Phänomen der Superlative
Allein was die Zahlen angeht, ist der Vogelzug ein Phänomen der Superlative: Mehr als 50 Milliarden Vögel - die Hälfte der rund 10.000 heute lebenden Vogelarten - begeben sich jedes Jahr auf Wanderschaft. Während Gänse, Enten, Störche, Kraniche und Stare in großen Verbänden fliegen, sind die meisten Singvögel jedoch ganz allein unterwegs. Rekordhalter in Sachen Entfernung ist die Küstenseeschwalbe: ihre Brutgebiete liegen in der Arktis, ihre Winterquartiere in der Antarktis. Auf ihrem Flug von Pol zu Pol bewältigt sie Strecken von 15.000 bis 25.000 Kilometern. Ebenfalls beeindruckend sind die Nonstopflug-Fähigkeiten: 1.000 Kilometer legt der nur hummelgroße Rubinkehlkolibri beim Dauerflug über den Golf von Mexiko zurück. Die bei uns heimischen Kleinvögel fliegen auf ihrem Weg ins südliche Afrika 2.000 bis 3.000 Kilometer am Stück. Auf stolze 7.000 bis 10.000 Kilometer summiert sich die Leistung von in Nordsibirien brütenden Schnepfenvögeln, die in Tasmanien überwintern.
Tag und nachts unterwegs
Wie weit ein Vogel fliegt, hängt nicht zuletzt von seiner bevorzugten Nahrung ab. So sind bei uns brütende Insektenfresser wie zum Beispiel Rauchschwalben meist Langstreckenzieher, die südlich der Sahara überwintern. Die meisten unserer Körnerfresser - etwa Buchfinken - dagegen sind Kurzstreckenzieher, die nur bis Südeuropa oder Nordafrika fliegen. Auch die bevorzugte Reisezeit hängt von der Nahrung ab: Insektenfresser sind meist nachts unterwegs, ebenso die Mehrzahl der Wat- und Wasservögel. Körnerfresser dagegen fliegen meist tagsüber, und zwar in großen Schwärmen. Warum das im Einzelnen so ist, wird noch erforscht. Fest steht: tagsüber fliegen all jene, die beim Fliegen die Thermik ausnutzen, also Greifvögel, Störche und Kraniche. Weil über dem offenen Meer kaum Aufwinde herrschen, werden Meere meist an Engpässen überquert. Gebirge werden entweder umflogen oder an niedrigen Pässen überwunden. Manche Zugvögel steigen dabei auf 8.000 bis 10.000 Meter Höhe empor, etwa beim Überqueren des Himalajas oder beim Ausnützen starker Windströmungen in Tiefdruckgebieten.
Märchen, Mythen und Fakten
Lange Zeit war unklar, wo Vögel die kalte Jahreszeit verbringen. So setzte Aristoteles das Märchen vom Winterschlaf der Vögel in die Welt. Und Carl von Linné, der Begründer der systematischen Biologie, vertrat die Ansicht, Schwalben versänken im Herbst in Sümpfen und kämen im Frühjahr als Amphibien wieder hervor. Erst seit dem 19. Jahrhundert wird der Vogelzug intensiv erforscht. Um 1890 begann der Däne Hans Christian Mortensen damit, Stare und andere Vögel mit Metallringen am Bein zu kennzeichnen. Mit Hilfe von Rückmeldungen über wiederaufgefundene Tiere konnte er nicht nur feststellen, wohin die Vögel abgewandert waren, sondern auch, welche Entfernungen die Tiere in welcher Zeit zurückgelegt hatten. Schon in der Antike waren einzelne Tiere markiert worden, doch die erste Vogelberingung im großen Stil fand auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen statt. Dort hatte man 1901 die Vogelwarte Rossitten gegründet, weil Scharen von Zugvögeln auf der Landzunge Station machen und sich dementsprechend leicht fangen lassen.
