Wie ausgediente Schiffe zur Umweltsünde werden
Technik & Mobilität

Wie ausgediente Schiffe zur Umweltsünde werden

Bild: Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein halb ausgeschlachteter Schiffsrumpf rostet im flachen Wasser, in dem Ölpfützen in allen Regenbogenfarben schimmern. Einrichtung, Elektronik und nützliche Bauteile des Ozeanriesen wurden bereits verkauft – ein riesiger Absatzmarkt sorgt dafür, dass die Existenz vieler Familien daran hängt. Vor dem toten Koloss hämmern Arbeiter an den Überresten, schneiden mit einfachen Werkzeugen Metallplatten aus dem Schiffsskelett heraus – so lange, bis das hochhausgroße Ungetüm schrumpft. Eine schier unlösbare Aufgabe, wenn man die winzigen Arbeiter vor der gigantischen Kulisse betrachtet.
Abwrackarbeiten am Strand von Chittagong

© Salvador Campillo Alba, iStock

Ein halb ausgeschlachteter Schiffsrumpf rostet im flachen Wasser, in dem Ölpfützen in allen Regenbogenfarben schimmern. Einrichtung, Elektronik und nützliche Bauteile des Ozeanriesen wurden bereits verkauft – ein riesiger Absatzmarkt sorgt dafür, dass die Existenz vieler Familien daran hängt. Vor dem toten Koloss hämmern Arbeiter an den Überresten, schneiden mit einfachen Werkzeugen Metallplatten aus dem Schiffsskelett heraus – so lange, bis das hochhausgroße Ungetüm schrumpft. Eine schier unlösbare Aufgabe, wenn man die winzigen Arbeiter vor der gigantischen Kulisse betrachtet.

Riskante Schiffszerlegung

Was wie eine dystopische Szenerie wirkt, ist Realität in Bangladesch und Indien. Die dortigen Strände sind die Schiffsfriedhöfe der Welt. 80 Prozent der Ozeanriesen nehmen nach bis zu 30 Dienstjahren auf ihrer letzten Fahrt Kurs auf diese Länder. Doch darunter leiden Umwelt und Arbeiter gleichermaßen. „Bei Springfluten werden die Schiffe in Indien oder Bangladesch auf den Strand gefahren und dort händisch von den Arbeitern abgebaut. Die Menschen haben oft keine Schutzkleidung, sind nicht vor den giftigen Stoffen geschützt, die ungehindert ins Meer gelangen, und werden zudem schlecht bezahlt“, erklärt Anja Binkofski vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven.

Auch europäische Schiffe gehören zu den ausgeschlachteten Giganten an den Stränden Südostasiens. Das ist nach europäischem Recht zwar illegal, doch viele Schiffe werden Binkofski zufolge einfach umgeflaggt, um so deren Herkunft zu verschleiern. Der Grund für dieses Vorgehen liegt auf der Hand: Die Eigner entgehen so dem legalen Abwracken in einer europäischen Werft, das wegen der höheren Arbeitslöhne deutlich weniger lukrativ wäre.

Wäre Deutschland ein geeigneter Standort?

Es wird deutlich: Eine Wende in Sachen Schiffsrecycling ist längst überfällig. Binkofski kann sich diesbezüglich zum Beispiel vorstellen, Norddeutschland als einen neuen Standort für Recycling-Werften zu etablieren. Schiffe statt in Südostasien vor der eigenen Haustür zu zerlegen, wäre auch eine nachhaltige Möglichkeit zur Stahlgewinnung. Denn würde man den in Schiffen verbauten Stahl recyceln, könnte das 80 bis 90 Prozent jener Emissionen einsparen, die sonst bei der energieaufwendigen Herstellung von neuem Stahl anfallen.

