Die Zugvögel machen derzeit wieder Rast im Wattenmeer. Wie viele sind es denn?
Das sind mehrere Millionen. Sie sind ja nicht alle gleichzeitig da. Wenn man alle zusammenzählt, die das Wattenmeer nutzen, dann sind das zehn bis zwölf Millionen.
Hat sich die Zahl in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, durchaus. Einige Arten haben zugenommen, andere abgenommen. Es ist eine Menge Dynamik in dem Geschehen. Insgesamt haben allerdings mehr Arten abgenommen.
Ist bekannt, warum das so ist?
Es gibt einige klare Hinweise darauf, dass natürliche Veränderungen stattfinden. Dass sich einige Arten einfach über Jahre besser entwickeln, andere schlechter. Vieles bei dem beobachteten Trend ist sicher mit Klimaveränderung zu begründen. Arten, die wärmere Klimaten bevorzugen, rücken zunehmend in unseren Bereich nach, da sie diesen Raum besser nutzen können als früher. Bei arktischen Arten hingegen sieht man schon Bestandrückgänge, weil die Tundra immer kleiner wird. Dadurch, dass es immer wärmer in den nördlichen Bereichen wird, verschlechtert sich für diese Arten der Lebensraum vor allem in den Brutzeiten.
Und die Arten im Wattenmeer?
Auch hier haben viele im Bestand stark abgenommen. Die Ursachen müssen im Wattenmeer liegen. Allerdings ist die Kenntnis über die wirklichen Gründe noch sehr gering. Deshalb gab es in letzter Zeit verschiedene Treffen von Wissenschaftlern. Es kommt in diesen Gebieten zu Veränderungen durch natürliche Prozesse oder durch menschliche Aktivitäten verstärkte Prozesse. So steht zum Beispiel die Nahrung den Tieren nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung. Oder Tiere versuchen, länger im Winter auszuharren, dann wird es doch noch kalt und die Sterblichkeit erhöht sich.
Welche Arten haben denn abgenommen, welche zugenommen?
Abgenommen haben einige arktische Brutvogelarten wie die Pfuhlschnepfe, Kibitzregenpfeifer, sowie Knutt und Alpenstrandläufer. Zugenommen haben der Löffler und die Nonnengänse, während die Ringelgänse abgenommen haben.
Warum haben gerade diese Arten abgenommen? Brauchen sie andere Bedingungen?
Man weiß das nicht so ganz genau. Es kann sein, dass sich die schlechtere Verfügbarkeit von Muscheln durch Muschelfischerei und durch natürliche Prozesse entscheidend auswirkt. Der Knutt zum Beispiel ist ein klassischer Muschelfresser. Es gibt Hinweise, dass die Muschelfresser besonders leiden. So ist in den Niederlanden die Muschelfischerei ein starkes Problem gewesen, weil sie zusätzlich Nahrung wegnimmt. Außerdem geht es durch Sedimentumlagerung, Strömungsänderungen, Temperaturveränderungen und unterschiedliche Winterhärten auch Muscheln mehr oder weniger gut. Dadurch dominieren andere Arten. So dringt jetzt die Pazifische Auster ein und überwuchert Miesmuschelbänke. So bekommen die Miesmuschelfresser Probleme, die sie früher nicht hatten. Das sind natürlich durch den Menschen mit beeinflusste Probleme, aber es sind auch natürliche Veränderungen, die es in irgendeiner Form immer gibt. Es werden durch überregionale Phänomene Veränderungen hervorgerufen, auf die sich die Tiere einstellen müssen. Die einen kommen damit eben besser zurecht als andere.
Warum hat denn die Population des Löfflers zugenommen?