Aktuelle Methoden
Sichtbeobachtung und Beringung spielen noch heute eine zentrale Rolle in der Vogelzugforschung. Da Vögel jedoch nicht nur tagsüber, sondern auch nachts ziehen, arbeitet man darüber hinaus auch mit Radar. Will man Genaueres über die Wanderbewegungen einzelner Vögel wissen, stattet man sie mit winzigen Sendern aus und erfasst die Signale per Telemetrie, also per Funkpeilung. Die Reichweite dieser weniger als ein Gramm schweren Minisender ist allerdings recht gering. Als weitaus effektiver hat sich die Satelliten-Telemetrie erwiesen: die Sender wiegen etwas unter 200 Gramm und können größeren Tieren wie etwa Weißstörchen wie Mini-Rucksäche umgeschnallt werden. Per Satellit können die Tiere mehrmals täglich auf etwa 150 Meter genau geortet werden. Damit lassen sich Zugrouten genau verfolgen. Was europäische Weißstörche angeht, so gibt es zwei Routen: die westliche führt über die Iberische Halbinsel und Gibraltar nach Westafrika, die östliche verläuft am Ostrand des Mittelmeeres über Griechenland, die Türkei und Israel nach Ostafrika.
Reiselust im Blut
Ob ein Weißstorch die Ostroute einschlägt oder aber nach Südwesten losfliegt, ist nicht zuletzt eine Frage der Familientradition: Jung- und Altvögel fliegen gemeinsam ins Winterquartier. Auch das Wissen um geeignete Rastplätze wird an die Jungen weitergegeben. Anders sieht es bei Kleinvögeln oder gar Kuckucken aus, die ganz ohne Anleitung ins Winterquartier finden müssen. Durch ausgiebige Versuche mit Mönchsgrasmücken in der Vogelwarte Radolfzell am Bodensee hat der Ornithologe Peter Berthold bewiesen, dass - zumindest bei diesen kleinen Singvögeln - sowohl die Zugrichtung als auch die Zugdauer angeboren, also genetisch festgelegt ist. Kreuzt man beispielsweise einen nach Südwest ziehenden mit einem nach Nordwest ziehenden Vogel, so wird der Nachwuchs schnurstracks nach Westen aufbrechen. Auf diese Weise kann sich innerhalb weniger Generationen die Ausrichtung einer ganzen Population verändern. Diese Erkenntnis revolutionierte die Evolutionsforschung, die bislang davon ausging, dass Veränderungen im Verhalten von Wirbeltieren einige Jahrtausende in Anspruch nehmen.
Teilzieher und Klimaerwärmung
Durch genetische Selektion lässt sich auch erklären, warum immer mehr Vögel den Winter hierzulande verbringen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Zugverhalten von so genannten Teilziehern wie etwa Amseln. Teilzug bedeutet: Ein Teil der Vögel zieht weg, um den Winter in wärmeren Gefilden zu verbringen, während der Rest an Ort und Stelle bleibt. Im Zuge der Klimaerwärmung jedoch überwintern immer mehr Amseln hierzulande. Kehren die ziehenden Artgenossen im Frühjahr aus dem Süden zurück, sind die besten Reviere schon besetzt. Die Folge: sesshafte Amseln vermehren sich weitaus erfolgreicher, und schon nach wenigen Generationen hat sich die teilziehende Amselpopulation in eine sesshafte verwandelt. Denn ob ein Vogel wegzieht oder bleibt, ist eine Frage der Veranlagung. Inzwischen geht man davon aus, dass der Teilzug die am weitesten verbreitete Lebensform bei Vögeln darstellt. In Europa zum Beispiel sind von den etwa 400 vorkommenden Vogelarten aktuell ungefähr 70 Prozent Teilzieher, die anderen 30 Prozent überwiegend Zugvögel.
Risiken und Gefahren
Nun könnte man meinen, Zugvögel seien besonders großen Gefahren ausgesetzt. Freilich ist es riskant, bei Wind und Wetter weite Strecken zurückzulegen und dabei Länder zu überqueren, in denen Jagd auf Vögel gemacht wird. Weitaus problematischer ist jedoch die Zerstörung von geeigneten Rastplätzen entlang der Wanderrouten sowie von Brut- und Ruhegebieten an den jeweiligen Zielorten durch Landwirtschaft und Zersiedelung. Setzt man die Anzahl der gelegten Eier mit der Anzahl der überlebenden Vögel in Beziehung, so zeigt sich: Standvögel leben mindestens so gefährlich wie Zugvögel. Der Grund: ein harter Winter kann den ganzen Bestand gefährden. In milden Zeiten dagegen gewinnen die sesshaften Artgenossen die Oberhand. Der Treibhauseffekt könnte also bewirken, dass immer mehr unserer Zugvogelarten zu Standvögeln werden. Selbst so genannte Exoten könnten hierzulande heimisch werden. Seit Jahren schon haben entflohene Papageien ganzjährig gute Überlebenschancen und an Orten wie Wiesbaden und Heidelberg bereits Kolonien gebildet.

