Jenaplan - die Philosophie
"Wie soll die Erziehungsgemeinschaft beschaffen sein, in der und durch die ein Mensch seine Individualität zur Persönlichkeit vollenden kann?", lautete die Frage, die sich der Reformpädagoge Peter Petersen zu Beginn seiner Laufbahn stellte, wobei der Begriff der "Erziehungsgemeinschaft" bereits auf eine wichtige Erkenntnis hindeutete, die die Jenaplan-Pädagogik prägen sollte. Denn Petersen glaubte: Nichts sei für die Entwicklung eines Menschen zu einer selbstbestimmten, entscheidungsfähigen Persönlichkeit wichtiger als das Erleben einer Gemeinschaft.
In der Familie erkannte der aus einer bäuerlichen Großfamilie stammende Petersen die erste Zelle einer solchen Gemeinschaft. Er schrieb: "Der Mensch muss zur gesunden und vollen Entfaltung seines Wesens einen Kreis von Menschen besitzen, die für ihn als ganzen Menschen Verständnis besitzen, und zwar ein Verständnis, das weniger auf intellektueller Klarheit ruht, als erlebt und gefühlt wird ohne Worte..."
So ist für das Funktionieren einer Jenaplan-Schule die von den Eltern, Lehrern und Schülern getragene Schulgemeinde wichtigste Voraussetzung. Weitere konstituitve Bestandteile der auf dem "sozialen Lernen" basierenden Jenaplan-Pädagogik sind:
1. das Ersetzen der Jahrgangsklassen durch Stammgruppen, in denen mehrere Jahrgänge gleichzeitig, fächerübergreifend und interessenorientiert unterrichtet werden,
2. der Ersatz des Stundenplans im 45-Minutentakt durch rhythmische Wochenarbeitspläne, in denen sich Phasen der Anschauung, Empfindung, Versenkung, der Andacht und Feier abwechseln,
3. die Ablösung des Frontalunterrichts durch das Lernen in "pädagogischen Situationen", in denen die Fragen und Interessen des Kindes im Mittelpunkt stehen,
4. die Gleichwertigkeit der verschiedenen Bildungsformen Gespräch, Vortrag, Spiel, Arbeit und Feier anstelle einer einseitig kognitiven und rein lehrerzentrierten Wissensvermittlung sowie 5. Lernentwicklungsberichte statt Zensuren.
Die Biographie des Jenaplan-Vaters Peter Petersen
Nachdem sich der 1884 nahe Flensburg geborene Petersen bereits als Vorstandsmitglied des "Bundes für Schulreform" sowie als Gründer der Hamburger Lichtwarkschule für eine "Neue Erziehung" und damit für nationale reformpädagogische Initiativen eingesetzt hatte, nahm er im Jahr 1923 eine Professur in Jena an. Hier sollte der Jenaplan reifen: Die angegliederte Universitätsschule musste dem Theologen und Philosophen als perfekte Spielwiese für seine erziehungswissenschaftlichen Theorien erscheinen. Diese gingen übrigens auf unterschiedliche reformpädagogische Vorstellungen zurück, darunter auch die Maria Montessoris und Rudolf Steiners.
Petersen stellte die Jenaer Universitätsschule unverzüglich in den Dienst der wissenschaftlichen Erprobung seiner reformpädagogischen Konzepte. Seine Erfolge hielt der Schulleiter in der begleitenden "Tatsachenforschung" fest und stellte sie auf Vortragsreisen im In- und Ausland vor. Die Teilnehmer des 4. Kongresses des Weltbundes für Erneuerung und Erziehung 1927 in Locarno gaben dem hier präsentierten Konzept den Namen "Jenaplan".
Vom überzeugten Protestanten zum Nazi-Mitläufer
Nur kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat der international anerkannte Jenaplan-Begründer und überzeugte Protestant dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei und veröffentlichte bis 1944 pronazistische Artikel, in denen er Adolf Hitler als "Erzieher des Volkes" lobte sowie den "Tod fürs Vaterland" feierte. Der Pädagoge unterstützte laut eines Berichtes der taz nicht nur die Eugenik-Gesetze des NS-Regimes und den biologisch begründeten Rassismus, sondern hielt auch propagandistische Vorträge im KZ Buchenwald, mit denen er norwegische Studenten zum Eintritt in die Waffen-SS bewegen wollte.
Nach Kriegsende trat Petersen der SPD bei, später der SED. Doch sollte der Jenaplan-Vater weder in der DDR noch in der BRD wieder Fuß fassen. Das wussten die US-Besatzer zu verhindern und vereitelten unter anderem Petersens Berufung an die Uni Bremen. Am 21. März 1952 starb Peter Petersen in Jena.
Jenaplan-Schulen heute
Auch wenn ihr Begründer seine Reputation dauerhaft verspielt hatte, findet die Jenaplan-Pädagogik bis heute großen Zuspruch. Ihre erste Renaissance hatte sie noch unter sowjetischer Besatzung erlebt. So zählte sie damals zu einem Pflichtbestandteil in der Neulehrerausbildung. Doch wurde die Jenaplanpädagogik nur wenige Jahre später als spätbürgerlich-reaktionär abqualifiziert: 1950 erfolgte die Zwangsschließung der Jenaplanschulen in der DDR. In den Niederlanden hingegen erfreut sich die auf Petersen zurückgehende Pädagogik seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Auch in Deutschland soll es nach Angaben der Gesellschaft für Jenaplan-Pädagogik in Deutschland wieder an die 50 Jenaplan-Schulen geben.


