Eine in der Fachzeitschrift Advances in Archaeological Practice (AAP) veröffentlichte Studie weist systematische Verzerrungen in archäologischen Museumssammlungen nach. Angela Huster führte 2013 eine Fallstudie durch, in der sie Spinnwirtel einer Ausgrabungsstätte mit den Beständen zweier Museumssammlungen verglich. Das Ergebnis: Museen bevorzugen bei der Auswahl von Artefakten bestimmte Objekte und vernachlässigen andere systematisch.
Spinnwirtel – kleine Gewichte, die historisch zum Spinnen von Fäden verwendet wurden – eignen sich als Untersuchungsobjekt besonders gut. Sie kommen in großer Zahl vor und variieren stark in Größe, Material und Form. Genau diese Eigenschaften machten sie für Huster zur idealen Vergleichsgruppe, um Selektionsmuster zu identifizieren.
Ästhetik vor Repräsentativität
Die Analyse ergab, dass Museen tendenziell ästhetisch ansprechendere oder besser erhaltene Stücke auswählen. Diese Präferenz führt dazu, dass die Sammlungen nicht repräsentativ für die tatsächlich geborgenen Funde sind. Mundane, beschädigte oder unscheinbare Objekte bleiben systematisch unterrepräsentiert – obwohl sie möglicherweise häufiger im archäologischen Befund auftreten.
Die Konsequenzen dieser Verzerrung reichen weit. Museumssammlungen dienen vielfach als Forschungsgrundlage für Studien zur materiellen Kultur vergangener Gesellschaften. Wenn diese Sammlungen jedoch keine zufällige oder vollständige Stichprobe darstellen, sondern durch ästhetische Kriterien vorgefiltert sind, können darauf basierende wissenschaftliche Schlüsse verzerrt sein.
Methodik zur Quantifizierung von Bias
Huster entwickelte eine Methodik, mit der Archäologen solche Biases in Sammlungen identifizieren und quantifizieren können. Der Ansatz beruht auf dem systematischen Vergleich von Ausgrabungsfunden mit Museumsbeständen derselben Fundorte oder Kulturkomplexe. Durch statistische Analyse lassen sich Abweichungen in der Verteilung von Merkmalen wie Material, Größe, Verzierung oder Erhaltungszustand nachweisen.
Die Studie liefert damit ein Werkzeug, um die Repräsentativität von Sammlungen zu überprüfen. Dies ist besonders relevant für Forschungsfelder, die auf Museumsbestände angewiesen sind – etwa weil Originalgrabungen nicht mehr zugänglich sind oder die Funde nicht vollständig publiziert wurden.
Fragen zur Aussagekraft von Sammlungen
Die Ergebnisse werfen grundlegende Fragen zur Repräsentativität von Museumssammlungen als Forschungsgrundlage auf. Wenn Sammlungen systematisch bestimmte Objekttypen bevorzugen, entsteht ein verzerrtes Bild der Vergangenheit. Wissenschaftler und Öffentlichkeit sehen nicht, wie die materielle Kultur tatsächlich aussah, sondern eine durch ästhetische Filter bearbeitete Version.
Dies betrifft nicht nur die Archäologie. Auch naturhistorische, ethnografische und technische Sammlungen könnten ähnlichen Verzerrungen unterliegen. Überall dort, wo Kuratoren Auswahlentscheidungen treffen – ob bewusst oder unbewusst –, besteht das Risiko systematischer Biases.
Kritische Auseinandersetzung mit Sammlungsgeschichte
Die Arbeit ist ein Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte archäologischer Sammlungen und ihrer Aussagekraft. Sie lenkt den Blick auf einen oft übersehenen Aspekt: Museumssammlungen sind nicht neutrale Archive, sondern das Ergebnis zahlreicher Entscheidungen, die von unterschiedlichen Interessen, Ressourcen und Geschmäckern geprägt sind.
Für die Forschungspraxis bedeutet dies, dass Wissenschaftler die Provenienz und Auswahlkriterien von Sammlungen stets mitreflektieren müssen. Eine unkritische Nutzung von Museumsbeständen als Datengrundlage kann zu falschen Schlüssen über Häufigkeiten, Nutzungsmuster oder kulturelle Präferenzen führen.
Ausblick: Transparenz und Dokumentation
Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, Auswahlkriterien bei der Sammlungsbildung transparent zu dokumentieren. Nur wenn nachvollziehbar ist, nach welchen Kriterien Objekte in eine Sammlung aufgenommen oder ausgeschlossen wurden, lässt sich ihre Aussagekraft wissenschaftlich bewerten.
Ob und wie Husters Methodik seit 2013 von anderen Forschern oder Institutionen aufgegriffen wurde, bleibt offen. Die grundlegende Herausforderung jedoch bleibt bestehen: Wie lässt sich sicherstellen, dass Museumssammlungen als verlässliche wissenschaftliche Quellen dienen können – ohne dass ästhetische oder andere Selektionsverzerrungen das Bild der Vergangenheit verfälschen?




