Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“
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Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“

Bild: Foto: Basile Morin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Helmut Schmidt ist tot. Der Alt-Bundeskanzler prägte das Gesicht der Bundesrepublik Deutschland und war bis ins hohe Alter ein viel gefragter Denker. Ein Nachruf.

Wer war der wie ein Schlot Menthol-Zigarette rauchende Hanseat, der in Talk-Shows – manchmal langatmig – Tacheles redete und als Publizist das Weltgeschehen, die Rolle Deutschlands und die Aufgaben der Zukunft analysierte? Der Polit-Dino Schmidt war einer der letzten großen Politiker der Bundesrepublik, dessen fundamentale Erfahrungen noch aus dem Krieg stammten. Diese Erlebnisse waren ein Leben lang Kern einer Politik, die Friedenssicherung im Fokus hatte.

Ein Rückblick - Loki, Hamburg und Krisenmanagement

Helmut Heinrich Waldemar Schmidt wurde am 23. Dezember 1918, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek geboren. Sein Vater war der Studienrat Gustav Schmidt, der ihm Strenge und Disziplin vorlebte, Mutter Ludovika war für die liebevolle Erziehung zuständig. 1937 machte er sein Abitur an der Hamburger Lichtwark-Schule, musste im Anschluss Reichsarbeits- und Wehrdienst leisten. Als Soldat war Schmidt bei der Bremer Luftabwehr, anschließend diente er bis 1942 an der Ostfront. Von 1942 bis 1944 arbeitete er als Referent für Ausbildungsvorschriften der Flakartillerie im Reichsluftfahrtministerium in Berlin und Bernau. Bis zum Ende des Krieges schloss sich ein Einsatz an der Westfront an.

Zuvor, im Jahr 1942, ging er einen Bund ein, der Jahrzehnte überdauern sollte. Helmut Schmidt heiratete seine frühere Klassenkameradin Hannelore Glaser. »Loki«, ein Spitzname, den sie selbst sich gegeben hatte, war Lehrerin. Als Hobby-Botanikerin, die internationales Renommee genoss, und engagierte Naturschützerin war sie auch später, während der Polit-Karriere ihres Mannes, stets mehr als nur „Angeheiratete der Politik“, wie sie es selbst einmal sagte. Bis zu ihrem Tod 2010 war sie über die Maßen beliebt und ein Vorbild für viele Deutsche. Für ihren Mann war sie „Volkes Stimme“, wie Schmidt einmal schrieb.

Unmittelbar nach dem Ende des Weltkriegs studierte Helmut Schmidt Volkswirtschaftslehre und trat in die SPD ein (1946). Er war in leitender Funktion in der Verkehrs- und Wirtschaftsbehörde seiner Heimatstadt tätig, ehe er 1953 in den Bundestag einzog. Der kantige Schmidt, der den Philosophen Karl Popper verehrte, fiel als rhetorisch überzeugender und scharfzüngiger Redner auf. Lieblingsgegner war Franz Josef Strauß. Rasch verpasste man ihm den Spitznamen „Schmidt-Schnauze“. Seine Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen, hat er sich über die Jahrzehnte auch jenseits des Politparketts bewahrt. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ ist ebenso ein Bonmot wie sein Satz „Seitdem es Flugzeuge gibt, sind die entfernten Verwandten auch nicht mehr das, was sie einmal waren.“

Schmidt, seit 1958 im Bundesvorstand der SPD kämpfte gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. 1961 wurde er Hamburger Polizeisenator und legte daraufhin sein Bundestagsmandat nieder. Sein kluger koordinierter Einsatz bei der gewaltigen Hochwasserkatastrophe von 1962 in Hamburg brachte ihm höchstes Lob und den anhaltenden Ruf eines durchsetzungsstarken Krisenmanagers ein.

Die Kanzlerschaft Schmidts - RAF, Frankreich und der Sturz

Ab 1965 saß Schmidt wieder im Bundestag, dem er bis 1987 angehörte. Unter Kanzler Willy Brandt wurde er Bundesverteidigungsminister (1969-1972), später Minister für Wirtschaft und Finanzen, ehe er – nach dem Rücktritt von Brandt – 1974 Bundeskanzler wurde. Sein schwerstes Jahr erlebte Schmidt 1977, als die Rote Armee Fraktion wütete. Anschläge, die Entführung von Arbeitgeberpräsident Schleyer sowie der Lufthansa-Maschine "Landshut" stellten Schmidt und seine sozialliberale Regierung auf eine harte Probe. Der Kanzler blieb hart, ließ sich nicht erpressen. Die GSG 9 stürmte die "Landshu"t erfolgreich, Schleyer aber wurde ermordet. 1982 scheiterte die sozialliberale Regierung. Nach einem konstruktiven Misstrauensvotum hieß der Kanzler Helmut Kohl.

Schmidt hat mit seinem engen Freund, dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing, viel für die Entwicklung der internationalen Wirtschaftspolitk getan. Der „Weltökonom“ gab sich aber auch kunstsinnig – zu Kanzlerzeiten ließ er seinen Amtssitz mit vielen Kunstleihgaben ausstatten, als Pianist, der Mozart und Bach interpretierte, nahm er mehrere Schallplatten auf.

Der Rentner Schmidt - Mahner und Weltbürger

Nach seinen Partei- und Politämtern blieb Schmidt – anders als viele Politiker in Rente– ein hörbarer und hörenswerter Mahner. Als Mitherausgeber der Zeit und Talk-Show-Gast lederte der Weltbürger und Patriot unerschütterlich gegen Polit-Unvernunft und eine Banker-Mentalität, die das Wesentliche aus den Augen zu verlieren scheine. Nicht ohne Grund heißt eines seiner Bücher „Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral“. Altersmilde im politischen Alltag blitzte nur manchmal auf, etwa als Gerhard Schröder ihn zum Vorbild erklärte. Ansonsten konnte man dem Polit-Veteran wenig Hang zum Kuscheln nachsagen.

2011 hat Schmidt erstmals seit 1998 wieder eine Rede auf einem Bundesparteitag der SPD gehalten. Und was für eine. In wie üblich wohl gesetzten Worten, garniert mit langen Pausen, erinnerte er an die Bedeutung der europäischen Integration und rief Deutschland zu Solidarität auf. Helmut Schmidt war populär wie kein Zweiter – in Krisenzeiten ein Mann, dem man Lösungen zutraute, der Vertrauen verdiente, weil er es als seine Pflicht ansah – Henry Kissinger hatte schon recht. Ohne Schmidt ist die Welt ein gerüttelt Maß ärmer.

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