Deutschland, 29. Oktober 2026 – Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland zeigt erste Erholungszeichen nach dem Pandemie-Tief, doch das Vertrauen in staatliche Institutionen stürzt auf ein gefährliches Rekordtief. Mit nur 37 von 100 möglichen Punkten beim Institutionenvertrauen und katastrophalen 25 Punkten beim Gerechtigkeitsempfinden zeichnet der neue ReligionsMonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung das Bild einer Gesellschaft, die sich auf private Netzwerke zurückzieht – weil der Staat als verlässlicher Anker ausfällt.
Die repräsentative Befragung unter mehr als 5.000 Erwachsenen in Deutschland ergab einen Gesamtwert von 51 Punkten auf einer Skala von 0 bis 100 für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – das ist eine Erholung gegenüber dem Tiefstand von 46 Punkten im Jahr 2023, liegt aber immer noch deutlich unter den 55 Punkten aus dem Vor-Pandemie-Jahr 2020. Die Studie wurde von der Bertelsmann Stiftung durchgeführt und von Klaus Boehnke, Professor für Sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Constructor University, mitverfasst.
Was bedeutet gesellschaftlicher Zusammenhalt?
Gesellschaftlicher Zusammenhalt beschreibt, wie stark sich Menschen miteinander und mit der Gesellschaft verbunden fühlen. Die Bertelsmann-Studien messen dieses Phänomen seit 2017 anhand von neun Dimensionen in drei Kernbereichen: soziale Beziehungen, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung – also wie sehr Menschen bereit sind, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen.
Doch die aktuelle Erhebung zeigt eine beunruhigende Spaltung: Während sich die Werte in den Bereichen soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung verbessert haben, stagniert die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen bei niedrigen 44 Punkten. Die Einzelwerte für Institutionenvertrauen und Gerechtigkeitsempfinden liegen bei gefährlich niedrigen 37 beziehungsweise 25 Punkten.
Ist die Erholung nur eine Illusion?
Professor Boehnke warnt davor, die Zahlen vorschnell als Trendwende zu interpretieren.
"Ich sehe den Wert von 51 nicht so sehr als Erholung, sondern als Hinweis darauf, dass der Gesellschaftliche Zusammenhalt möglicherweise immer noch einem milden, aber beunruhigenden Abwärtstrend im Vergleich zu den Werten vor der Pandemie folgt"
— Prof. Klaus Boehnke, Constructor University
Die Corona-Pandemie habe als Jahrhundertereignis fast jeden Aspekt des sozialen Lebens beeinträchtigt. Die Tatsache, dass der Index seit 2023 gestiegen sei, bedeute nicht unbedingt, dass der längerfristige Rückgang umgekehrt wurde, so der Forscher.
Warum Menschen sich an Nachbarn statt an den Staat wenden
Die gegenläufigen Trends in der Studie – stärkere soziale Beziehungen bei gleichzeitig sinkendem Institutionenvertrauen – sind kein Zufall. Boehnke vermutet eine systematische Verschiebung: Menschen ziehen sich auf private Netzwerke zurück, weil sie dem öffentlichen Sektor nicht mehr vertrauen.
"Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie ihrer Regierung und anderen gesellschaftlichen Institutionen nicht vertrauen oder sich nicht auf sie verlassen können, wenden sie sich möglicherweise stattdessen an ihre Nachbar*innen, Kolleg*innen und Freund*innen, um Sicherheit zu suchen und anzubieten"
— Prof. Klaus Boehnke
Diese Entwicklung birgt Risiken für die Demokratie: Wenn Bürgerinnen und Bürger staatliche Institutionen als unzuverlässig oder ungerecht wahrnehmen, erodiert die Legitimität demokratischer Entscheidungsprozesse. Wer sich nur noch auf den engsten Kreis verlässt, beteiligt sich weniger am öffentlichen Leben – und schwächt damit genau die Strukturen, die eine funktionierende Gesellschaft braucht.
Religion als sozialer Kitt – mit Einschränkungen
Die Studie untersuchte auch die Rolle von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fand heraus, dass Religiosität insgesamt eine positive und relevante Rolle spielt. Befragte mit mittelhoher Religiosität erlebten im Durchschnitt einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt als Menschen, die angaben, weniger oder gar nicht religiös zu sein. Religiöse Gemeinschaften scheinen weiterhin wichtige Orte für soziale Beziehungen, gegenseitige Unterstützung und freiwilliges Engagement zu sein.
