Feuer, Erde, Luft und Wasser: Ohne die vier Elemente wäre unsere Welt nicht denkbar, doch was das Kino angeht, ist sicherlich Wasser - neben dem äußerst fotogenen Feuer natürlich - der uneingeschränkte Star. Warum auch nicht, schließlich ist seine Faszination seit Jahrmillionen ungebrochen. Und da wir Zuschauer laut Evolution nicht nur unseren Ursprung im Meer zu suchen haben, sondern darüber hinaus zum größten Teil aus der Wunderkombination H20 bestehen, lässt sich die Begeisterung für Wasser im Film durchaus nachvollziehen. Ob als einzigartiger Lebensspender, gewaltige Katastrophe, philosophische Projektionsfläche oder einfach nur als grandiose Kulisse: Wasser ist gleichermaßen Natur- und Filmerlebnis.
Ozeanische Gefühle
Wie oft etwa muss das Meer als romantischer Hintergrund für Leinwand-Liebeleien herhalten? Doch weitaus interessanter sind Filme, in denen große Gewässer nicht nur dekorative Fototapete sind. So tauchten Jean Reno und Jean-Marc Barr unter der Regie von Luc Besson in „Im Rausch der Tiefe - The Big Blue“ (1987) um die Wette, wobei der überzeugendste Darsteller in diesem hochstilisierten Drama zweifelsohne das wunderschön kobaltblaue Meer war. Damit traf Besson genau den New Age-Zeitgeist der 80er, als pubertierende Mädchen ihre Zimmerwände gerne mit Kunstdrucken von Walflossen oder Delfinen im Mondlicht dekorierten. Ähnlich elementare Sehnsüchte evozierte zuvor schon „Ozeanische Gefühle“ (1984/85) von John Irvin, doch hier verhinderte immerhin der trockene Humor der brillanten Hauptdarsteller Ben Kingsley und Glenda Jackson allzu tränendurchflutete Schwärmereien.
Stars in Seenot
Dass 1999 der 41-minütige Kurzfilm „Dolphins“ von Farhad Yawari mit großem Erfolg in den Kinos lief, bewies erneut, wie perfekt sich menschliche Gefühlswelten auf der Projektionsfläche Meer abbilden lassen. Alltagsflucht, Fernweh, eine Rückkehr zum Wesentlichen und den Aufbruch zu neuen Ufern - all dass versprechen uns die Ozeane (und das Kino selbstverständlich auch). Doch das innige Verhältnis zum mächtigen Element kann auch kippen, wie uns James Cameron mit „Titanic“ (1996/97) spektakulär vorgeführt hat. Das Freiheitsversprechen angesichts endloser Horizonte endet für Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) in den eisigen Fluten des Atlantiks, der kein Erbarmen mit stolzen Seefahrern kennt. Ganz zu schweigen von den anderen Schiffbrüchigen im Kino - von den zahlreichen „Robinson Crusoe“-Versionen bis hin zu Tom Hanks in „Cast Away“ (2000) -, die als Gefangene des Meeres ihr Dasein fristen müssen.
Nach uns die Sintflut
Wer das Wasser herausfordert, kommt also schnell darin um. Noch willkürlicher, manchmal regelrecht bösartig tritt das zumeist überirdisch blaue Nass jedoch in Katastrophenfilmen auf. Ob wie in „Die Flut bricht los“ (1976) ein Staudamm bricht, oder ob Regisseur Peter Weir in „Die letzte Flut“ (1977) einen Weltuntergang à la Arche Noah prophezeit, oft genug bedeuten große Wassermassen ebenso großes Unheil. Im Fall von „Waterworld“ (1994/95) sogar im mehrfachen Sinn: Das futuristische Abenteuer spielt nicht nur in einer bedrohlichen, post-apokalyptischen Wasserwelt, sondern wurde selbst Opfer der Elemente. Während der Dreharbeiten verschlangen Pazifikstürme die mehrere Millionen teueren Kulissen, und auch die Karriere von Hauptdarsteller Kevin Costner sank nach mäßigen Einspielergebnissen wie Blei auf den Grund des Ozeans.
Stille Wasser sind tief
Wenn man dazu noch die sintflutartigen Regenfälle aus dem Thriller „Hard Rain“ (1997), die Hochhaus hohen Flutwellen aus „Deep Impact“ (1998) sowie die garstigen Wellen aus „Der Sturm“ (2000) nimmt, dann erreicht der feuchte Schrecken im Kino schon biblische Ausmaße. Ansonsten sind Meer und Flüsse oft nur Versteck für Ungeheuerliches, das in ihren Untiefen lauert. Seien es nun „Der weisse Hai“ (1975), gefrässige „Piranhas“ (1978) oder der böse „Octalus“ (1998) - unter der Wasseroberfläche tummeln sich allerhand Monster mit Appetit auf arglose Freischwimmer. Und „20000 Meilen unter dem Meer“ (1954) warten „Das Boot“ (1981) oder gar das versunkene „Atlantis“ (2001) auf Zuschauer. Am faszinierendsten bleiben jedoch jene Filme, die den Ozeanen nicht nur geografische, sondern auch philosophische Tiefe attestieren.
Film ab, Wasser Marsch
So suchte David Bowie in Nicolas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) als auf der Erde gestrandeter Außerirdischer nach Wasser für seinen dahinsiechenden Heimatplaneten, eine berührende Parabel, die Roeg in äußerst berückenden Bildern schilderte. Und 1989 ließ Größenwahn-Genie James Cameron im „Abyss“ findige Tiefsee-Forscher auf philantrope Aqua-Aliens treffen, die im Ozean mit reichlich Special Effects eine neuzeitliche Erlösungsgeschichte für die ungläubige Menschheit inszenieren. Es lohnt sich also, statt immer nur in den Sternen auch mal auf dem Meeresgrund nach dem tieferen Sinn des Lebens zu suchen. Dementsprechend sollte das Fazit lauten: Film ab, Wasser marsch.
David Kleingers

