Stefan Rahmstorf scrollt durch seinen Feed, bleibt hängen, tippt. Der Klimaforscher teilt einen Link, knapp kommentiert: Hier stehen die Fakten hinter der „Digger"-Geschichte. Beide, schreibt er – der Bericht und der dazugehörige Film – seien „sehr zu empfehlen". Was er meint, ist ein aktueller Report der Organisation Climate Integrity mit dem Titel „Climate Fraud 101". Das Thema: eine konzertierte Propagandakampagne der fossilen Industrie, deren Ziel es war, Zweifel an der menschengemachten Erderwärmung zu säen.
Der Bericht, veröffentlicht auf der Website climateintegrity.org, zeichnet nach, wie über Jahrzehnte hinweg Desinformation produziert, finanziert und in die öffentliche Debatte eingespeist wurde. Rahmstorf lobt die Darstellung als „sehr anschaulich". Die sogenannte „Digger"-Geschichte dient dabei offenbar als Fallbeispiel – ein konkreter Baustein in einem größeren Puzzle aus getarnten Kampagnen, bezahlten Experten und geschickt platzierten Zweifeln.
Was genau hinter dem Namen „Digger" steckt, lässt Rahmstorfs kurze Empfehlung offen. Doch der Kontext ist klar: Es geht um die Mechanik des organisierten Zweifels. Nicht um wissenschaftliche Debatte, sondern um Kommunikationsstrategie. Die fossile Industrie habe, so der Report, gezielt daran gearbeitet, das öffentliche Vertrauen in die Klimawissenschaft zu untergraben – lange nachdem intern die Gefahren der Erderwärmung bekannt waren.
Climate Integrity, eine Organisation, die sich auf Klimarechenschaft spezialisiert hat, legt mit „Climate Fraud 101" Material vor, das sich an ein breites Publikum richtet. Der Bericht fügt sich ein in eine wachsende Zahl von Untersuchungen, die Parallelen ziehen zur Tabakindustrie: Auch dort wurde jahrzehntelang Wissenschaft angezweifelt, um Regulierung hihinauszuzögern. Die Taktiken ähneln sich – Scheinexperten, industriefinanzierte Institute, strategisch gestreute Studien, die Unsicherheit suggerieren, wo längst Konsens herrscht.
Rahmstorf, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung forscht und regelmäßig Desinformationskampagnen analysiert, nutzt die Plattform Mastodon für seine Empfehlung. Dort erreicht er ein wissenschaftsaffines Publikum, das sich für die Mechanismen hinter Klimaleugnung interessiert. Der Hashtag #globalwarming markiert den Post, der Link führt direkt zum Projekt „Climate Fraud 101".
Ein Begleitfilm, so Rahmstorf, ergänzt den Report. Wer ihn produziert hat, wo er zu sehen ist und welche zusätzlichen Quellen er erschließt, bleibt in der Mastodon-Empfehlung unerwähnt. Klar ist nur: Die Kombination aus schriftlicher Dokumentation und filmischer Aufbereitung soll helfen, ein komplexes Thema greifbar zu machen. Bewegtbild kann zeigen, was Aktenlage allein nicht leistet – Gesichter, Orte, die Atmosphäre hinter geschlossenen Türen.
Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der Klimadesinformation wieder verstärkt diskutiert wird. Soziale Medien amplifizieren Zweifel, Plattformen kämpfen mit der Moderation wissenschaftlicher Inhalte, und in manchen Ländern gewinnen politische Kräfte an Einfluss, die den Klimakonsens infrage stellen. Der Bericht von Climate Integrity liefert historischen Kontext für ein aktuelles Problem: Wie soll eine Gesellschaft mit organisierter Falschinformation umgehen, wenn die Zeit zum Handeln knapp wird?
Ob der Report neue interne Memos enthält, bislang unbekannte Geldflüsse aufdeckt oder konkrete Unternehmen benennt, lässt sich Rahmstorfs Empfehlung nicht entnehmen. Auch die Zeitspanne, über die sich die dokumentierte Kampagne erstreckt, bleibt ungenannt. Was bleibt, ist die Aufforderung: Lesen. Ansehen. Verstehen. Die Fakten lägen vor, „sehr anschaulich" präsentiert.
Für Rahmstorf ist die Sache klar genug, um sie auf seinem Kanal hervorzuheben. Andere Klimawissenschaftler teilen den Link weiter. Das Thema ist nicht neu, aber der Bericht scheint etwas zu leisten, das in der Debatte oft fehlt: Er macht abstrakte Begriffe wie „Propagandakampagne" konkret. Er zeigt, wer was tat, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck. Ob die Erkenntnisse Eingang in laufende Klageverfahren gegen fossile Konzerne finden oder regulatorische Konsequenzen nach sich ziehen, wird sich zeigen.
Vorerst bleibt die Empfehlung: Die „Digger"-Geschichte ist erzählt. Jetzt muss sie gelesen werden.




