Ein Lichtfänger summt in der Dämmerung, kleine UV-Lampen locken sie an: winzige Mücken, kaum größer als ein Millimeter, die sich im Fachjargon Gnitzen nennen. Zwischen April und Oktober 2024 sammelten Forscherinnen und Forscher auf 14 landwirtschaftlichen Betrieben in Nordwestdeutschland genau diese Tierchen ein – insgesamt mehr als 337.000 Exemplare. Das Ergebnis, kürzlich auf dem Fachportal PubMed veröffentlicht, ist alarmierend: In 18 Prozent der untersuchten Mückenproben steckte das Erbgut des Blauzungenvirus, eines Erregers, der Rinder, Schafe und Ziegen krank macht und wirtschaftlich erheblichen Schaden anrichten kann. Zusätzlich trugen gut 5 Prozent der Proben das sogenannte Schmallenberg-Virus in sich, einen weiteren, verwandten Krankheitserreger. Für die Landwirtschaft in der Region bedeutet das: Die Überträger dieser Tierseuchen sind im vergangenen Sommer in großer Zahl unterwegs gewesen, und zwar fast überall, wo Nutztiere stehen.
Gnitzen, lateinisch Culicoides genannt, sind blutsaugende Insekten aus der Familie der Zuckmücken. Sie selbst erkranken nicht, wenn sie ein Virus in sich tragen – sie fungieren nur als fliegende Spritzen, die den Erreger von einem Tier zum nächsten weitertragen. Genau das macht sie so schwer zu kontrollieren: Man kann sie nicht einsperren, kaum vertreiben, und sie sind praktisch überall dort zu finden, wo Weidetiere stehen.
Was ist das Blauzungenvirus und warum ist der Ausbruch 2024 besonders?
Das Blauzungenvirus ist in Europa kein neuer Bekannter. Erstmals eingeschleppt wurde es 2006 nach Mitteleuropa, 2011 kam das verwandte Schmallenberg-Virus hinzu. 2022 wurde erstmals auch das sogenannte Epizootische Hämorrhagie-Virus (EHDV) in Südeuropa nachgewiesen, ein drittes Virus aus derselben Übertragungskette. Im Jahr 2023 tauchte dann in den Niederlanden erstmals die Virusvariante Serotyp 3 des Blauzungenvirus auf – und löste 2024 einen schweren Krankheitsausbruch in Deutschland aus. Genau diesen Ausbruch haben die Forschenden nun mit der Mückenstudie begleitet.
Interessant ist dabei ein Detail, das die Studie zutage förderte: Obwohl Blauzungenvirus und Schmallenberg-Virus zu komplett unterschiedlichen Virenfamilien gehören, verliefen ihre Ausbreitungskurven über die Monate hinweg fast identisch – beide erreichten ihren Höhepunkt im August. Das deutet darauf hin, dass äußere Faktoren wie Wetter, Mückenpopulation oder Jahreszeit eine größere Rolle spielen als die biologischen Eigenheiten der einzelnen Erreger.
Welche Mückenarten tragen die Viren?
Von den insgesamt 337.359 gefangenen Gnitzen wurden 7.549 Gruppen (Fachbegriff: Pools) nach äußeren Merkmalen sortiert und per PCR-Test – einem Verfahren, das genetisches Material eines Erregers nachweist – auf die drei Viren untersucht. 1.359 dieser Gruppen, also 18 Prozent, zeigten ein positives Ergebnis für das Blauzungenvirus, 402 Gruppen beziehungsweise 5,3 Prozent für das Schmallenberg-Virus. Das dritte gesuchte Virus, EHDV, wurde in keiner einzigen Probe gefunden – ein Hinweis darauf, dass dieser Erreger 2024 in Nordwestdeutschland noch nicht angekommen war.
Die meisten infizierten Mücken gehörten zu einer Untergruppe namens Avaritia, innerhalb derer vor allem drei Arten auffielen: Culicoides obsoletus (eine bestimmte genetische Linie, Klade O1 genannt), Culicoides scoticus und Culicoides dewulfi. Eine kleinere, aber ebenfalls relevante Gruppe stammte aus der Untergruppe Culicoides, hier vor allem die Arten Culicoides punctatus, Culicoides pulicaris sowie eine Variante namens Culicoides lupicaris Haplotyp L1. Für Tierhalter heißt das: Es ist nicht die eine Mückenart, die bekämpft werden müsste, sondern ein ganzes Bündel unterschiedlicher Arten, die alle als Überträger infrage kommen.
Was bedeutet das für die Tiergesundheit in Europa?
Die Studie wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat (BMLEH) über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gefördert – ein Zeichen dafür, dass das Thema politisch als relevant eingestuft wird. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer "andauernden Zirkulation" des Schmallenberg-Virus sowie einer "ausgedehnten" Verbreitung des Blauzungenvirus in der Mückenpopulation Nordwestdeutschlands im Jahr 2024.
Für die landwirtschaftliche Praxis liefert die Untersuchung vor allem eine nüchterne Erkenntnis: Die Viren sind nicht auf einzelne Höfe oder Regionen begrenzt geblieben, sondern haben sich über ein großes Gebiet mit mehreren Mückenarten gleichzeitig verbreitet. Wer Rinder, Schafe oder Ziegen hält, kann die Insekten selbst kaum beeinflussen – wohl aber im Blick behalten, wann im Jahr die Gefahr am größten ist. Der im August beobachtete Höhepunkt beider Viruskurven liefert dafür einen ersten Anhaltspunkt, wann Wachsamkeit und tierärztliche Kontrolle besonders wichtig sind.

