Es ist früh am Morgen in Nuoro, einer Stadt im Herzen Sardiniens, als Paola Abraini ihre Hände in den Hartweizengrießteig legt. Was in den nächsten Minuten geschieht, ist keine gewöhnliche Küchenarbeit. Es ist ein Handwerk, das nur noch wenige Menschen auf der Welt beherrschen. Abraini stellt Su Filindeu her, was auf Sardisch „Fäden Gottes" bedeutet – eine der rarsten Pastaformen der Welt.
Aus einem einzigen Teigstück zieht sie durch wiederholtes Falten und Strecken exakt 256 hauchdünne Stränge. Die fertige Pasta wird getrocknet, bis sie zu knusprigen Bögen aushärtet. Dann wird Su Filindeu traditionell in warmer Hammelfleischbrühe serviert und mit Pecorino-Käse verfeinert. Das Ergebnis sieht aus wie feinste Spitze aus Teig – fragil, fast durchscheinend.
Das Wissen um die Herstellung wird nicht in Rezeptbüchern festgehalten. Es wird mündlich weitergegeben und durch direktes Lernen von Generation zu Generation übertragen. Jeder Handgriff folgt einem Muster, das nur durch jahrelanges Zuschauen und Üben zu erlernen ist. Der Teig darf nicht zu feucht sein, sonst klebt er. Nicht zu trocken, sonst reißt er. Die Bewegung muss fließend sein, die Spannung gleichmäßig. Es ist ein Gespür, das sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Paola Abraini ist eine der letzten Hüterinnen dieses fast verlorenen Handwerks. Das Gericht ist eng mit sardischer Kultur und Tradition verbunden. Su Filindeu gilt als außerordentlich schwierig herzustellen – weltweit beherrschen nur wenige Menschen diese Technik. Die Pasta ist ein Symbol für das immaterielle kulinarische Erbe Sardiniens und Italiens.
Wissen, das nur mündlich und durch direktes Vormachen übertragen wird, ist anfällig. Es braucht physische Nähe, Zeit und die Bereitschaft, jahrelang zu üben. In einer Welt, in der Rezepte in Sekunden gegoogelt und Videos auf Knopfdruck abgespielt werden, wirkt diese Form des Lernens anachronistisch. Die Frage bleibt: Was verloren geht, wenn ein solches Handwerk verschwindet.




