Gabriel Oré Menéndez sitzt nicht im Staub einer Grabungsstätte. Er steht nicht im Morgengrauen auf einem windgepeitschten Hügel, Kelle in der Hand, und legt Schicht um Schicht frei. Stattdessen arbeitet er in Archiven, liest, analysiert, denkt nach. „Ich scherze, dass ich Feldarbeit vermeide", schreibt der Archäologe in einem Blogbeitrag auf Cambridge Core. „Es ist nicht wirklich ein Scherz."
Mit dieser Aussage greift Oré Menéndez eine der tief verwurzelten Annahmen seines Fachs an: dass echte Archäologie bedeutet, zu graben. Sein Beitrag begleitet einen wissenschaftlichen Artikel im Journal für amerikanische Archäologie und reflektiert die persönlichen Erfahrungen eines Forschers, der bewusst einen anderen Weg wählt. Es ist ein Plädoyer für die Diversität archäologischer Praktiken – und zugleich eine Provokation an ein Fach, das Feldarbeit oft als Goldstandard betrachtet.
Die Archäologie umfasst weit mehr als körperliche Ausgrabungstätigkeit, argumentiert Oré Menéndez. Archivarbeit, theoretische Reflexion, Analyse und Community-Arbeit sind ebenso legitime wissenschaftliche Praktiken. Doch in der Wahrnehmung vieler Fachkolleginnen und Kollegen – und in den Strukturen von Stellenausschreibungen, Forschungsförderung und Peer-Review – zählt oft nur, wer im Feld war. Wer die Hände schmutzig gemacht hat. Wer physisch präsent war, wenn die Scherben ans Licht kamen.
Diese Engführung hat Konsequenzen. Sie definiert, wer als „echter" Archäologe gilt und wer nicht. Sie beeinflusst, welche Forschungsansätze finanziert werden und welche nicht. Und sie kann Menschen ausschließen – jene, für die Feldarbeit aus strukturellen, finanziellen, geografischen oder körperlichen Gründen schwerer zugänglich ist. Oré Menéndez rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie persönliche Identität und wissenschaftlicher Forschungsstil zusammenhängen. Sein Beitrag zeigt, dass die Wahl der Methode nicht nur eine Frage der Vorliebe ist, sondern auch eine Frage der Zugänglichkeit und der Anerkennung.
Die Society for American Archaeology hat den Blogbeitrag über ihren Mastodon-Account verbreitet und damit signalisiert, dass die Diskussion nicht am Rand des Fachs stattfindet, sondern in dessen Mitte. Die Organisation hebt hervor, dass Archäologie „eine diverse Bandbreite von Praktiken jenseits von Feldarbeit" umfasst. Es ist eine Botschaft, die über den Einzelfall hinausweist: Wer zählt in der Wissenschaft? Und wer entscheidet, welche Arbeit als „echt" anerkannt wird?
Oré Menéndez' Reflexion berührt eine breitere Debatte über disziplinäre Gatekeeping. In vielen Feldern der Wissenschaft – von der Geologie über die Ökologie bis zur Anthropologie – gibt es ähnliche Vorstellungen davon, was „echte" Forschung ausmacht. Oft sind es die körperlich anspruchsvollen, ortsgebundenen, sichtbaren Praktiken, die als prestigeträchtig gelten. Archivarbeit, Datenanalyse, theoretische Reflexion bleiben dagegen häufig unsichtbar oder werden als nachgeordnet betrachtet. Dabei sind sie unverzichtbar für das Verständnis komplexer Zusammenhänge.
Der Archäologe wirft keine Steine auf jene, die im Feld arbeiten. Es geht ihm nicht darum, eine Methode gegen die andere auszuspielen. Vielmehr fordert er eine Erweiterung dessen, was als vollwertige archäologische Praxis anerkannt wird. Sein Ansatz zeigt, dass persönliche Erfahrung und wissenschaftliche Identität nicht voneinander zu trennen sind. Wer Feldarbeit aus welchen Gründen auch immer vermeidet oder nicht ausüben kann, soll dennoch als vollwertiger Teil der Disziplin gesehen werden.
Die Frage, die sein Beitrag aufwirft, ist unbequem: Wie viele talentierte Forscherinnen und Forscher hat die Archäologie verloren, weil sie sich nicht in das Bild vom schaufelnschwingenden Abenteurer fügen wollten oder konnten? Wie viele Perspektiven sind verloren gegangen, weil die Zugangshürden zu eng definiert waren?
Oré Menéndez bleibt im Archiv. Er liest, er denkt, er schreibt. Und er zeigt, dass auch das Archäologie ist – in ihrer ganzen Vielfalt und Tiefe.




