Was hat Menschen zu Menschen gemacht, und welche Bedeutung hatten Frauen in diesem Evolutionsprozess? Mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Homo (lat. Mensch, Mann) werden Frauen bereits im Sprachgebrauch aus der menschlichen Gattung ausgeschlossen. Eine Terminologie, die die weiblichen Angehörigen der Spezies Mensch explizit anspricht, wäre noch zu entwickeln. Feministische Forscherinnen stellen die Lehrmeinung in Frage, erste Menschengesellschaften seien auf Grund der biologischen Evolution durch die Dominanz der Männer über die Frauen gekennzeichnet. Sie fordern eine neue Sicht der Stammesgeschichte im Hinblick auf die grundlegenden Anteile, die Frauen am Menschwerdungsprozess, an der Entwicklung von Kulturleistungen hatten.
Hominide Vorfahrinnen
Über mehrere Millionen Jahre erstreckte sich die Evolution der menschlichen Art, die sog. Hominidenentwicklung. Was vorhanden ist aus jener Zeit, sind fossile Knochenreste, die eine annähernde Rekonstruktion der biologischen Evolution erlauben. Die Wiege der Menschheit befindet sich in den warmen Regionen Afrikas. Von dort stammen die frühesten vormenschlichen Knochenfunde der Australopithecinen, die sich vor 5 Mio. Jahren entwickelt hatten. Etwa 3 Mio. Jahre alt ist das guterhaltene Skelett einer Vertreterin der Australopithecinen, die unter dem Namen Lucy weltberühmt wurde. Verschiedene anatomische Merkmale zeigen, dass sie bereits aufrecht auf zwei Beinen ging. Ihr Gehirnvolumen war im Vergleich zur heutigen Menschenform sehr klein, doch wesentlich größer als das der zur gleichen Zeit lebenden Affen. Vor etwa 2,5 Mio. Jahren erschien, wiederum in Afrika, eine weitere hominide Art, Homo habilis, deren Vertreterinnen schon erste einfache Steinwerkzeuge benutzten und herstellten sowie Schutzhütten bauten.
Die nachfolgende Art unserer Ahninnenreihe, Homo erectus benannt, tauchte in Afrika vor 1,5 Mio. Jahren auf. Vertreterinnen dieser Gruppe breiteten sich nach Asien, und vor 600 000 Jahren nach Europa aus. Möglich geworden war die Besiedlung der kälteren Regionen durch die Nutzbarmachung des Feuers. Der ständige Unterhalt von Feuerstellen ist an vielen Fundplätzen belegt. Auch regelmäßig aufgesuchte Lagerplätze mit mehreren Schutzhütten, in deren Mitte sich Herde befanden, sind in Terra Amata bei Nizza ausgegraben worden. Etwa gleichalt, nämlich 300 000 Jahre, sind Spuren von Großwildjagd in Terralba (Spanien). Vermutlich haben Homo-erectus-Frauen und -Männer eine einfache Form der Sprache entwickelt. Sie hinterließen erste symbolische Äußerungen: Handgeformte Lehmkugeln (bei Achenheim, Elsass) und mit parallelen Schnittfolgen verzierte Knochen (Bilzingsleben, Thüringen).
Frauen als Schöpferinnen sozialer Bezüge
Die Fossilien geben Aufschluss über die biologischen Merkmale der hominiden Evolution. Archäologische Funde, wie Werkzeuge und Siedlungsspuren, erhellen menschliche Tätigkeiten und die materielle Entwicklung der Kultur. Das soziale Verhalten unserer Vorfahrinnen lässt sich aus solchen Resten schwerlich ablesen. Deshalb werden verschiedene Methoden zu Hilfe genommen, um Modelle für frühmenschliche Gemeinschaften zu entwerfen, z. B. Vergleiche mit heute lebenden Sammel- und Jagdvölkern oder mit Menschenaffen. Solche Analogieverfahren können allerdings nur gewisse Anhaltspunkte liefern.