Doch dieses Bild gilt nicht für alle religiösen Gruppen gleichermaßen. Unter muslimischen Befragten zeigte sich ein Paradox: Ein höheres Maß an Religiosität ging zwar mit stärkeren sozialen Beziehungen und einer stärkeren Gemeinwohlorientierung einher – war jedoch gleichzeitig mit geringerem Vertrauen in öffentliche Institutionen und einer weniger ausgeprägten Identifikation mit dem Gemeinwesen korreliert.
Der Bericht nennt mehrere mögliche Erklärungen, darunter Erfahrungen von Diskriminierung und Marginalisierung sowie eine Selbstabschottung innerhalb religiöser oder kultureller Gemeinschaften, die zu verminderter Integration in die breitere deutsche Gesellschaft führt.
Was die Mehrheitsgesellschaft überdenken muss
Professor Boehnke sieht die Befunde als Auftrag an die Mehrheitsgesellschaft:
"Die Ergebnisse sollten diejenigen von uns in der Mehrheitsgesellschaft dazu ermutigen, darüber nachzudenken, ob allen Gemeinschaften gleiche Chancen gegeben werden, sich anerkannt, repräsentiert und verbunden zu fühlen. Ausgrenzung und Marginalisierung schwächen den Gesellschaftlichen Zusammenhalt, unabhängig davon, welche Gruppe sie erfährt"
— Prof. Klaus Boehnke
Das Potenzial religiöser Gemeinschaften liege darin, Verbindungen über soziale und kulturelle Grenzen hinweg aufzubauen – sogenanntes brückenbildendes Sozialkapital. Was die Gesellschaft brauche, seien Beziehungen, die Menschen über Unterschiede hinweg verbinden, nicht Netzwerke, die nur Gleichgesinnte zusammenhalten.
Drei Prioritäten für mehr Zusammenhalt
Auf Grundlage der Ergebnisse formuliert der ReligionsMonitor drei Handlungsfelder:
- Vertrauen in Institutionen stärken: Konzertierte Bemühungen zur Stärkung der Bürgerbeteiligung und größere Transparenz des politischen Handelns sind nötig, um das schwindende Vertrauen zu adressieren.
- Soziale Räume schaffen: Mit Verweis auf die wachsende Bedeutung sozialer Beziehungen fordert die Studie Investitionen in Orte, an denen Menschen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen sich engagieren können.
- Religiöse Vielfalt anerkennen: Maßnahmen zur Verbesserung der strukturellen und symbolischen Anerkennung religiöser Vielfalt sowie zur größeren Repräsentation religiöser Minderheitengruppen in der Zivilgesellschaft sind notwendig.
Keine automatische Erholung in Sicht
Professor Boehnke warnt davor, auf eine automatische Erholung mit der Zeit zu hoffen.
"Anstatt anzunehmen, dass sich der Gesellschaftliche Zusammenhalt einfach mit der Zeit erholen wird, müssen wir in Fairness und Vertrauen in die Regierung investieren. Das bedeutet, Transparenz zu erhöhen und soziale Ungleichheit anzugehen"
— Prof. Klaus Boehnke
Die Zahlen legen nahe, dass die Pandemie als Katalysator wirkte für Entwicklungen, die bereits vorher angelegt waren: schwindendes Vertrauen in Politik und öffentliche Institutionen, wachsende Ungleichheit und das Gefühl vieler Menschen, nicht fair behandelt zu werden. Ein Gerechtigkeitsempfinden von nur 25 von 100 Punkten bedeutet, dass drei Viertel der maximal möglichen Zustimmung fehlen – ein Alarmzeichen für jede Demokratie.
Die Studie macht deutlich: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht von selbst. Er braucht Institutionen, denen Menschen vertrauen können, Räume für Begegnung über Unterschiede hinweg und eine Politik, die Fairness nicht nur verspricht, sondern erlebbar macht. Solange das fehlt, werden die Deutschen weiter dem Nachbarn mehr vertrauen als dem Parlament – mit unabsehbaren Folgen für die Demokratie.


