Powernapping
Natur & Umwelt

Powernapping

Bild: Foto: Besenbinder, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Vechta hat eine ausgeschlafene Stadtverwaltung: Schon im Jahr 2000 erlaubte sie ihren Beschäftigten ein Mittagschläfchen am Arbeitsplatz. Das brachte der niedersächsischen Kreisstadt einigen Spott ein - "Hier dürfen Beamte im Dienst schlafen", schrieben Zeitungen damals. Doch es blieb bei der Siesta a la Vechta. Die Produktivität sei deutlich gestiegen, das Feedback der Mitarbeiter positiv, heißt es aus der Stadtverwaltung.

Vechta hat eine ausgeschlafene Stadtverwaltung: Schon im Jahr 2000 erlaubte sie ihren Beschäftigten ein Mittagschläfchen am Arbeitsplatz. Das brachte der niedersächsischen Kreisstadt einigen Spott ein - "Hier dürfen Beamte im Dienst schlafen", schrieben Zeitungen damals. Doch es blieb bei der Siesta a la Vechta. Die Produktivität sei deutlich gestiegen, das Feedback der Mitarbeiter positiv, heißt es aus der Stadtverwaltung.

Woanders träumen Beschäftigte bloß von einer Schlafpause während der Arbeitzeit: Jeder fünfte wünscht sich ein Plätzchen für ein Nickerchen, ergab 2012 eine Umfrage des Businessnetzwerks Linkedin unter mehr als 7.000 Fach- und Führungskräften weltweit. Während der Mittagsschlaf in Südeuropa, den USA oder Japan einen festen Platz im Alltag hat, bieten in Deutschland erst wenige Unternehmen ihren Mitarbeitern Ruheräume für ein sogenanntes Power Nap an – darunter BASF, Opel, Lufthansa und Vailllant.

Der Grund: Büroschlaf verträgt sich hierzulande schlecht mit dem Selbstverständnis einer Leistungsgesellschaft und wird mit wenig Effizienz und Faulheit gleichgesetzt. Doch die Wortschöpfung "Powerpapping" macht deutlich, worum es tatsächlich geht. Der englische Ausdruck "nap" bedeutet Nickerchen, "power" heißt Kraft. Powernapping macht also fit für den Job. Das kann sich für Arbeitgeber auszahlen. Nach einem kurzen Mittagsschlaf steigt die Leistungsfähigkeit um bis zu 30 Prozent, zeigte eine Studie der Harvard-Universität. Für Piloten der US-Weltraumbehörde NASA ist Powernapping sogar vorgeschrieben. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass Piloten, die zwischendurch kurz schlafen, um 16 Prozent schneller reagieren als ihre unausgeschlafenen Kollegen. Wer mittags schläft ist also nicht faul, sondern klug.

Kurzer Schlaf, lange Konzentration

Schlafforscher fordern seit langem, Arbeitnehmern einen kurzen Mittagsschlaf zu gönnen. Denn das Leistungstief in der Tagesmitte ist nicht nur auf das sogenannte Suppenkoma nach dem Mittagessen zurückzuführen, wenn die Hauptenergie des Körpers in die Verdauung fließt. Die Tendenz zur Mittagsruhe ist im menschlichen Biorhythmus angelegt. Unsere "innere Uhr" stellt die Zeiger mittags auf Leistungstief. Blutdruck und Körpertemperatur sinken, die Konzentration lässt nach. Das führt zu Fehlern und Unfällen. Ein übermüdeter Mensch büße bis zu 80 Prozent seiner Aufmerksamkeit und 70 Prozent seines Reaktionsvermögens ein, berichtet die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK). "Das Unfallrisiko steigt dadurch um das Siebenfache." Powernapping bringt dem Körper die Erholung, die er mittags braucht.

Doch ein Mittagsschlaf entspannt nicht nur, er erfrischt auch und erhöht die Leistungskraft "Wir reagieren anschließend schneller, sind aufmerksamer und unser Gedächtnis ist besser," sagt der Schlafforscher Jürgen Zulley von der Universität Regensburg zu wissen.de. Mehrere Studien bestätigen dies. Forscher der Universität Düsseldorf fanden 2007 sogar heraus, dass schon sechs Minuten Schlaf ausreichen, um das Gedächtnis zu verbessern. "Möglicherweise werden direkt zu Schlafbeginn Prozesse der aktiven Gedächtniskonsolidierung in Gang gesetzt, die selbst dann wirksam bleiben, wenn der Schlaf kurze Zeit später wieder abgebrochen wird", sagt Olaf Lahl vom Forscherteam.

