„Katrina“ bildet sich während der atlantischen Hurrikansaison 2005 als Tropensturm über den Bahamas. Was unter dem schlichten Namen Nummer 12 zunächst als scheinbar unbedeutendes Tiefdrucksystem aus Wolken, Schauern und Gewittern beginnt, verstärkt sich rasant: Am 25. August wird „Katrina“ erstmals als Hurrikan klassifiziert und zieht über Miami weiter zum Golf von Mexiko. Über dem warmen Wasser erreicht der Hurrikan die Stufe 5 – mit Windböen über 300 km/h wird „Katrina“ zu einem der heftigsten Wirbelstürme, die je in der Region registriert wurden. In den frühen Morgenstunden des 29. August trifft „Katrina“ schließlich 20 Meilen östlich von New Orleans auf Land. Dabei schwächt sie sich zwar etwas ab, löst mit ihrer verbleibenden Energie aber trotzdem gewaltige Schäden aus.
Besonders schwer trifft es den Großraum um New Orleans. Der Stadt wird zum Verhängnis, dass ein Großteil ihrer Fläche unter dem Meeresspiegel liegt. Als Windgeschwindigkeiten mit bis zu 200 km/h eine meterhohe Flutwelle in die Kanäle der Stadt drücken, läuft New Orleans mit Wasser voll: Schließlich brechen Deiche und Dämme, 80 Prozent des Stadtgebiets wird überflutet. Viel mehr Zerstörung als der Hurrikan selbst, verursacht die Flut, die nach ihm kommt.
Ausnahmezustand nach dem Sturm
Wetterdienste haben schon Tage vor dem Landgang „Katrinas“ vor dem Hurrikan und seinen Folgen gewarnt. Am 27. August verordnet der Bürgermeister schließlich die Evakuierung der Stadt und angrenzender Gebiete. Dennoch bleiben mehr als 100.000 Menschen vor Ort. Tausende von ihnen suchen Zuflucht in dem großen Stadion von New Orleans, dem Superdome. Andere verharren nach dem Sturm auf ihren Häuserdächern und warten auf Rettung. Die Hilfsmaßnahmen kommen jedoch auch nach Tagen nur zögerlich in Gang. Experten werden das Verhalten der lokalen und regionalen Behörden später als unkoordiniert bezeichnen, ihnen Versagen vorwerfen. „The system broke“, beschreibt eine Katastrophenforscherin der University of South Carolina die Situation. Ein System, das es tagelang nicht schaffe, Wasser und Nahrung zu den Bedürftigen zu bringen, sei „kaputt “.
Tatsächlich herrscht in den Tagen und Wochen nach „Katrina“ in den betroffenen Gebieten der Ausnahmezustand: Unzählige Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf, es fehlt an sauberem Trinkwasser, gibt keinen Strom. In ihrer Not sehen sich viele Menschen gezwungen, in Geschäften nach Lebensmitteln und Wasser zu suchen. Die Situation wird aber auch ausgenutzt, um Schmuck- und Bekleidungsläden zu plündern. Es kommt zu Morden und Vergewaltigungen, Polizisten werden beschossen. Die Regierung greift deshalb zu einer drastischen Maßnahme: Am 1. September wird in New Orleans das Kriegsrecht verhängt. Die Gouverneurin von Louisiana fordert die Nationalgrade auf, Plünderer zu erschießen.
Der Katastrophe folgt die Krise
„Katrina“ zwingt die Menschen zu einem Neuanfang. Die Bilanz des Hurrikans ist desaströs: Insgesamt sind durch „Katrina“ 1.800 Personen ums Leben gekommen und geschätzt eine Million zu Obdachlosen geworden. Die verursachten Sachschäden belaufen sich auf über 100 Milliarden US-Dollar. Und wirtschaftlich hat die Naturkatastrophe weitaus größere Schäden angerichtet als die Anschläge vom 11. September. So hat „Katrina“ unter anderem 30 Bohrinseln im Golf von Mexiko beschädigt oder zerstört, ebenso wie viele Pipelines. Als Folge muss die dortige Ölproduktion für sechs Monate eingestellt werden, der Rohölpreis erreicht an der New Yorker Börse historische Höchststände. Es kommt zu einer Energiekrise. In den Wochen nach „Katrina“ wird Treibstoff deshalb vor allem im mittleren Süden stark rationiert, was auch viele Geschäfte dazu zwingt, geschlossen zu bleiben – vor allem Fast Food-Lokalen in Louisiana, Mississippi und Alabama fehlen für Personal und Produkte die nötigen Transportmöglichkeiten. Auch ein Jahr nach dem Sturm sind Teile der Öl- und Gasfördermengen noch nicht wiederhergestellt, weil die notwendigen Reparaturmaßnahmen andauern.
Weitreichende Folgen für die Bevölkerung
Viele Folgen der verheerenden Katastrophe sind insbesondere in New Orleans auch Jahre später noch spürbar. So sind nicht nur Umwelt und Infrastruktur durch den Hurrikan nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen worden, sondern auch die Gesundheit der verbliebenen Einwohner. Wie eine Studie anhand von Daten des Tulane University Hospitals in New Orleans zeigt, war der Anteil der Herzinfarktpatienten vier Jahre nach „Katrina“ dreimal so hoch wie vor dem Hurrikan. Die Autoren führen diesen Zustand unter anderem auf die psychische Belastung durch das ständige Leben in provisierten Unterkünften zurück. Denn Jahre nach dem Hurrikan leben viele Bürger immer noch bei Verwandten, in Wohnwagensiedlungen oder in Containern.
Andere sind vor Katrina geflohen und nicht wieder zurückgekehrt. Im Frühjahr 2008 zählt New Orleans 270.000 Einwohner – vor dem Hurrikan waren es 440.000. Mit den Gebäuden, die der Sturm zerstört hat, sind die Menschen verschwunden. Dabei sind weiße und schwarze Teile der Bevölkerung unterschiedlich stark betroffen. Ein Großteil der Stadtteile, in denen vor „Katrina“ vor allem Afroamerikaner gelebt haben, hat den Hurrikan nicht überstanden. Sie waren den Naturgewalten schlicht am stärksten ausgeliefert, schlecht geschützt vor Wasser und Wind. Durch „Katrina“ hat New Orleans Experten zufolge die Hälfte seiner schwarzen Bevölkerung verloren, ist die Stadt weißer geworden.
Und heute?
Zehn Jahre nach „Katrina“ hat sich New Orleans langsam von seinem Trauma erholt, auch wenn Wunden bleiben: Denn immer noch gibt es in der Stadt zerstörte und verlassene Häuser. Zum Gedenken an einzelne Opfer sind über die Stadt verteilt zahlreiche kleine Gedenkstätten entstanden, die im Alltag an die Katastrophe erinnern. An vielen Orten aber herrscht wieder Normalität. So zählt die Stadt seit 2014 wieder mehr als 350.000 Einwohner und auch die Touristenzahlen haben Ende 2014 erstmals wieder den Stand von vor „Katrina“ erreicht.