Der Löffler ist eine Reiherart, die früher überwiegend im Mittelmeerraum und im Donaudelta vorkam. Seit einigen Jahrzehnten brütet sie in den Niederlanden sehr erfolgreich und hat sich dort sehr stark ausgebreitet. Diese Art ist vor ein paar Jahren nach Niedersachsen eingewandert und kommt jetzt auch in Schleswig-Holstein vor. Der Löffler nimmt weiter im Bestand zu. Plötzlich ist in diesem Jahr auch der Silberreiher hier überall aufgetaucht. Das ist eine Art, die früher hier kaum zu beobachten war. Da kann man sich gut vorstellen, dass solche Arten durch die Klimaveränderung plötzlich bei uns ins Gebiet eindringen. Allerdings: Bei vielen Hinzukömmlingen weiß man gar nicht so genau, worin die Ursachen liegen. Es gibt natürlich sehr unterschiedliche Lebensraumnutzungen, übergeordnete Prozesse und auch genetische Entwicklungen, die das Zugverhalten beeinflussen – und daher auch zu Ansiedlungen und zu Verschwinden von Tieren führen.
Gibt es auch zeitliche Verschiebungen im Zug der Vögel?
Das kann man generell schon sagen. Auch wenn es nicht für alle Arten gilt. Das liegt zum einen daran, dass die Winter in den vergangenen Jahren sehr viel wärmer waren und daher mehr Arten versuchen, zu überwintern. So harren Kleinvögel am Land wie der Zilpzalp, Stare oder Mönchsgrasmücken, die früher im Winter hier kaum anzutreffen waren, länger aus. Wenn der Winter dann warm bleibt, so dass sie durchkommen, dann kann sich das schneller genetisch in der Population durchsetzen. Viele Zugvogelarten bleiben auch tendenziell länger im Norden, kommen also später im Herbst und früher im Frühjahr zu uns. Das kann aber in manchen Jahren auch gegenläufig sein. So gab es dieses und vergangenes Jahr durchaus Arten, die auch mal sehr spät aus dem Süden zurückkehrten. Das liegt dann einfach daran, dass zwar ein genereller Erwärmungstrend zu verzeichnen ist, die Vögel aber nach wie vor versuchen, bei dem aktuellen Zug eine günstige Wetterlage abzupassen. So kann es passieren, dass Arten, die sonst im April kommen, bereits im März da sind und wegen einer ungünstigen Wetterlage dann andere Arten, die sonst Mitte April kommen bis in den Mai hinein warten. Es gibt also unheimlich viele Schwankungen.
Lassen sich aus den Beobachtungen Prognosen ableiten?
Es wird sicher auch in Zukunft Arten geben, die egal, wie wir unsere Landschaft weiter gestalten und wie sich das Klima ändert, davon profitieren werden. Andere hingegen werden davon benachteiligt. Im Wattenmeer wird es durch die Erwärmung und den Rückgang der Tundra-Gebiete sicher zur Beeinträchtigung der Tundra-Arten führen. Die werden im Sommer gar nicht mehr die Brutbedingungen finden, die sie brauchen. Oder es werden andere Arten hinzukommen, mit denen sie dann in Konkurrenz leben. Einige Arten würden sicher auch davon profitieren, wenn die Winter tatsächlich wärmer werden, weil sie gar nicht mehr so weit ziehen. Kraniche überwintern jetzt zum Großteil in Spanien und Frankreich. Früher sind sie weiter geflogen. Da der Zug sehr energieaufwändig und durch die Jagd ein Sterblichkeitsfaktor ist, kann es durchaus sein, dass es ein Vorteil ist, gar nicht mehr zu ziehen. Wenn die Winter dann aber plötzlich wieder kälter werden und die Tiere ihre Zugtradition bereits geändert haben, also versuchen, lange auszuharren und das Gebiet nicht rechtzeitig verlassen, besteht auch die Gefahr, das sie in großen Mengen sterben. Daher kann es auch sein, dass solche Trends sich umkehren, wenn der Effekt umkippt.
Herr Dr. Garthe, Vielen Dank für das Gespräch