Die Jagdtheorie ist das gängige Modell, das die gegenwärtige patriarchale Geschlechterhierarchie auf evolutionäre Gesetze zurückschreibt. Demnach hätten die Männer durch die Entwicklung der Jagdtechniken den Menschwerdungsprozess geprägt, die Grundlagen für kommunikatives Handeln geschaffen und dadurch seit der frühhominiden Phase die dominante Rolle übernommen. Eine weniger androzentrische Wissenschaftsauffassung sieht jedoch im Teilen der Nahrung, und zwar zunächst der pflanzlichen Nahrung, das wesentliche Merkmal, das Menschen von Tieren unterscheidet. Die amerikanischen Anthropologinnen Adrienne Zihlman und Nancy Tanner haben in Anlehnung an Beobachtungen bei Schimpansen, unseren genetisch nächsten Verwandten im Tierreich, ein Modell für frühmenschliche Gemeinschaften entworfen, in dem die Mutter-Geschwister-Gruppe als die erste Entwicklung sozialen Lernens angesehen wird. In Schimpansengesellschaften entstehen innerhalb der Mutter-Kinder-Gruppe Bindungen, die lebenslang dauern. Die Väter spielen keine Rolle. Von der Mutter lernen die Kleinen das Auffinden und Unterscheiden von essbarer Nahrung, das Bauen von Schlafnestern und den Werkzeuggebrauch. Bei den frühen Hominiden verlängerte sich die Phase der kindlichen Abhängigkeit von der Mutter, so dass sich die Mutter-Kind-Bindung intensiviert haben wird. Im Gegensatz zu den tierischen Primaten, die ihre Nahrung zum unmittelbaren Verzehr sammeln, haben unsere hominiden Vorfahrinnen den Umfang des Sammelertrags erweitert und die Nahrung zum Teilen in das gemeinsame Lager gebracht. Zu den wichtigsten Erfindungen werden demnach Behältnisse zum Transportieren des Sammelgutes zu zählen sein, aber auch Trageschlingen für die Kleinkinder. Die frühesten Werkzeuge waren Steine und Stöcke zum Graben und zum Zerkleinern der pflanzlichen Nahrung. In der um die Mutter zentrierten Geschwistergruppe entwickelten sich die Versorgung anderer mit Nahrung, die Weitergabe von Kenntnissen, eine frühe Sprache, kurz - die Grundformen sozialer Kommunikation. Erst nachdem diese Grundbedingungen gegeben waren, so vermuten Zihlman und Tanner, konnte organisierte Großwildjagd entstehen.
Anfänge der Kunst: Das Frauenbild als Weltbild
Die Neandertalerinnen (Homo sapiens neanderthalensis) lösten die Spezis Homo erectus in der Reihe der Ahninnen ab bzw. waren ein "Nebenzweig". Zahlreiche Skelettfunde belegen ihr Vorkommen in Europa, Asien und Afrika. Sie erschienen vor etwa 150 000 Jahren und starben vor 40 000 Jahren aus. Anatomische Schädelmarkmale dieser Spezies weisen auf die Ausbildung des Sprachzentrums hin. Die Neandertalerinnen bestatteten erstmals ihre Toten, häufig in Ost-West-Richtung. Das beweist, dass sie durch Beobachtungen der Gestirne die Himmelsrichtungen als räumliche Ordnung festlegten. Abstrakte Zeichen wie Linienkreuz und Netzmuster, die z. B. in den Höhlen der Île de France gefunden wurden, sind als symbolische Niederschrift kosmischer Gesetze zu werten.
Die heute lebende Menschenform, Homo sapiens sapiens, tauchte vor etwa 40 000 Jahren, während der letzten Eiszeit, auf. Mit ihr beginnt die Kulturstufe der Jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum), die nach dem Rückzug der Gletscher vor 10 000 Jahren endet. Die Menschen dieser Zeit haben erstmals figürliche Kunst geschaffen. Themen der beginnenden Kunst waren die damals lebenden Tiere, Vulvasymbole und die vielbeachteten Frauenfiguren, die als "Venusstatuetten" in die Literatur eingegangen sind. Erste dauerhafte Siedlungen mit mehreren Wohnbauten, in denen bis zu 100 Personen gelebt haben könnten, lassen auf eine komplexe soziale Struktur schließen. Auch müssen sich Fernkontakte unter den verschiedenen Gruppen entwickelt haben, denn in einigen mitteleuropäischen Siedlungen sind z. B. Muscheln von der Hunderte Kilometer entfernten Atlantikküste aufgefunden worden.
Die in großer Zahl ans Licht gekommenen künstlerischen Zeugnisse aus dieser Zeit vermögen einen Einblick in das Weltbild unserer Ahninnen zu geben, und sie lassen gewisse Rückschlüsse auf ihre Lebensrealität zu. Die deutsche Urgeschichtsforscherin Marie E. P. König hat durch ihre Längs- und Querschnittuntersuchungen eine umfassende Deutung der paläolitihischen Kunst vorgelegt. Sie konnte die herkömmlichen Interpretationen entkräften, die in der Eiszeitkunst den Ausdruck einer Fruchtbarkeits- und Jagdmagie sehen.
