Leben auf dem Mars?
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Leben auf dem Mars?

Bild: Foto: Flominator (talk), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eine Szene wie aus einem Steven-Spielberg-Film: Mit ernstem Gesicht tritt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vor die Weltpresse und teilt der Menschheit mit, dass zum ersten Mal Spuren von Leben außerhalb der Erde gefunden worden sind. Und zwar auf dem Mars.

Gratisproben vom Mars

Die beschriebene Veranstaltung hat es so ähnlich tatsächlich gegeben: Am 7. August 1996 fand im NASA-Hauptquartier eine kurzfristig einberaumte Pressekonferenz statt. Der damalige Chef der NASA, Daniel Goldin, stellte eine Gruppe von Wissenschaftlern vor, die einen vom Mars stammenden Stein analysiert hatten. Sie gaben bekannt, dass mit großer Wahrscheinlichkeit unser Nachbarplanet einmal primitives Leben getragen hatte. Wenige Minuten vorher hatte Präsident Clinton, der die Ergebnisse schon kannte, erklärt, dass die USA die Suche nach Leben auf dem Mars mit aller Kraft und technologischen Anstrengungen fortsetzen wollten.

Die dazugehörige Geschichte begann vor ca. 15 Millionen Jahren auf dem Mars: Ein ungeheuerer Asteroideneinschlag schleuderte Staub und Steine in die Höhe. Die meisten dieser Teile fielen zurück auf den Marsboden. Die meisten, aber nicht alle. Zufällig war ein Gesteinsbrocken mit einer Geschwindigkeit von mehr als fünf Kilometern pro Sekunde vom Mars abgesprengt worden. Auf der Erde hätte dieser Stein eine riesige Wurfparabel beschrieben und wäre womöglich hunderte von Kilometern weit entfernt auf dem Boden aufgeschlagen. Auf dem Mars aber reichte diese Geschwindigkeit, um den Planeten zu verlassen und um eine Reise in den interplanetaren Raum anzutreten. Unser Stein befand sich also wenige Sekunden nach seinem Auswurf im kalten Vakuum des Weltraums. Da trieb er nun dahin...

Wir kennen seine Bahn nicht genau, aber wir wissen, dass der Stein ungefähr 15 Millionen Jahre unter dem Einfluss der Anziehungskraft von Mars, Jupiter und schließlich auch der Erde in gestörten Bahnen die Sonne umkreiste. Irgendwann im Lauf dieses kosmischen Billardspiels gab es eine kleine zusätzliche Störung, die über das weitere Schicksal des Steins entschied: Die Anziehungskraft der Erde gewann überhand und der Stein fiel mit immer größer werdender Geschwindigkeit auf die Erde zu. Vor ca. 13.000 Jahren schlug er in der Antarktis ein. Dort lag er nun und wartete auf seine Entdeckung.

Am 27. Dezember 1984 fuhr die amerikanische Geologin Roberta Score auf ihrem Snowmobil durch die Eiswüste der Allan Hills. Hier waren im Lauf der Jahre schon mehr als 2000 Meteoriten gefunden worden. Roberta Score gehörte zu einem Team, das das Eis systematisch nach Meteoriten absuchte. An diesem Tag hatte sie Glück: Ihr fiel ein ungefähr kartoffelgroßer dunkler Stein im Eis auf. Sie stieg vom Snowmobil und verpackte den Stein fachgerecht in einer sterilen Plastiktüte. Später gab sie dem Stein eine eindeutige Bezeichnung: ALH84001. ALH steht dabei für den Fundort (Allan Hills), 84 für das Jahr 1984 und die Nummer 001 verweist auf den ersten Platz in der Liste der 1984 dort gefundenen Meteoriten. Hat Roberta Score die Bedeutung des Fundes erahnt und dem Stein deswegen die Nummer 1 zugeteilt, obwohl er doch erst am Ende des Jahres gefunden worden war?

