Himmlisches Feuerwerk über den Niagara-Fällen
Was sind eigentlich Sternschnuppen bzw. Meteore? - Die astronomische Erforschung dieser Erscheinung beginnt erst im 19. Jahrhundert. Davor waren die meisten Astronomen der Meinung, Meteore seien eine Erscheinung der Erdatmosphäre und deshalb sollten sich gefälligst die Meteorologen (schließlich heißen sie ja auch so) um dieses Phänomen kümmern.
Doch dann kam es in der Nacht vom 12. auf den 13. November 1833 in den USA zu einem besonderen Ereignis: Es war eine mondlose, in vielen Teilen der USA sternklare Nacht. Schon am Abend hatten aufmerksame Beobachter deutlich mehr Sternschnuppen als in einer normalen Nacht beobachten können. Doch was in der zweiten Nachthälfte am Himmel vor sich ging sprengte alle Vorstellungskraft: Nicht einige wenige, sondern Tausende von Sternschnuppen waren innerhalb von Minuten am Himmel zu sehen. Es war wie ein Sternenregen! Ein lautloses himmlisches Feuerwerk, ein “Meteorsturm“!
Viele Menschen waren geschockt. Viele hatten Angst. Niemand konnte die Erscheinung erklären. Am Tag darauf waren die amerikanischen Zeitungen voller Spekulationen über das unheimliche Ereignis. Doch niemand war zu Schaden gekommen. Keine Sternschnuppe war am Boden gefunden worden. Was war passiert?
Meteore aus dem Löwen
Nun wurde auch das astronomische Establishment aufmerksam. Augenzeugenberichte wurden gesammelt und es stellte sich heraus, dass die meisten Sternschnuppen strahlenförmig aus dem Sternbild Löwe (Leo) gekommen waren. Man gab dem Schwarm daher den Namen Leoniden. In den Bibliotheken und Chroniken fand man historische Berichte über solche Meteorstürme. Zum Beispiel hatte erst 34 Jahre zuvor - am 12. November 1799 - Alexander von Humboldt in Venezuela ebenfalls einen solchen Sternenregen gesehen.
Bald war klar: Der Sternschnuppenschwarm der Leoniden tritt jedes Jahr zwischen dem 12. und 20. November auf. Schon 1837 vermutete der Bremer Arzt und Astronom Wilhelm Olbers (1758 - 1840), dass ungefähr alle 33 Jahre besonders starke Leoniden auftreten und sagte einen neuen Sturm für 1866 voraus. Tatsächlich beobachtete man am 13. November 1866 am frühen Morgen ca. 2000 bis 5000 Sternschnuppen pro Stunde.
Die Leoniden: Geisterfahrer im Planetensystem
Ein Meteor entsteht, wenn ein kleiner Himmelskörper (ein Meteoroid) in der Erdatmosphäre verglüht. Nach 1833 hatte man begonnen, die Höhen und die Geschwindigkeiten der Meteoroiden zu messen. Dabei stellte sich heraus, dass zwar alle Meteoroide in ungefähr der gleichen Höhe aufleuchten (in 60 bis 90 km Höhe), dass aber ihre Geschwindigkeiten unterschiedlich sind. Für die Meteore vom November - die Leoniden - ergab sich die unglaubliche Geschwindigkeit von ungefähr 70 km pro Sekunde! Mit dieser Geschwindigkeit braucht man für die Entfernung von der Erde zum Mond nur 90 Minuten!
Damit konnte man endgültig ausschließen, dass die Meteore aus der Erdatmosphäre stammen. Jeder Körper, der am Ort der Erde schneller als 46 km/s ist, wird aus dem Sonnensystem herausgeschleudert. Wenn wir 70 km/s Geschwindigkeit messen, kann das nur bedeuten, dass die Meteroide der Erde entgegenfliegen. So addiert sich ihre Geschwindigkeit zur Bahngeschwindigkeit der Erde (ca. 30 km/s). Die Meteoroiden, die im November die Erde treffen, sind also “Geisterfahrer“ im Planetensystem.
Welche Körper im Sonnensystem können der Erde entgegenfliegen? Die Antwort auf diese Frage brachte die Lösung des Rätsels der Leoniden.
Meteoroiden - Staubspur auf der Kometenbahn
Am 19. Dezember 1867 entdeckte der Astronom Tempel von Marseille aus ein schwaches Lichtscheibchen im Großen Wagen, das dort vorher nicht zu sehen gewesen war. 18 Tage später wurde dasselbe Scheibchen, das sich inzwischen etwas weiterbewegt hatte, auch von dem amerikanischen Astronomen Tuttle beobachtet. Es handelte sich um einen Kometen, der nach den Entdeckern den Namen Tempel-Tuttle erhielt. Die Analyse der Bahn zeigte, das die Erde immer dann, wenn die Leoniden zu sehen waren, die Bahn des Kometen kreuzte. Außerdem hatte der neu entdeckte Komet eine Umlaufzeit von 33,17 Jahren. Das passte zu den Abständen der großen Leonidenstürme.
Damit war das Rätsel im Wesentlichen gelöst: Kometen sind schmutzige Schneebälle von ca. 50 km Durchmesser. Kommen sie der Sonne näher, werden sie erwärmt und streuen - wie ein Lastwagen, der in der Kurve Sand verliert - Staub und Gas. Einmal im Jahr kreuzt die Erde die Kometenbahn. Dann prasseln die Staubkörner auf die Erde wie der Sand vom Lastwagen auf die Windschutzscheibe. Die winzig kleinen Staubkörner stoßen in ca. 90 km Höhe mit den Luftmolekülen zusammen und regen diese zum Leuchten an. Nach einer halben Sekunde in ca. 60 km Höhe ist der Spuk vorbei: Die Meteoroiden, die nur ein Bruchteil eines Gramms wiegen, sind verglüht. Kein Wunder, dass man keine Sternschnuppen am Boden aufsammeln kann...
Dr. Dirk Soltau

