Der Tausch besiegelt ein Kriegsbündnis zwischen Russland und Preußen gegen Schweden: 55 stattliche Soldaten mit Gardemaß verlassen Russland in Richtung Potsdam und im Gegenzug bekommt Zar Peter der Erste die teuerste Tapete der Welt: In 18 Kisten verpackt wechselt das Bernsteinzimmer anno 1716 seinen Besitzer und gelangt von Berlin nach St. Petersburg. Über 200 Jahre lang ist der ursprünglich im Auftrag von Preußenkönig Friedrich I. für das Schloss Charlottenburg entstandene Raum mit der barock anmutenden Wandtäfelung und Möbeln aus Bernsteinelementen zunächst Teil des Sommerpalais, später des Katharinenpalastes bei St. Petersburg.
Doch im Herbst 1941 reißen die deutschen Besatzer die Wandverkleidungen und das Interieur als Kriegsbeute an sich. Ab dem 14. Oktober demontieren sie das Zimmer innerhalb von 36 Stunden und stellen es anschließend im Schloss der ostpreußischen Stadt Königsberg aus. Von dort verschwindet das Bernsteinzimmer wenige Jahre später spurlos. Seitdem ranken sich Gerüchte, Mythen und Verschwörungstheorien um seinen Verbleib. Ist es verbrannt? In einem U-Boot gesunken? Wurde es in Einzelteilen verscherbelt? Oder liegt es noch immer sorgsam verpackt an einem Ort, den es nur zu finden gilt?
Verschollenes Meisterwerk
Klar ist nur eins: Mit dem Bernsteinzimmer ist ein innenarchitektonisches und handwerkliches Meisterwerk verschwunden – für manche ist es gar das "achte Weltwunder". Nicht nur raffinierte Wand- und Deckenschnitzereien aus dem fossilen Harz, das im 18. Jahrhundert noch als wertvoller Edelstein gilt, werden wahrscheinlich in der Nacht vom 27. August 1944 zum letzten Mal gesehen.
Auch bernsteinverzierte und vergoldete Leuchter, kunstvolle Kommoden, Wandspiegel und Mosaike gelten der gängigen Theorie zufolge seit jenen Angriffen als verschollen, bei denen britische Bomber das heutige Kaliningrad in Schutt und Asche legten und das Stadtschloss niederbrannte. Spätestens jedoch seit der Schlacht um Königsberg im Jahr 1945 scheint das Bernsteinzimmer verschwunden zu sein – damals wurde das Schloss erneut stark beschädigt und Königsberg fiel schließlich an die Rote Armee.
Verbrannt…
Doch was ist mit dem Bernsteinzimmer passiert? Belegt ist, dass der Direktor der städtischen Kunstsammlungen, Alfred Rohde, das Zimmer in weiser Voraussicht bereits Monate vor der Bombennacht demontieren und in einem bombensicheren Kellergewölbe des Schlosses lagern ließ. Ob das wertvolle Zimmer aber in den Bunkern blieb oder schließlich woanders versteckt oder gar außer Landes gebracht wurde, lässt sich bis heute nicht rekonstruieren.
Nach der Zerstörung Königsbergs entsteht zunächst die Theorie, das Bernsteinzimmer sei mit dem Schloss verbrannt. Man findet verkohlte Reste in den Trümmern – Türscharniere, Fragmente von Paneelen und Verzierungen, angeblich Teile des Bernsteinzimmers. Doch zahlreiche Fahnder fördern im Laufe der Jahre immer neue Indizien zutage, mit deren Hilfe sie die Verbrennungstheorie zu widerlegen vermeinen.
…oder gerettet?
Vor allem sind dies Schnitzereien aus Bernstein oder Möbel, die in Auktionen auftauchen und dem Bernsteinzimmer zugeschrieben werden. Tatsächlich beschlagnahmen deutsche Polizeibeamte in den 1990er Jahren auch eine Kommode und ein Steinmosaik, die dem Bernsteinzimmer sicher zugeordnet werden können. Diese sollen jedoch bereits vor der Ankunft in Königsberg gestohlen worden sein und demzufolge nichts über den Verbleib des restlichen Zimmers verraten.