Das Denken unserer Ahninnen hat sich mit der Schaffung einer räumlichen und zeitlichen Orientierung und der Frage nach Herkunft und Tod befasst. Davon legen die ost-westlich ausgerichteten Bestattungen der Toten Zeugnis ab und die vielfältigen Vulvadarstellungen, die zu den frühesten figürlichen Abbildern zählen. Sie fanden sich in Wohnstätten, Grablegungen und Kulthöhlen. Auf ein Alter von mehr als 30 000 Jahre werden z. B. die Vulven von Abri Cellier und La Ferrassie (Dordogne) datiert. Marie E. P. König deutet die Vulvasymbolik als Ausdruck eines frühen Wiedergeburtsglaubens der Steinzeitmenschen.
Für die Geschichte der Frauen am bedeutsamsten sind die in der jungpaläolithischen Kunst so zahlreichen Frauendarstellungen. An ihnen können exemplarisch Deutungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Bis heute sind mehr als 500 Frauenstatuetten bekannt. Das Fundgebiet erstreckt sich von den Pyrenäen bis Sibirien. Die meisten sind in der Zeit zwischen 28 000 und 23 000 Jahren vor heute entstanden. Abbilder von Männern fehlen weitgehend in den ersten 10 000 Jahren der beginnenden Kunst. Das fast ausschließliche Vorkommen von Frauendarstellungen während eines so langen Zeitraums muss zu denken geben und verlangt nach einer Betrachtungsweise, die der Gewichtung des Materials Rechnung trägt.
Figürchen vom Typ der Venus von Willendorf (Österreich), Gagarino (Ukraine), Dolní Vestonice (Mähren) und die Reliefs von Laussel (Dordogne) sind nach einem einheitlichen Formenkanon gestaltet. Der Körper ist aus kugelförmigen Elementen um die Mitte zentriert aufgebaut, häufig ist das Schoßdreieck überdeutlich ausgeprägt. Herkömmlicherweise werden die Statuetten als Fruchtbarkeitsidole interpretiert. Dies entspricht einem Denken, in dem Frauen als Garantinnen für die Vermehrung der Art angesehen werden, also in erster Linie in ihrer Mutterfunktion. Die eiszeitlichen Frauengestalten aber erscheinen nie mit Kind.
Marie König hat die Frauenbilder aus ihren Entstehungsbedingungen heraus erklärt. Der figürlichen Kunst voraus ging eine bis in die Homoerectus-Zeit zurückreichende Tradition abstrakter Symbole. Kugelförmige Gebilde, wie in Achenheim ausgegraben, wurden als Sinnbild für die als rund gedachte Welt geschaffen. Das Linienkreuz gab die vier Himmelsrichtungen an. Und Netzmuster, die seit der Zeit der Neandertalerinnen bekannt sind, bezeichnen eine räumliche Unterteilung,, wie sie notwendig ist, um den Lauf der Gestirne zu orten. Die aus kugeligen Elementen aufgebauten Frauenstatuetten veranschaulichen nach Marie König die Rundungen der Welt mit dem Nabel als Mittelpunkt und der Vulva als Symbol für die Wiedergeburt. Häufig ist der Kopf der Frauengestalten mit einem Netzmuster überzogen, dem Ausdruck für räumliche Ordnung. Demnach steht das Frauenbild für ein frühes Weltbild, für das Wissen um räumliche Orientierung und für den zyklischen Prozess des Lebens.
Genealogie, Kult und Kalender
Aufschluss über die praktische Funktion, die die Frauenstatuetten gehabt haben könnten, gibt uns das archäologische Umfeld, in dem sie geborgen worden sind. Dort, wo sie aus gesicherten Fundumständen stammen, wie z. B. in den osteuropäischen Siedlungen, befanden sich die Frauenfigürchen innerhalb der Wohnbauten. Häufig wurden sie in Vertiefungen in Wandnähe oder in der Nähe der Herde verwahrt, oft lagen mehrere in einer Behausung. Die Statuetten könnten als Ahninnen oder Stammütter angesehen worden sein, als Symbol für die gemeinsame Herkunft, das die Funktion hatte, den Zusammenhalt der Gruppe zu stärken. Ihre sorgfältige Verwahrung in Gruben lässt auch an eine Schutzfunktion für die Wohnstätten denken. Das Nachdenken über die Herkunft, das solche Ahninnengestalten hervorgebracht hat, deutet auf ein beginnendes geschichtliches Bewusstsein hin. Dieses Eingebundensein in die durch Frauen garantierte Abfolge der Generationen könnte auch das Relief dreier Frauen aus Angles-sur-l'Anglin (Frankreich) thematisieren. Die Reliefs tragen die körperlichen Merkmale der jungen, erwachsenen und alten Frauen - zu lesen als eine weibliche Genealogie.
