Die Niederländer haben es vorgemacht: In Amsterdam gibt es schon lange ganze Siedlungen von Domizilen, die teilweise kaum mehr an das klassische Boot erinnern. Die schwimmenden Plattformen sind großzügig bemessen und haben moderne Designs. Große Fenster zum Wasser hin und eine geräumige Dachterrasse machen das Wohnen auf dem Wasser vor allem im Sommer zu einer Art Urlaub im Alltag.
Allerdings: In den Städten sind die Liegeplätze für solche Hausboote sehr begrenzt. Dort hat man zwar die nötige Infrastruktur, wie Stromanschlüsse und sogar eine Verbindung zur Wasserversorgung, dafür die Chance, einen bezahlbaren Platz zu ergattern ist eher gering. Viele würden deshalb gerne weiter hinaus aufs Land ausweichen – dort gibt es schließlich genügend Flüsse und Seen, die sich für ein schwimmendes Haus eignen würden.
Autark bei Wasser, Strom und Wärme
Bisher aber ist dies nur schwer möglich, denn dafür bräuchte man ein schwimmendes Haus, das nicht nur elegant aussieht, sondern sich selbst mit Wasser, Strom und Wärme versorgt. "Solche energieautarken schwimmenden Häuser gibt es noch nicht", sagt Matthias Klingner vom Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden. Er und seine Kollegen sind gerade dabei, in einem Gemeinschaftsprojekt ein solches autarkes Haus zu entwickeln. Bis 2017 wollen die Forscher und Techniker auf dem Geierswalder See nordwestlich von Hoyerswerda ein solches Haus bauen
Das Lausitzer Seenland bietet sich hierfür an, denn es ist mit 23 Seen und einer Fläche von 13.000 Hektar das größte künstliche Seengebiet Europas. Das Lebensgefühl auf dem Wasser soll der Landschaft im ehemaligen Braunkohlen-Tagebau in den kommenden Jahren zu mehr Anziehungskraft und wirtschaftlichem Erfolg verhelfen. Bisher aber sind viele Seen in der Lausitz von Infrastrukturen wie Wasser- und Energieversorgung abgeschnitten. "Für dieses Umfeld wollen wir eine Lösung finden", sagt Klingner.
Solarzellen und Akkus in der Hauswand
Einen Entwurf gibt es schon – und der ist alles andere als mickrig: Das Haus auf dem 13 mal 13 Meter großen Stahlponton erstreckt sich über zwei Ebenen: Das Erdgeschoss umfasst 75 Quadratmeter Wohnfläche, das Obergeschoss weitere 34 Quadratmeter. Auf der 15 Quadratmeter großen Terrasse überblickt man den gesamten See. Für angenehme Temperaturen im Sommer sorgt eine begrünte Seitenfläche des Hauses: Die in diesem Minigewächshaus entstehende Verdunstungskälte kühlt die Gebäudehülle.
Das Haus verbindet dabei moderne Architektur und Bautechnik mit hoch effizienter Anlagen- und Gebäudeausstattung. So werden beispielsweise Solarzellen direkt mit in die Gebäudehülle integriert. Die tagsüber erzeugte Energie wird dann in leistungsfähigen Lithium-Polymer-Akkumulatoren gespeichert. Um Platz zu sparen, werden auch diese Batteriesysteme in das Haus selbst integriert: Sie sind in den Textilbetonwände oder Treppenelementen eingebaut – und damit quasi unsichtbar.
Kristalle im Kamin als Wärmespeicher
Für wohlige Wärme an eisigen Wintertagen sorgt ein Salzhydrat-Kamin: Oberhalb des Feuers befindet sich eine wassergefüllte Wanne mit dem kristallinen Material. Das Besondere an dem Salzhydrat: Es enthält in seinem Kristallgitter viel gebundenes Wasser, ist aber im Normalzustand fest. "Brennt das Feuer, werden die Salzhydrate flüssig und nehmen Wärme auf", erklärt Burkhard Faßauer. Sie speichern damit die Energie des Kaminfeuers. Sind sie vollständig verflüssigt, lässt sich diese Wärmeenergie zeitlich nahezu unbegrenzt speichern.
Um die Wärme bei Bedarf wieder freizusetzen, werden funkbasierte Kristallisationsauslöser verwendet. Das Prinzip kennt man von Taschenwärmern: Die Kristallisation löst ein geknicktes Metallblättchen aus, so dass der Taschenwärmer fest wird und Wärme abgibt. Erhitzt man ihn im Wasser, wird er wieder flüssig und speichert Wärme bis zum nächsten Knicken.
Allerdings reicht ein solcher Kamin allein nicht aus, um das schwimmende Haus den Winter über zu heizen. Hier hilft ein sogenannter Zeolithspeicher im Ponton weiter: Ähnlich wie die Salzhydrate binden diese Minerale ebenfalls viel Wasser, sie werden aber nicht flüssig. Stattdessen speichern sie Energie, indem ihnen durch Trocknen das Wasser entzogen wird – das passiert im schwimmenden Haus im Sommer durch die Sonnenwärme. "Und im Winter reicht feuchte Luft aus, damit der Speicher Wärme abgibt", erklärt Faßauer.
Mini-Kläranlage im schwimmenden Ponton
Auch um die Wasserversorgung im Hausboot kümmern sich die Experten. "Wir entwickeln und erproben zurzeit ein geschlossenes Kreislaufsystem für Trink- und Brauchwasser", erklärt Faßauer. Das schwimmende Domizil soll dafür eine eigene kleine Kläranlage erhalten. Dafür setzen die Wissenschaftler auf eine Kombination aus keramischen Membranen und verschiedenen Reinigungsprozessen mit Hilfe von Strom und Licht. Das Wasser strömt durch diese Anlagen hindurch und wird dabei gefiltert und von Schmutzstoffen gereinigt.
Während an Land das Abwasser immer auch biologisch behandelt wird und nützliche Bakterien dabei organische Schadstoffe abbauen, ist dieser Prozess auf einem schwimmenden Haus nicht möglich. "Wir sind auf physikalische und chemische Methoden angewiesen. Da bietet die Keramik sehr effiziente Möglichkeiten, um Prozesse wie Photokatalyse, Elektrochemie und Filtration auf engstem Raum zusammenzubringen", erklärt Faßauer. Die gesamte Technik für das Kreislaufsystem soll im Ponton unter dem Haus untergebracht werden.
Das energieautarke Hausboot ist natürlich nicht ganz billig und sicher nicht s für die breite Masse. Aber die in ihm getesteten Systeme und Anlagen könnten dazu beitragen, künftig auch normale Häuser energiesparender und autarker zu machen. Für das Hausboot auf dem Geierswalder See könnte der Bau schon im Sommer 2016 beginnen.