In Kombination mit einer intelligenten Kreislaufwirtschaft könnte das Schiffsrecycling sogar eine Chance für strukturschwache Regionen sein und auftragslosen Werften eine Wiedergeburt bescheren, argumentiert Binkofski. Bislang ist recycelter Stahl zwar noch nicht großflächig in die Kreislaufwirtschaft integriert, doch Interesse an dem Konzept besteht trotzdem, wie die Kulturwissenschaftlerin erklärt: „In Deutschland erhielt gerade die erste Werft eine Genehmigung, Schiffe zu recyceln, andere Werften warten noch auf ihre Zertifizierung.“

Doch es gibt noch zahlreiche Hürden zu überwinden, vor allem bürokratischer Natur. „Hohe Lohnkosten, Umweltauflagen und fehlende rechtliche Regelungen sind Gründe für die erschwerte Umsetzung. Bisher durften Schiffe in Reparaturwerften nur zu 75 Prozent rückgebaut werden, sobald es um die letzten 25 Prozent ging, griffen Regelungen der Abfallwirtschaft“, berichtet Binkofski.

Hongkong-Konvention verspricht Hoffnung

Die entscheidende Wende könnte womöglich die sogenannte Hongkong-Konvention bringen, die am 26. Juni 2025 in Kraft tritt. Sie wurde von den Mitgliedern der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO beschlossen und fordert umweltfreundliche Standards beim Schiffsrecycling sowie sichere, faire Arbeitsbedingungen weltweit. Zum Beispiel sollen giftige Farbpartikel, Ölreste und weitere Chemikalien künftig nirgendwo mehr unkontrolliert ins Wasser gelangen oder sich im Sand ablagern. Ein Gefahrstoffinventar, welches für Schiffe unter EU-Flagge schon seit 2019 vorgeschrieben ist, soll außerdem mehr Transparenz beim zu entsorgenden Material schaffen.

Doch wer kontrolliert die Einhaltung? Die Hongkong-Konvention ist zwar ein politisches Schwergewicht, aber nicht rechtlich bindend. Binkofski blickt daher mit gemischten Gefühlen auf das Inkrafttreten im Juni.

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Technik & Mobilität

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Technik & Mobilität.

Alle Technik & Mobilität-Artikel
Warum intelligente Produkte mehr brauchen als gute Software
Technik & Mobilität

Warum intelligente Produkte mehr brauchen als gute Software

31. Oktober 2026

Smarte Produkte stolpern selten über schlechten Code, sondern über falsch verheiratete Komponenten: Sensorik, Energieversorgung, Hardware und Software müssen als ein System gedacht werden – sonst versagt der Prototyp im…

Die Zitier-Rakete: Wie ein Leipziger Professor in zehn Jahren an die Weltspitze kam
Technik & Mobilität

Die Zitier-Rakete: Wie ein Leipziger Professor in zehn Jahren an die Weltspitze kam

28. Oktober 2026

Dominik Kanbach von der HHL Leipzig gehört nach nur einem Jahrzehnt Forschung zu den meistzitierten Wissenschaftlern der Welt. Ein Blick auf seinen steilen Aufstieg – und die Frage, was solche Rankings wirklich aussagen.

Verkehrslenkung durch Zufahrtskontrollen: Die Systematik des deutschen Plakettensystems
Technik & Mobilität

Verkehrslenkung durch Zufahrtskontrollen: Die Systematik des deutschen Plakettensystems

14. Oktober 2026

Die Lenkung von Verkehrsströmen in Ballungsräumen ist seit Jahrzehnten eine zentrale Aufgabe der Stadtplanung. Ein entscheidendes Instrument dieser Regulierung sind die etablierten Umweltzonen in Deutschland. Wie das…

Musiker Dan Saks startet Bilderbuch-Launch per Fahrrad durch die Niederlande
Technik & Mobilität

Musiker Dan Saks startet Bilderbuch-Launch per Fahrrad durch die Niederlande

5. Oktober 2026

Der Pädagoge und Musiker Dan Saks veröffentlicht sein Kinderbuch "On Our Bikes" mit einer Familienreise durch das niederländische Radwegenetz – dokumentiert als Musikvideo und Vlog.

← Zurück zu Technik & MobilitätZur Startseite