Neben den stark stilisierten Frauenfiguren gibt es auch einige Porträts mit individuellen Gesichtszügen. Sie lassen auf die bedeutende Funktion einzelner Frauen innerhalb der Gemeinschaft zurückschließen. Am berühmtesten geworden ist das Bildnis der sog. Schamanin von Dolní Vestonice (Mähren). Die kleine Elfenbeinplastik eines Frauenköpfchens zeigt nach einer Seite hin abgesunkene Gesichtszüge. Die gleiche Verformung weist auch der Schädel einer in der Siedlung bestatteten Frau auf, so dass es sich um ihr Porträt handeln könnte. Außerdem fand sich eine maskenartige Gesichtsdarstellung mit denselben Merkmalen. Durch ihr ungewöhnliches Aussehen mag diese Frau als Vermittlerin zur jenseitigen Welt ausgewählt worden sein.
Eine ganze Reihe von Funden lässt darauf schließen, dass die Erfindung des Mondkalenders auf die Frauen zurückgeht. Aus Laussel (Dordogne) stammt das Kalksteinrelief einer Frau, die in einer Hand ein mondsichelförmiges Rinderhorn hält, das mit 13 Kerben versehen ist - die 13 Mondmonate eines Sonnenjahres. Ihre andere Hand weist auf den Schoß, so dass ein Zusammenhang zum weiblichen Zyklus verdeutlicht wird. Die Frauen der Altsteinzeit erkannten zwischen Menstruations- und Mondzyklen die gleiche Regelhaftigkeit, und sie schrieben dieses Wissen in Mondkalendern nieder. So gesehen ist hier ein Anfang von empirischer Wissenschaft gegeben. Aus der Zusammenschau von körperlichen und außerkörperlichen Prozessen ergab sich die menschliche Einbindung in kosmische Zyklen: Der Kalender, die menschliche Zeit, war entstanden und somit die Voraussetzung für eine zeitliche Ordnung im gesellschaftlichen Zusammenleben, für jahreszeitliche Zusammenkünfte und für den Kulturaustausch zwischen entfernt lebenden Gruppen.
In der endeiszeitlichen Kulturphase (17 000-11 000 Jahre vor heute) hat sich das Frauenbild noch stärker stilisiert. Es zeigt sich in Profilansicht; mit dem nach hinten gestreckten Gesäß erinnert es an eine Tanzhaltung. Diese Stilisierung war über ganz Europa verbreitet und zu einem universalen Ausdrucksmittel geworden. Die starke Abstraktion wirkt wie ein Schriftzeichen: Allein in der Siedlung Gönnersdorf bei Koblenz fanden sich mehr als 400 solcher abstrakter Zeichnungen von Frauengestalten, tief in Schieferplatten graviert. Das erste Zeichen einer frühen Bilderschrift hätte demnach "Frau" geheißen.
Mit dem Sinnzeichen "Frau" wurden auch erste Szenen geschaffen. Gruppen von Tänzerinnen sind aus Gönnersdorf, vom Petersfels (Allgäu) und aus La Roche de Lalinde (Dordogne) belegt. Die Frauentänze waren für das gesellschaftliche Zuammenleben von solcher Bedeutung, dass sie wieder und wieder abgebildet worden sind. Tänze kennzeichnen besondere Ereignisse im Leben der Frauen, in Tänzen werden aber auch Formen der Begegnung ritualisiert - hier Begegnungen unter Frauen. Ein großer Teil der Gönnersdorfer Tänzerinnen bildet Paare. Häufig wurden die Frauen einander zugewandt oder sich umarmend gezeigt. Das erste dargestellte Paar der Kunstgeschichte ist somit ein Frauenpaar.
Frau-Mann-Paare sind aus der Eiszeitkunst nicht bekannt. Erst in der Endeiszeit werden Männer überhaupt zum Thema der Kunst. Sie sind oft als Tier-Mensch-Mischwesen dargestellt, häufig sind sie sterbend oder tödlich bedroht gezeigt. Auffallend ist, dass die männlichen Abbilder in einem anderen, oft ungeübt wirkenden Stil gehalten sind als die in jahrtausendelanger Tradition durchstilisierter Frauenbilder.
Ein kunstgeschichtlicher Vergleich mit der Bilderwelt patriarchaler Gesellschaften gibt zu denken: Keine patriarchale Kultur hat in dieser starken Gewichtung oder gar ausschließlich Frauendarstellungen hervorgebracht. Die Symbolwelt am Anfang der Kultur bezieht sich auf den Lebensbereich der Frauen. Die Vorstellungen über Herkunft und Tod, über die zeitliche und räumliche Einbettung der menschlichen Existenz wurden in Frauenkörpern begreifbar gemacht. Es ist zu vermuten, dass die Frauen es auch waren, die im Zentrum des sozialen und kultischen Lebens gestanden und die kulturelle Entwicklung maßgeblich bestimmt haben.

