Neuer Freizeitspaß
Da fallen dem Fahrer des blauen Porsches glatt die Augen aus: Das Gefährt, das sich neben der Straße über die Eisenbahngleise quält, erinnert an einen Planwagen. Und auch die beiden Männer mit den Cowboyhüten, die immer wieder kräftig auf zwei große Hebel drücken, scheinen einem Wildwestfilm entsprungen zu sein..
Doch was der Autofahrer da auf den Schienen zwischen Töpchin und Mittenwalde südlich von Berlin sieht, ist keine Szene vom „Schuh des Manitu“, sondern ein neuer Freizeitspaß auf einem alten Vehikel namens Draisine.
Benannt sind die Schienenfahrzeuge nach dem Erfinder Freiherr Drais von Sauerbronn (1785 - 1851), dem wir auch das Fahrrad zu verdanken haben. Benutzt wurden sie damals von Gleisbauarbeitern, um Strecken zu bauen oder zu erneuern.
In Zeiten von Auto und ICE legt die Deutsche Bahn jedoch jedes Jahr einige Bahnnebenstrecken still. Diese Gleise verrotten - oder werden von pfiffigen Unternehmern gekauft. Schon gibt es fünf Draisinen-Strecken in Deutschland: im Norden und Süden Berlins, in Schleswig-Holstein, im Extertal (bei Hannover) und in der Pfalz. In Planung für 2002 sind die Touren Jüterbog - Zossen und Tiefensee - Wriezen (beides um Berlin).
Handhebel- oder Fahrraddraisine?
Fortbewegt werden die Draisinen mittels Handhebel oder Fußpedalen. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung! Denn die Handhebeldraisinen sind fast 500 Kilogramm schwer und bieten Platz für bis zu 14 Personen. Zwei von ihnen müssen schuften: auf und nieder, immer wieder drücken die beiden auf die Handhebel. Schon nach kurzer Zeit stehen die Schweißtropen auf der Stirn oder perlen langsam den Rücken herunter. Doch es darf ja getauscht werden...
Weniger anstrengend ist dagegen die Tour mit der Fahrraddraisine, die nur etwa 80 Kilo wiegt. Rechts und links ein Fahrrad, dessen Räder über die Schienen zuckeln, und dazwischen eine Holzbank (Kissen mitnehmen!) mit Platz für zwei Kinder (Kopfbedeckung und Sonnenmilch!) oder schmale Erwachsene, so sieht eine Fahrraddraisine aus. Höhe des Sitzes und Lenkers können leicht auf die Körpergröße des Fahrers eingestellt werden. Doch der geringe Abstand zwischen Sattel und Lenker bleibt, so dass die Sitzposition an das gute alte Klappfahrrad erinnert. Auch, weil es meist nur einen Gang gibt.
Möchte man mal eine Pause machen oder den Hintermann vorbeilassen, lässt sich die Draisine mühelos an den Haltepunkten unterwegs aus den Schienen heben. Extra für Stopps sind neben der Strecke kleine Holzplattformen errichtet, auf die das Gefährt - selbst von zwei Frauen - gezogen werden kann.
Keine Draisinentour ohne Verkehrsregeln
Doch so ganz ohne Verkehrsregeln kommt auch eine Draisinentour nicht aus. Vorfahrt hat der normale Verkehr. (© Sylvia Raschke)
An beschrankten Bahnübergänge wird die rot-weißen Stangen mal nicht über die Straße gelegt, sondern quer über die Bahngleise. Da muss einmal kräftig auf die Backenbremse getreten werden, um die Draisine zu stoppen. Ein Reisender steigt ab und hebt die Bahnschranke an, die mehrere Kilo wiegen kann. Dann gehts locker unter der Schranke durch, nochmals auf vorbeifahrende Autos achten und die Straße überqueren - auf der anderen Seite wiederholt sich die Prozedur.
Noch vorsichtiger sollte man sich den unbeschrankten Bahnübergängen nähern, die nur über kleine Feldwege führen. Denn die Draisinen rattern so laut, dass Autos erst in Sichtweite wahrgenommen werden.
Draisinenstrecken: Qual der Wahl
Und welche Draisinenstrecke ist die Richtige? Wir stellen die fünf deutschen Strecken vor. Bitte reservieren Sie rechtzeitig Ihren Wunschtermin.
