen oder in der Apotheke zurückgeben. Es sei denn, im Beipackzettel sind besondere Hinweise für die Entsorgung angegeben.

