„Ich vermeide Feldarbeit. Das ist kein Witz" – Ein Archäologe fordert sein Fach heraus
Allgemein

„Ich vermeide Feldarbeit. Das ist kein Witz" – Ein Archäologe fordert sein Fach heraus

Bild: Wolfgang Weiser / Pexels

Gabriel Oré Menéndez sitzt nicht im Staub einer Grabungsstätte. Er steht nicht im Morgengrauen auf einem windgepeitschten Hügel, Kelle in der Hand, und legt Schicht um Schicht frei. Stattdessen arbeitet er in Archiven, liest, analysiert, denkt nach. „Ich scherze, dass ich Feldarbeit vermeide", schreibt der Archäologe in einem Blogbeitrag auf Cambridge Core. „Es ist nicht wirklich ein Scherz."

Gabriel Oré Menéndez sitzt nicht im Staub einer Grabungsstätte. Er steht nicht im Morgengrauen auf einem windgepeitschten Hügel, Kelle in der Hand, und legt Schicht um Schicht frei. Stattdessen arbeitet er in Archiven, liest, analysiert, denkt nach. „Ich scherze, dass ich Feldarbeit vermeide", schreibt der Archäologe in einem Blogbeitrag auf Cambridge Core. „Es ist nicht wirklich ein Scherz."

Mit dieser Aussage greift Oré Menéndez eine der tief verwurzelten Annahmen seines Fachs an: dass echte Archäologie bedeutet, zu graben. Sein Beitrag begleitet einen wissenschaftlichen Artikel im Journal für amerikanische Archäologie und reflektiert die persönlichen Erfahrungen eines Forschers, der bewusst einen anderen Weg wählt. Es ist ein Plädoyer für die Diversität archäologischer Praktiken – und zugleich eine Provokation an ein Fach, das Feldarbeit oft als Goldstandard betrachtet.

Die Archäologie umfasst weit mehr als körperliche Ausgrabungstätigkeit, argumentiert Oré Menéndez. Archivarbeit, theoretische Reflexion, Analyse und Community-Arbeit sind ebenso legitime wissenschaftliche Praktiken. Doch in der Wahrnehmung vieler Fachkolleginnen und Kollegen – und in den Strukturen von Stellenausschreibungen, Forschungsförderung und Peer-Review – zählt oft nur, wer im Feld war. Wer die Hände schmutzig gemacht hat. Wer physisch präsent war, wenn die Scherben ans Licht kamen.

Diese Engführung hat Konsequenzen. Sie definiert, wer als „echter" Archäologe gilt und wer nicht. Sie beeinflusst, welche Forschungsansätze finanziert werden und welche nicht. Und sie kann Menschen ausschließen – jene, für die Feldarbeit aus strukturellen, finanziellen, geografischen oder körperlichen Gründen schwerer zugänglich ist. Oré Menéndez rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie persönliche Identität und wissenschaftlicher Forschungsstil zusammenhängen. Sein Beitrag zeigt, dass die Wahl der Methode nicht nur eine Frage der Vorliebe ist, sondern auch eine Frage der Zugänglichkeit und der Anerkennung.

Die Society for American Archaeology hat den Blogbeitrag über ihren Mastodon-Account verbreitet und damit signalisiert, dass die Diskussion nicht am Rand des Fachs stattfindet, sondern in dessen Mitte. Die Organisation hebt hervor, dass Archäologie „eine diverse Bandbreite von Praktiken jenseits von Feldarbeit" umfasst. Es ist eine Botschaft, die über den Einzelfall hinausweist: Wer zählt in der Wissenschaft? Und wer entscheidet, welche Arbeit als „echt" anerkannt wird?

Oré Menéndez' Reflexion berührt eine breitere Debatte über disziplinäre Gatekeeping. In vielen Feldern der Wissenschaft – von der Geologie über die Ökologie bis zur Anthropologie – gibt es ähnliche Vorstellungen davon, was „echte" Forschung ausmacht. Oft sind es die körperlich anspruchsvollen, ortsgebundenen, sichtbaren Praktiken, die als prestigeträchtig gelten. Archivarbeit, Datenanalyse, theoretische Reflexion bleiben dagegen häufig unsichtbar oder werden als nachgeordnet betrachtet. Dabei sind sie unverzichtbar für das Verständnis komplexer Zusammenhänge.

Der Archäologe wirft keine Steine auf jene, die im Feld arbeiten. Es geht ihm nicht darum, eine Methode gegen die andere auszuspielen. Vielmehr fordert er eine Erweiterung dessen, was als vollwertige archäologische Praxis anerkannt wird. Sein Ansatz zeigt, dass persönliche Erfahrung und wissenschaftliche Identität nicht voneinander zu trennen sind. Wer Feldarbeit aus welchen Gründen auch immer vermeidet oder nicht ausüben kann, soll dennoch als vollwertiger Teil der Disziplin gesehen werden.

Die Frage, die sein Beitrag aufwirft, ist unbequem: Wie viele talentierte Forscherinnen und Forscher hat die Archäologie verloren, weil sie sich nicht in das Bild vom schaufelnschwingenden Abenteurer fügen wollten oder konnten? Wie viele Perspektiven sind verloren gegangen, weil die Zugangshürden zu eng definiert waren?

Oré Menéndez bleibt im Archiv. Er liest, er denkt, er schreibt. Und er zeigt, dass auch das Archäologie ist – in ihrer ganzen Vielfalt und Tiefe.

Mehr aus Allgemein

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Allgemein.

Alle Allgemein-Artikel
Regensburger Physiker halbieren Fehlerrate von Quantenbits mit einer Zusatzmessung
Allgemein

Regensburger Physiker halbieren Fehlerrate von Quantenbits mit einer Zusatzmessung

4. November 2026

Ein Team um Ferdinand Kuemmeth senkt mit einer einzigen Extra-Messung vor der Rechnung die Fehlerrate von Qubits von 0,14 auf 0,065 Prozent – ohne neue Hardware.

Kölner Physiker finden Spuren eines Quantenzustands, der Computer fehlerfrei machen könnte
Allgemein

Kölner Physiker finden Spuren eines Quantenzustands, der Computer fehlerfrei machen könnte

3. November 2026

Forscher der Uni Köln haben Quantenzustände gemessen, die zur Theorie der topologischen Supraleitung passen. Ein möglicher Baustein für störungsresistente Quantencomputer – der entscheidende Beweis fehlt aber noch.

Wie ein winziger Mückenstich halb Deutschlands Weiden bedroht
Allgemein

Wie ein winziger Mückenstich halb Deutschlands Weiden bedroht

2. November 2026

Forscher fingen 2024 über 337.000 Gnitzen auf 14 norddeutschen Höfen ein. Fast jede fünfte Probe trug das Blauzungenvirus – ein Blick auf einen Erreger, der fast unsichtbar von Tier zu Tier wandert.

Borneo-Brände 2026: Wie Feuer die Orang-Utans noch Jahre später bedrohen
Allgemein

Borneo-Brände 2026: Wie Feuer die Orang-Utans noch Jahre später bedrohen

30. Oktober 2026

Indonesien erlebt die schlimmsten Waldbrände seit über einem Jahrzehnt. Langzeitdaten aus Borneo zeigen: Die Folgen für Orang-Utans reichen weit über Rauch und Flammen hinaus – mit Auswirkungen auf Ernährung,…

← Zurück zu AllgemeinZur Startseite