Weitere Jahre vergingen. Erst 1993 interessiert sich wieder jemand für den Stein. David Mittlefehldt, Meteoritenexperte in Houston, nimmt sich den Stein routinemäßig vor. Und er macht eine sensationelle Entdeckung: Der Stein stammt vom Mars! Damit ist ALH84001 der zwölfte seiner Art. Aber im Gegensatz zu seinen Artgenossen ist diese Gratisprobe vom Mars sehr alt. Das Alter des Steins wird auf 4,5 Milliarden Jahre bestimmt. Damit ist ALH84001 älter als jeder Stein auf der Erde! Er ist fast so alt wie das Planetensystem selbst und kann mit einem Datenträger verglichen werden, der seit 4,5 Milliarden Jahren Spuren von Umwelteinflüssen abgespeichert hat. Was kann ALH84001 über sein langes Leben berichten?

Indizien sind keine Beweise

Drei Jahre lang wird ALH84001 nach allen Regeln der Kunst untersucht. Am Ende steht eine Indizienkette, die die „Anhaltspunkte“ für urzeitliches Leben liefert, von denen Präsident Clinton gesprochen hat.

Das Erstaunliche an ALH84001 ist sein hoher Gehalt an Karbonaten, die meist in Form von winzigen Kügelchen entlang von inneren Bruchlinien des Steins gefunden wurden. Diese Kügelchen sind deutlich jünger als der Stein selbst. Ihr Alter wird auf 3 Milliarden Jahre geschätzt. Sie müssen also nachträglich entstanden sein.

Die größten der Karbonatkügelchen sind mit dem bloßen Auge gerade noch zu sehen. Diese Karbonate sind Kohlenstoffverbindungen, die sich bei Temperaturen zwischen null und achtzig Grad Celsius bilden. Bei dieser Temperatur ist Wasser flüssig. Könnte es zur Zeit der Entstehung der Karbonate auf dem Mars flüssiges Wasser gegeben haben? Schließlich werden die meisten irdischen Karbonate unter Wasser gebildet.

Nun untersuchte man mit immer feineren Methoden die Oberfläche der Karbonatkügelchen. Dabei fanden die Wissenschaftler in Houston winzig kleine, längliche Strukturen, die sie Ovoiden nannten. Diese Ovoiden ähneln Mikrofossilien, wie man sie auch in irdischen Gesteinen findet, sind aber sehr viel kleiner. Aber kann es Lebewesen geben, die zehn Mal kleiner als die kleinsten irdischen Einzeller sind?

In den Karbonatkügelchen wurden winzige magnetische Kristalle entdeckt. Solche Magnetite entstehen normalerweise aber erst bei sehr hohen Temperaturen. Wie können die Magnetite in die bei viel niedrigerer Temperatur entstandenen Karbonatkügelchen gekommen sein?

Auf der Erde gibt es eine zweite Möglichkeit für die Bildung solcher Magnetite: Gewisse Einzeller produzieren sie und verwenden sie zur Orientierung. Wenn es solche Lebewesen auch auf dem Mars gegeben hätte, wäre die Existenz dieser Kristalle in den Karbonatkügelchen viel leichter zu erklären.

Schließlich fanden sich erhöhte Konzentrationen von bestimmten organischen Verbindungen gerade an den Rändern der Karbonatkügelchen in der Nähe der Ovoiden. Diese organischen Verbindungen entstehen auf der Erde aus den Resten von Lebewesen. Muss das auf dem Mars auch so gewesen sein?

Auch aus der Sicht der amerikanischen Autoren ist jeder dieser Befunde für sich genommen nicht beweiskräftig. Aber in ihrer Kombination deuten sie auf die Möglichkeit hin, dass es auf dem Mars vor ca. 3 Milliarden Jahren flüssiges Wasser und primitivstes Leben gegeben haben kann.

Die Euphorie der amerikanischen Wissenschaftler ist nicht nach Europa übergeschwappt. Hier überwog von Anfang an die Skepsis und in den letzten Jahren ist es auch in den USA ruhig um ALH84001 geworden. Wenn das Glück den Marsforschern nicht noch einmal eine Gratisprobe beschert, bleibt wohl nichts anderes übrig als an Ort und Stelle weiterzusuchen.


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