Immer wieder neue Deutungen von Dokumenten der Nachkriegszeit befeuern die kontroverse Debatte zusätzlich – zum Beispiel das Tagebuch des Geschichtsprofessors Alexander Brjussow. Er war Leiter der ersten russischen Suchkommission, die nach der Eroberung nach Kunstschätzen fahndete. Aus seinen Notizen wurde mittlerweile sowohl die Verbrennung als auch die Rettung des Bernsteinzimmers herausgelesen.
Suche nach Verstecken
Die Gegner der Verbrennungstheorie haben verschiedene Ideen, was mit dem Zimmer nach seinem Verschwinden passiert sein könnte. Dabei berufen sie sich im Wesentlichen auf eine der drei folgenden Annahmen: Eine Theorie geht davon aus, dass das Bernsteinzimmer Königsberg nie verlassen hat und noch immer dort versteckt ist. Zwei weitere Hypothesen vermuten, das Zimmer sei auf Reisen gegangen – und dabei entweder zerstört worden oder an einem sicheren Ort außerhalb Königsbergs angekommen.
Heerscharen an Wissenschaftlern und Hobby-Forschern haben in den vergangenen sieben Jahrzehnten deshalb nahezu überall nach dem sagenumwobenen Zimmer gesucht. Einer, der sich immer wieder nah an der Lösung des Rätsels sah, war der Staatssicherheitsdienst der DDR. Sein berühmtester Fahnder, Oberstleutnant Paul Enke, untersuchte seinerzeit über 150 vermeintliche Verstecke auf dem Territorium der damaligen Deutschen Demokratischen Republik – dem Staat bescherte das Kosten in Millionenhöhe.
Geheimkammer in Polen?
Bernsteinzimmersucher Hans Stadelmann dagegen forschte in thüringischen Katakomben bei Weimar nach dem Bernsteinzimmer. Bürgermeister Hans-Peter Haustein vermutet das Bernsteinzimmer ebenfalls im Erzgebirge. Er sucht in dem 1200-Einwohner-Ort Deutschneudorf nahe der tschechischen Grenze seit 1998 nach dem verschollenen "Weltwunder". Sein Ansatzpunkt: Berichte seines Vaters, der in einer geheimnisvollen Kladde angeblich von zahlreichen vergrabenen Kisten am alten Güterbahnhof des Dorfes schreibt.
Auch Tunnel in Wuppertal und Dünen der Kurischen Nehrung werden als mögliche Verstecke gehandelt. Eine aktuelle Spur führt hingegen nach Mamerki in Polen: Ein Bodenradar hat dort im Frühjahr dieses Jahres in einem Bunker der ehemaligen Wehrmachtsanlage Mauerwald wahrscheinlich eine bisher unbekannte Geheimkammer aufgespürt. Sie soll in der Schlussphase des Krieges errichtet worden sein, womöglich, um geraubte Schätze der Nationalsozialisten zu verbergen. Die Polen wollen nun nach Hinweisen auf das Bernsteinzimmer bohren – Nachrichten über einen sensationellen Fund sind bislang aber ausgeblieben.
Prunkvolle Kopie
Obwohl das Bernsteinzimmer verschollen bleibt, kann es seit 2003 wieder bewundert werden: Dank jahrelanger Arbeit von Wissenschaftlern und Handwerkern ist das Zimmer als originalgetreue Rekonstruktion an seinen angestammten Platz im Katharinenpalast zurückgekehrt und erstrahlt dort fast wie in alten Zeiten. Der rund hundert Quadratmeter große Raum besteht aus mehr als einer halben Million Einzelteilen, für die insgesamt sechs Tonnen Bernstein verarbeitet wurden. Doch auch wenn es seit nunmehr dreizehn Jahren wieder ein elfenbeinfarben bis tiefrot schimmerndes Zimmer voll mit dem "Gold der Ostsee" gibt – der abenteuerlichen Suche nach dem Original tut das keinen Abbruch.


