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Von "Wortleichen" und "Elchtests"
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Technik & Mobilität

Von "Wortleichen" und "Elchtests"

Kaum zu glauben, aber wahr: Der "Elchtest" feiert seinen ersten runden Geburtstag! Vor 10 Jahren rückte er ins Bewusstsein der autoverrückten Deutschen, als er die Mercedes A-Klasse zum Kippen brachte. Das Wort "Elchtest" war neu und unverbraucht. Mittlerweile steht es im Wörterbuch. Wir haben den Weg des "Elchtest"…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Technik & Mobilität

War der „Elchtest“ von Anfang an ein Fall fürs Wörterbuch?
Ja, ein klassischer Fall! Auf einen Schlag kannt die ganze Autofahrer-Nation vor 10 Jahren, im Herbst 1997, die kippelige A-Klasse von Mercedes. Das neu entwickelte Auto war bei einem Probelauf vor Journalisten umgekippt, als der Fall simuliert wurde, dass in den nordischen Wäldern überraschend ein Elch auftaucht und blitzschnelles Ausweichen nötig macht. Durch dieses Ereignis wurde der in Schweden damals übliche Ausweichtest in Deutschland blitzartig unter dem Namen „Elchtest“ bekannt: Als „Nicht elchfähig“ hat damals „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert das Auto bezeichnet.

Sofort wurde der „Elchtest“ von den Journalisten aufgegriffen, und bereits im Dezember war das Wort unter den „Wörtern des Jahres“, dokumentiert von der „Gesellschaft für deutsche Sprache“. Damit wurde es auch fürs Wörterbuch interessant.

Wie hat sich der „Elchtest“ im Laufe der vergangenen 10 Jahre im Sprachgebrauch entwickelt?
Eine kurze Erläuterung vorab: Als Hilfsmittel für unsere redaktionelle Arbeit und zur Beobachtung des Sprachgebrauchs nutzen wir eine riesige digitale Textsammlung, das WAHRIG Textkorpusdigital, mit über 900 Mio. Wortbelegen. Wir können hier die Texte wichtiger überregionaler Zeitungen und Zeitschriften, wie Süddeutsche Zeitung, Spiegel oder Bravo, über ganze Jahrgänge hinweg analysieren. Der „Elchtest“ kommt in diesem Korpus im Jahr 1998 aufgrund der genannten Ereignisse unverhältnismäßig häufig vor.

Bei der Auswertung der nachfolgenden Jahrgänge zeichnet sich deutlich ab, dass das Wort mit den Jahren über die ursprüngliche Verwendung hinaus eine Bedeutungserweiterung und -verallgemeinerung erfahren hat. Schon ca. 2 Jahre nach dem ersten Elchtest wurde das Wort als Synonym für Kipptest jeder Art gebraucht, besonders jedoch in der Politik: für schwankende Politiker, die bei ihren Reden ins Schleudern kamen, und für jede schwankende Debatte, die in rhetorischen „Elchtests“ auf ihre Standfestigkeit überprüft wurde.

Welche Bedeutung hat das Wort „Elchtest“ heute?
Heute finden wir den Begriff „Elchtest“ mehr und mehr in der allgemeinsprachlichen Bedeutung einer „Bewährungsprobe“, einer „Feuerprobe“. So bestehen beispielsweise eine Person oder ein Konzept „den Elchtest nicht“ – ob beim Kennenlern-Wochenende in einer Beziehung oder beim Test der neuen Magnetschwebebahn. Vielleicht ist die ursprüngliche Bedeutung und ihre Geschichte manch Jüngerem heute gar nicht mehr geläufig.

Gibt es ähnliche Fälle?
Sehr viele. Die deutsche Sprache ist hier sehr produktiv und erfinderisch. Dass technische oder fachsprachliche Begriffe den Bereich wechseln oder in die Allgemeinsprache eingehen, kommt häufiger vor. So z. B. das Wort „schwächeln“, das zunächst nur im Sportbereich verwendet wurde, dann auf die Börse und das Finanzwesen allgemein übertragen wurde und jetzt noch allgemeiner in verschiedensten Bereichen verwendet wird.

Ein älteres Beispiel wäre etwa die Redewendung „unter Strom stehen“, die ausdrückt, dass jemand extrem angespannt ist. Oder denken Sie an die Wendung, dass jemand „auf etwas programmiert ist“. Allerdings sind diese Beispiele selten so eingängig wie der „Elchtest“.

Übrigens: Nicht alle neuen und originellen Wörter schaffen langfristig den Sprung in die Bestsellerlisten der Wörterbücher: Die Nachbarn in der Liste der „Wörter des Jahres“ von 1997, das „Klonschaf“ Dolly oder das „Tamagotchi“ sind nach ihrer enormen Bekanntheit im ersten Jahr rasch wieder in der Versenkung verschwunden. In der Wörterbucharbeit sprechen wir in diesem Zusammenhang etwas makaber vom Aufspüren von „Lücken“ und „Leichen“ – und solche Wortleichen werden dann eben aus dem Wörterbuch gestrichen, wenn sie nicht mehr im Sprachgebrauch verwendet werden – so bleiben unsere Wörterbücher immer aktuell!

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