TV statt Gespräche
Vor einer Wand voll Bildschirmen kauert ein einsames Mädchen. Darüber steht in Großbuchstaben: "Kleine Medienexperten brauchen große Berater". Eines von 70.000 Plakaten, mit denen die Initiative "Mehr Zeit für Kinder e.V." und das Familienministerium vor einigen Jahren auf die Bedürfnisse der kleinen Bundesbürger aufmerksam machen wollten.
Das drastische Bild spiegelt ein Stück harte Realität: Bis zum Ende der 10. Klasse sitzen deutsche Schüler 15.000 Stunden auf der Schulbank - und 18.000 vor der Mattscheibe. Im Schnitt sehen drei- bis 13jährige täglich ca. 100 Minuten in die (Bild-)Röhre. Die "Meister der Glotze" unter ihnen schaffen eine volle Arbeitswoche: Bei rund drei Prozent läuft die Flimmerkiste täglich über fünf Stunden.
Nicht eingerechnet sind die weiteren Unterhaltungsmedien: PC, Gameboy, Playstation und Co. Häufig fehlt den Eltern der Überblick, welche Bilder ihre Kinder konsumieren. 80 Prozent aller Video- und Computerspiele zeigen aggressive Szenen. Doch 87 Prozent der Mütter und 71 Prozent der Väter haben mit ihren Kindern noch nie gemeinsam am PC gespielt.
Elektronische Babysitter
Oft sind die elektronischen Babysitter eine Notlösung, wenn Eltern überlastet sind oder unflexible Betreuungsangebote die Kinder zu so genannten Schlüsselkindern machen. Doch Medien ersetzen keine Gespräche. Bei einer Umfrage unter 15.000 Kindern wünschten sich 91 Prozent, dass ihre Eltern mehr zuhören. Jedes vierte Kind im Vorschulalter leidet unter Verzögerungen der Sprachentwicklung und 15 Prozent aller Schulkinder gelten als verhaltensauffällig.
Materiell geht es Kindern heute so gut wie nie. Keine andere Generation zuvor besaß so viel eigenes Geld, um sich Wünsche zu erfüllen. Laut einer Analyse des Verlags Egmont Ehapa aus dem Jahr 2004 haben die gut sechs Millionen Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 13 Jahren in Deutschland inzwischen eine Kaufkraft von mehr als sechs Mrd. €. Doch jedes dritte Kind verlässt das Haus ohne Frühstück.
Hunger nach Zuwendung
Auch seelisch hungert die Generation, der die Zukunft gehört. Im Durchschnitt beschäftigen sich Mütter mit ihren Kindern unter 12 Jahren am Tag unter einer Stunde, Väter gar weniger als eine halbe Stunde. Den Löwenteil - bei Müttern 45, bei Vätern 16 Minuten - der gemeinsamen verbrachten Zeit verschlingen Verrichtungen wie Waschen, Zähneputzen, Nägelschneiden und Vorlesen. Den Müttern bleiben noch zehn Minuten für Spiel, Sport, Spazieren gehen und zehn Minuten zum Vokabeln abhören. Väter toben mit ihrem Nachwuchs neun Minuten und werfen einen Zwei-Minuten-Blick in die Schulhefte.
Bei einem Wettbewerb der Initiative "Mehr Zeit für Kinder" äußerte jedes dritte Kind den Herzenswunsch, mehr gemeinsame Zeit mit seinen Eltern zu verbringen. Elektronisches Spielzeug ersehnten dagegen nur drei Prozent der 400 kleinen Einsender.