Powernapping macht außerdem gute Laune, weil die Konzentration von Serotonin im Blut, einem Hormon, das die Stimmung hebt, im Schlaf steigt. Und ein Nickerchen regt die Kreativität an. Deshalb haben Beschäftigte beim Unternehmen Google die Wahl, wo sie dösen wollen – auf dem Sofa, in einer Hängematte oder auch in einer Badewanne voller Schaumstoffbälle. So sollen neue Ideen für die Internetsuchmaschine entstehen.

Zur richtigen Zeit und nicht zu lange

Der beste Zeitpunkt für ein Powernapping hängt vom Schlaftyp ab. Chronobiologen unterscheiden hier zwischen Lerchen und Eulen. Lerchen kommen schon ganz früh morgens gut aus dem Bett und haben zwischen zwölf und 14 Uhr ihren müden Punkt. Eulen stehen am Morgen lieber etwas später auf und bauen zwischen 16 und 18 Uhr ab. Die meisten Menschen sind allerdings gemäßigte Lerchen oder Eulen und liegen zeitlich in der Mitte zwischen beiden – auch was das Tagestief betrifft.

Positiv wirkt ein Mittagsschlaf allerdings nur, wenn er nicht zu lange dauert. Nach 20 bis 30 Minuten Schlaf gleitet der Mensch in eine Tiefschlafphase, und wer aus der herausgerissen wird, büßt die erfrischenden Effekte des Powernappings ein. Um rechtzeitig aufzuwachen, hilft ein Wecker – oder der Kaffee-Trick. Denn Koffein beginnt nach 20 bis 30 Minuten zu wirken. Wer vor einem Power Nap also Kaffee oder Espresso trinkt, wird beizeiten von alleine wach.

Hier geht's zur Bildergalerie "Powernapping"

Mehr aus Natur & Umwelt

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Natur & Umwelt.

Alle Natur & Umwelt-Artikel
Der Ozean kommt außer Atem: Warum unser größter Klimapuffer schwächelt
Natur & Umwelt

Der Ozean kommt außer Atem: Warum unser größter Klimapuffer schwächelt

29. Oktober 2026

Der Ozean hat fast 30 Prozent des CO2 geschluckt, das wir je emittiert haben – doch durch die Erderwärmung nimmt er bereits sechs Prozent weniger auf als möglich. Was dieser versteckte Kipppunkt für uns bedeutet.

Rechtspersönlichkeit für Ökosysteme: Mar Menor klagt in Spanien
Natur & Umwelt

Rechtspersönlichkeit für Ökosysteme: Mar Menor klagt in Spanien

23. Oktober 2026

Die spanische Lagune Mar Menor hat seit 2022 Rechtspersönlichkeit – als erstes Ökosystem Europas. Felix Aiwanger vom Max-Planck-Institut erklärt, wer künftig klagen könnte und wie Deutschland im internationalen…

Hummelähnliche Insektenart nach 150 Jahren in Frankreich wiederentdeckt
Natur & Umwelt

Hummelähnliche Insektenart nach 150 Jahren in Frankreich wiederentdeckt

21. Oktober 2026

Eine hummelähnliche Insektenart, die seit rund 150 Jahren in Frankreich als verschwunden galt, wurde im Raum Paris erneut gesichtet. Forschende sehen den Fund als Beleg für eine globale Taxonomie-Krise.

Wie die Ölindustrie den Zweifel am Klimawandel erfand
Natur & Umwelt

Wie die Ölindustrie den Zweifel am Klimawandel erfand

19. Oktober 2026

Ein neuer Bericht dokumentiert, wie fossile Konzerne systematisch Desinformation über die menschengemachte Erderwärmung verbreiteten. Klimaforscher Stefan Rahmstorf empfiehlt die Lektüre dringend.

← Zurück zu Natur & UmweltZur Startseite