Töpchin - Mittenwalde (südlich von Berlin)
Ob Fahrrad- (bis vier Personen) oder Handhebeldraisine (bis zu 14 Mitfahrer) - die Draisinenbahn südlich von Berlin bietet als einzige beides an. Drei Stunden haben die Mieter für die 11,8 Kilometer lange Strecke von Töpchin nach Mittenwalde Zeit, die hin- und zurückbefahren wird. Das Gleis verläuft parallel zu einer Straße, kreuzt Wald und Wohngebiet und führt an einem Fußballplatz vorbei. Dort rufen die Fans den Draisinenfahrern gern aufmunternde Worte zu, denn diese müssen sich gerade die einzige Steigung hinaufquälen. Damit das witzige Gefährt an den vielen Schranken besser gesehen wird, zieht ein Mitfahrer eine orangefarbene Eisenbahnerweste an. Pro Teilnehmer kostet die Tour in der Woche 12,78 Euro, am Wochenende 15,34 Euro - egal, auf welcher Draisine.
Wer möchte, kann am Bahnhof Töpchin übrigens auch in einem ehemaligen Bauzugwagen der Deutschen Reichsbahn übernachten.
Schmilau - Hollenbek (südlich von Lübeck)
Große Handhebeldraisinen rollen auch in Schleswig-Holstein. Auf der Strecke der ehemaligen „Rübenbahn“ zwischen Schmilau und Hollenbek (in dieser Richtung wird vormittags, in der Gegenrichtung nachmittags gefahren) ist ein Draisinenführer (mit Führerschein!) dabei, der beim Absichern der Straßenübergänge hilft. Auch in Hollenbek stehen alte Eisenbahnwaggons zur Übernachtung bereit. Die Draisinentour dauert 150 Minuten und kostet 13 Euro pro Person (Mindestteilnehmerzahl zehn Personen).
Fürstenberg - Templin (nördlich von Berlin)
Mit einer Fahrraddraisine kann die Route Fürstenberg - Templin etwa 75 Kilometer nördlich von Berlin befahren werden. Da die Tour mitten durch ein Seengebiet geht, bieten sich Picknick- und Badepausen geradezu an. Für insgesamt elf Haltepunkte hat der Vermieter an der 30 Kilometer langen Strecke gesorgt, aber für keine Toilette. Die gibt’s nur in den Restaurants.
Los geht’s an Tagen mit ungeradem Datum in Fürstenberg, an Tagen mit geradem Datum in Templin, denn die Gleise werden nur in eine Richtung befahren. Unter der Woche kostet eine der 30 Draisinen 46 Euro pro Tag (9 bis 18 Uhr), am Wochenende und feiertags 49 Euro. Der Preis schließt den Bustransfer zwischen Fürstenberg und Templin mit ein.
Da der Bus nur alle zwei Stunden fährt und 50 Minuten benötigt, sollten Kleingruppen überlegen, ob sie nicht ein Auto am Zielort deponieren.
Staudernheim - Altenglan (Pfälzer Bergland)
Erst eine Draisinenstrecke liegt im Süden Deutschlands. 40 Kilometer ist die eingleisige Strecke, die entlang des Flüsschens Glan durch die Pfalz führt. Die pedalgetriebenen Draisinen können an Tagen mit geradem Datum in Staudernheim, an ungeraden Tagen in Altenglan angemietet werden. Wer möchte, kann während der Tour eine Weinprobe machen oder eine Kunstausstellung besuchen. Eine Fahrraddraisine ist von Montag bis Freitag für 35 Euro/Tag zu haben, am Wochenende und Feiertags für 39 Euro.
Rinteln/Süd - Alverdissen (Extertal, bei Hannover)
Die einzige Fahrraddraisine mit Siebengangschaltung düst im Extertal. 18 Kilometer ist die Strecke lang, die im Sommer 2001 zwischen Rinteln/Süd und Alverdissen eröffnet wurde. Start ist ab 9.30 Uhr in Rinteln. Ab 15 Uhr wird wieder zurück gestrampelt, egal, wo man sich gerade befindet.
Die Fachhochschule Bielefeld hat diesen Draisinentyp entwickelt, der mit modernster Elektronik ausgestattet ist. So öffnen sich wie durch Geisterhand die Bahnschranken an den Übergängen, wenn sich eine Draisine nähert. Dennoch ist der Spaß nicht teurer als anderswo: in der Woche sind 40 Euro/pro Tag zu zahlen, am Wochenende und feiertags 44 Euro.




